Bei uns war es nie langweilig

Mit seinem Team auf der Cap Anamur rettete Rupert Neudeck von 1979 bis 1986 Tausende Vietnamesen, die in überfüllten Booten aus ihrer Heimat flohen. Genug Gutes getan? Von wegen! Er hatte noch viel vor.
 

Die Ohrenkuss-Redakteure trafen Rupert Neudeck im August 2015 auf dem Gelände der ehemaligen Ermekeil-Kaserne in Bonn.

Interview Anna-Lisa Plettenberg,
Paul Spitzeck, Julian Göpel

Fotos Sandra Stein

Herr Neudeck, was ist das Wichtigste, das Sie in Ihrem Leben erreicht haben?
Das Wichtigste in meinem Leben ist die eigene Familie. Dass ich eine Frau gefunden habe, mit der ich seit 40 Jahren zusammen bin. Dass ich drei Kinder habe und fünf Enkelkinder. Das ist das Schönste in meinem Privatleben. Das Schönste in meinem anderen Leben ist, dass wir es geschafft haben, ein so großes Schiff auf das Meer nach Südostasien zu schicken und dort 9.507 Menschen aus dem Wasser zu ziehen.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Julian Göpel

Als Kind mussten Sie und Ihre Familie aus Ihrer Heimat fliehen. Was war das für ein Gefühl?
Das weiß ich alles noch ganz genau. Es hat wohl damit zu tun, dass es eine ganz furchtbare Zeit war und wir nicht wussten, ob wir lebend oder tot da rauskommen. Einmal wollte meine Mutter mit uns vier Kindern, ich war mit fünf Jahren der Zweitälteste, ein Schiff in Gdingen (heute Gdynia, Anm. der Red.) erreichen, um in den Westen zu fliehen. Wir kamen am 30. Januar 1945 im Hafen an und haben das Schiff ganz knapp verpasst. Später haben wir erfahren, dass dieses Schiff, auf dem über 10.000 Menschen waren, von Torpedos getroffen wurde. Nur 1.200 Menschen haben überlebt. Damals haben wir mit unserer Mutter einen Spruch entwickelt: Manchmal ist es gut, wenn man zu spät kommt.

Können Sie uns etwas über die Cap Anamur erzählen? Was ist damals passiert?
Für ein so großes Schiff, auf dem man 1.000 Leute aufnehmen kann, braucht man viel Geld. Wir hatten eine Fernsehsendung, in der unsere Kontonummer eingeblendet wurde. Drei Tage später waren 1,3 Millionen Mark auf dem Konto. Wieder drei Tage später habe ich ein Schiff gemietet, das schon in Japan lag. Es hieß Cap Anamur. Auf dem Schiff haben wir ein Hospital mit einem Operationssaal aufgebaut für kranke und verletzte Flüchtlinge. Wir hatten ein Team von sechs Ärzten und einer Krankenschwester. In Japan haben wir Rettungsboote, Schwimmwesten und Lebensmittel gekauft. Dann sind wir losgefahren und haben immer wieder Menschen gerettet. Da sieht man plötzlich ganz weit weg auf dem Meer einen schwarzen Punkt. Und der kommt näher und wird immer größer, und dann sieht man: Es ist ein kleines Boot, vollgestopft mit Menschen, die da sitzen und drei Tage und drei Nächte ihre Beine nicht bewegen konnten, weil es so eng war. Wir hatten eine Vietnamesin an Bord, die den Menschen über Lautsprecher sagte, dass sie ruhig abwarten sollten. Schon wenn Sie einen Tag lang Ihre Beine nicht bewegt haben, müssen Sie erst mal üben zu gehen. Deshalb hatten wir an Bord einen großen Kran. Der konnte eine Plattform runterlassen, auf die man die Menschen heben konnte. Das sind Momente, die man nie vergisst.

Unterhielten sich gut: Anna-Lisa Plettenberg und Rupert Neudeck

Heute müssen viele Menschen aus dem Mittelmeer gerettet werden. Gibt es auch jetzt Menschen, die auf Schiffen dabei helfen?
Ja, die gibt es. Mit einem Projekt stehe ich in engem Kontakt, deren Schiff liegt auf Malta. Das ist ein ganz tolles Schiff. Es ist nicht so groß wie die Cap Anamur, aber es hat elektronische Rettungsmöglichkeiten, von denen wir damals nicht träumen konnten. Es kann mit einem unbemannten kleinen Flugzeug, einer Drohne, das Meer absuchen nach Booten mit Menschen, die in großer Not sind. Die Drohne gibt Informationen an Schiffe in ihrer Nähe. Diese Schiffe unterstützen wir von hier aus. Es gibt auch ein kleines Schiff vor Lampedusa von einem Kapitän aus Hamburg, mit dem ich in Kontakt bin. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat ebenfalls ein Schiff gemietet, sodass wir mindestens drei Schiffe haben, die alles tun, um zu helfen. Dazu kommen noch die Schiffe der deutschen Bundesmarine und der italienischen Marine. Also, ich glaube, die Situation ist besser als vor einem Jahr.

Wie unterstützen Sie Flüchtlinge heute?
Flüchtlinge muss man da unterstützen, wo sie zuerst gestrandet sind. Wir machen das in der Türkei an der Grenze zu Syrien. Es gibt kein Volk, das in einer so großen Not ist wie die Syrer. Und wir versuchen, den syrischen Flüchtlingen, die an der türkischen Grenze sind, zu helfen, indem wir für die Kinder Schulen bauen. Die Kinder verlieren alles, sie wissen nicht mehr, ob sie sich auf diese Welt noch verlassen können. Und wenn sie ein Jahr keinen Unterricht haben, dann ist das ein Jahr Verlust. Deshalb bauen wir Schulen an der Grenze. Wir müssen hier in Deutschland etwas tun für die Flüchtlinge. Manche Menschen verstehen das nicht und sind sogar wütend, dass so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Sie sagen, es sind zu viele. Man muss den Bürgern erklären, unter welchen Bedingungen diese Menschen zu uns kommen. Wenn man weiß, dass sie alles auf sich nehmen, um zu uns zu kommen, dass sie sogar den eigenen Tod riskieren, dann, glaube ich, verstehen die Bürger das auch. Viele Flüchtlinge, die zum Beispiel aus Afrika kommen, wollen ja nur etwas lernen und eine Ausbildung machen, um dann zurückzukehren und ihre Familien zu ernähren.

Menschen und Pflanzen genießen die Herbstsonne

Sie haben drei Kinder. Was ist das Wichtigste, das Sie ihnen beigebracht haben?
Das Wichtigste für unsere drei Kinder war, dass sie immer das Wichtigste für uns waren. Und das kann man auch zeigen, wenn man wenig Zeit hat. Wir hatten ja manchmal gar keine Zeit. Wir mussten für dieses Schiff arbeiten. Telefon und Fax liefen dauernd. Die Kinder sollten aber immer wissen, dass sie für uns die Allerwichtigsten sind. Wir hatten manchmal Sorge, ob wir das auch schaffen. Aber unser Sohn hat noch kürzlich gesagt, wir müssten uns keine Sorgen machen. Nach der Schule sind die Klassenkameraden unserer Kinder immer zu uns gekommen und nicht umgekehrt. Warum war das so? Bei uns war es immer unordentlich. Kinder mögen das, ...

Nein! (alle lachen)
... und es gab auch nicht immer pünktlich etwas zu essen, sondern es konnte sich jeder was nehmen. Bei uns war es nie langweilig. Es gab oft Besuch. Kinder sind in der Lage, mit allen Menschen Freund zu sein. Sie haben nicht so eingefahrene Vorstellungen, dass ein Freund die richtige Hautfarbe haben muss oder die richtige Religion oder den richtigen Pass.

Gibt es etwas, das Sie noch lernen wollen?
Ich möchte unbedingt Arabisch lernen. Das hat damit zu tun, dass wir in vielen arabischen Ländern arbeiten und ich dort bislang immer nur Englisch oder Französisch mit den Menschen sprechen kann. Nächstes Jahr möchte ich drei Wochen in den Libanon. Da kann man einen Kurs machen, in dem man drei Wochen nur unter Menschen ist, die Arabisch sprechen. Vielleicht kann ich dann zumindest – auf Deutsch sagt man: radebrechen. Und ich habe noch einen zweiten Wunsch. Darf ich den auch nennen?

Ja, Wünsche darf man immer ­sagen.
Ich möchte gerne noch einen Marathonlauf machen. In einem Land der Welt, in dem die Menschen sehr, sehr arm sind und gerade wieder zwei Kriege hinter sich haben: im Gazastreifen. Dort gibt es eine Sandküste, die ist 41,8 Kilometer lang. Das ist ziemlich genau die Marathonstrecke. Ich weiß nicht, ob das gelingt. Vielleicht nehme ich meinen Sohn mit. Der schafft das. Der kann mich dann ziehen.

Herr Neudeck, wir danken Ihnen für das Gespräch.


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