Lindenstraßen-Star Irene Fischer im Interview

Irene Fischer ist seit 29 Jahren als Schauspielerin und Drehbuchautorin in der „Lindenstraße“ dabei. Im Interview spricht sie über ihre Arbeit, ihr Engagement – und verrät, wem sie niemals eine Postkarte schicken würde.

Irene Fischer mit Pau Spitzek. Beim Interview mit den Ohrenkuss-Redakteuren in den Kulissen der "Lindenstraße" herrschte extrem gute Laune.

Interview: Angela Fritzen, Julian Göpel, Anna-Lisa Plettenberg und Paul Spitzeck

Fotos: Britt Schilling

Sie spielen in der Serie „Lindenstraße“ mit. Schon seit 29 Jahren. Zwei Jahre lang haben Sie eine Pause gemacht. Was haben Sie in der Zeit getan?

In der Zeit habe ich viele Drehbücher geschrieben. Außerdem habe ich mit einem Kollegen ehrenamtlich Lesungen zugunsten der Lebenshilfe abgehalten. Seit 2013 bin ich auch Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Das ist eine große Ehre für mich. In dieser Funktion setze ich mich speziell für Menschen mit geistiger oder seelischer Krankheit oder Behinderung ein.

Irene Fischer genoss das Gespräch (hier mit Angela Fritzen) mit Fragen, die ihr zuvor noch niemand gestellt hat.

Seit Kurzem sind Sie wieder bei der „Lindenstraße“ dabei. Fühlt sich das gut an?

Ja, das fühlt sich super an. Ich habe die Pause zwar genossen, und es war gut, einmal etwas anderes zu machen. Aber ich habe das Drehen und meine Kollegen sehr vermisst – und ich bin sehr, sehr gerne Schauspielerin!

Sie sind nicht nur Schauspielerin in der „Lindenstraße“. Sie schreiben auch die Drehbücher. Was ist das Gute daran, beides zu machen?

Es macht mir beides viel Spaß. Ich könnte mich ganz schwer zwischen Spielen und Schreiben entscheiden. Beim Schreiben ist man viel allein, beim Schauspielern ist man ständig mit ganz vielen Leuten zusammen. Ich mag beides. Außerdem weiß ich als Schauspielerin besser, welche Sprache ich im Drehbuch verwenden muss, nämlich eine lebendige, gesprochene Sprache und keine Schriftsprache.

Wie viele Drehbücher haben Sie schon geschrieben?

Bestimmt über 200 – mehr als manch ein Schriftsteller in seinem ganzen Leben schreibt. Das muss bei uns sehr schnell gehen, und man muss flexibel sein. Wenn zum Beispiel ein Schauspieler krank wird, muss man auch mal schnell was umschreiben können.

In der Serie haben Sie einen Sohn. Ihr Filmsohn heißt Martin. Sein echter Name ist Jan Grünig. Er hat das Downsyndrom. Wie wir. Sein Spitzname in der Serie ist Mürfel. Warum heißt er so?

Den Spitznamen habe ich erfunden. Für Martin gibt es nicht so viele Spitznamen. Man sagt ja nicht Martinchen oder Martini. Und ich wollte unbedingt, dass seine Eltern Hans und Anna ihm einen schönen Namen geben. Manchen Leuten hat der Spitzname nicht gefallen. Aber man kann es eben nicht allen recht machen.

In der Serie ist Martin jetzt 16 Jahre alt. Welche Themen sind gerade wichtig für seine Serienfigur? Wie geht es ihm gerade?

Jetzt ist natürlich Pubertät ein Thema, aber auch Ausbildung. Da Jan Grünig nicht so gerne auswendig lernt, wird viel von ihm über seine Eltern Hans und Anna erzählt, die über ihn reden. Das ist ein bisschen schade. Aber der Kerl ist leider stinkfaul.

Blick auf die nächste Frage: Anna-Lisa Plettenberg (links) mit Angela Fritzen.

Wir sind nicht faul. Er sollte mal zu uns kommen.

Ja, aber er ist ja erst 16 – da darf man auch mal faul sein. In Zukunft gibt es bestimmt wieder mehr Szenen mit ihm. Wenn es um Themen geht wie Von-zu-Hause-Ausziehen oder die erste Liebe wird es sicher spannend.

Was hat sich für Sie verändert, seit Jan Grünig in der Serie mitspielt?

Es hat sich ganz, ganz viel für mich verändert. Davor hatte ich noch nie mit Menschen mit Downsyndrom zu tun. Anfangs war er ja noch ein Baby. Es hat mich berührt, wie alle Kollegen Rücksicht auf ihn genommen haben. Jan Grünig hat das Team veredelt, kann man sagen. Er hat Seiten an Kollegen hervorgerufen, von denen ich vorher gar nichts wusste. Ich habe natürlich auch viel mit seinen Eltern gesprochen und mich informiert. Das hat mein ganzes Weltbild verändert. Deshalb engagiere ich mich jetzt auch für Menschen mit Downsyndrom oder mit geistiger Behinderung.

Glauben Sie, dass die „Lindenstraße“ den Blick auf Menschen mit Downsyndrom verändert hat?

Das wäre schön, wenn es so wäre. Viele Menschen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, sind ja ein bisschen ängstlich. Weil sie nicht wissen, wie man miteinander umgehen soll. Hans und Anna zeigen ja, dass man ein Kind, das vielleicht etwas anders ist, genauso lieb haben kann und mit ihm genauso normal umgehen kann. Viele Zuschauer haben uns geschrieben, dass sie das ganz toll finden. Außerdem ist es natürlich gut, dass wir das Thema über so lange Zeit, 16 Jahre, zeigen konnten. Man sieht, dass Martin die gleichen Probleme mit Schule, Pubertät und so weiter hat wie seine Geschwister auch. Aber letztendlich sind wir nur eine Spielfilmserie – so viel kann man da auch wieder nicht bewegen.

Gruppenbild mit Dame: Anna-Lisa Plettenberg, Irene Fischer, Paul Spitzek und Angela Fritzen (von links)

Sie werden bestimmt oft auf der Straße erkannt. Verwechseln die Leute oft Irene Fischer und Anna Ziegler?

Ja, manchmal schon. Das ist ein bisschen blöd, denn Anna ist ja nicht immer sympathisch. Sie ist immer etwas nervös und angespannt. Oder auch zickig. Wenn die Leute denken, ich bin wie Anna, dann finde ich es schade. Denn Irene ist eigentlich ganz nett.

Wir haben gelesen, Sie hatten eine Depression. Und wir haben gelesen, Sie finden es wichtig, darüber zu sprechen in der Öffentlichkeit. Können Sie uns erklären, warum?

Viele Menschen haben Depressionen oder erleben depressive Phasen. Da bekommt man nichts auf die Reihe, und alles, was man tut, fällt einem schwer. Man hat zu nichts Mut, man hat zu nichts Lust und würde am liebsten nur schlafen. Man kann nicht mehr arbeiten. Einfach nur noch Decke über den Kopf ziehen. Ich finde, darüber muss man sprechen. Die meisten Leute schämen sich dafür. Manche bringen sich sogar um. Man kann aber etwas gegen diese Krankheit tun. Es gibt gute Ärzte und auch Medikamente und Kliniken. Aber viele Menschen haben Vorurteile. Dagegen muss man angehen. Deshalb ist es gut, wenn Leute wie ich, die ein bisschen bekannt sind, sagen: „Ich hatte das auch. Aber ich habe mir helfen lassen.“

Beschäftigen Sie sich mehr mit Ihrer Vergangenheit oder mit Ihrer Zukunft?

Ihr habt wirklich tolle Fragen! Ich versuche, mich mehr mit der Zukunft zu beschäftigen. Wenn man sich zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt, besteht das Risiko, dass man jammert und selbstmitleidig wird. Weil man natürlich Fehler gemacht und Chancen verpasst hat. Aber um die Zukunft gut zu meistern, muss man Fehler aus der Vergangenheit erkennen. Deshalb muss man sich schon etwas damit beschäftigen – aber nicht zu viel. 

Wem würden Sie nie im Leben eine Postkarte schicken?

Dem Diktator von Nordkorea. Der ist schrecklich und größenwahnsinnig und knechtet sein Volk.

Wen rufen Sie an, wenn es Ihnen schlecht geht?

Ich habe tolle Geschwister, die ich über alles liebe. Meine beiden Brüder sind für mich da. Und ich habe alte, tiefe Freundschaften. Ich bin im Internat aufgewachsen. Da ist es etwas anderes, als wenn man Freunde nur nach der Schule trifft. Aus dieser Zeit habe ich immer noch Freundinnen und Freunde. Und die kann ich jederzeit anrufen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Frau Fischer, wir danken Ihnen für das Gespräch!


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