„Kennen Sie auch Verbrecher, die ein Handicap haben?“

Der ehemalige Eiskunstläufer-Profi und heutige Moderator der Sendung "Aktenzeichen XY" ist der neue Botschafter der Aktion Mensch. Vier Autorinnen und Autoren des Magazins Ohrenkuss, die das Down Syndrom haben, trafen ihn zum Interview: Angela Fritzen (AF), Julian Göpel (JG), Anna-Lisa Plettenberg (AP) und Paul Spitzeck (PS).

 

 

PS: Guten Tag, Herr Cerne. Ist Rudi Ihr Spitzname?

Nein. Mein Vater hieß Rudolf, und damit es nicht zwei Rudolfs in der Familie gibt, hat mein Vater gesagt: „Du heißt einfach nur Rudi“. In diesem Zusammenhang gab es eine lustige Begegnung mit Rudi Völler in der Düsseldorfer Innenstadt. Er meinte: „Hallo Rudi! ‚Rudi‘, so heißt doch heute keiner mehr, nur wir zwei“.

 

AP: Sie haben ja irgendwann aufgehört mit dem Eiskunstlauf als Beruf. Ist das für Sie schwer gewesen?

Überhaupt nicht. Als ich noch bei Olympischen Spielen und bei Weltmeisterschaften gelaufen bin, da war ich schon 25. Da war ich zu meiner Zeit der Älteste. Da hatte ich ein attraktives Angebot und bin noch vier Jahre zu „Holiday on Ice“ gegangen, um Geld zu verdienen. In der Zeit habe ich aber gemerkt, dass mir der Sport immer schwerer gefallen ist. Ich hatte nicht mehr diese Schnelligkeit, die Sprungkraft ließ nach, und am Ende war ich auch froh, dass es vorbei war. Es war sehr anstrengend.

 

PS: Laufen Sie immer noch auf
dem Eis?

Nein. Nur einmal alle vier Jahre. Meine Tochter ist 23 und wollte mich unbedingt noch einmal auf dem Eis sehen. Also habe ich mir wieder Schlittschuhe gekauft und bin in Frankfurt auf der Eisbahn gewesen. Sie tun aber sehr weh und sind sehr hart. Inzwischen spiele ich lieber Tennis oder gehe im Wald laufen.

 

AF: Herr Cerne, was wären Sie als Kind gerne gewesen, wenn Sie
mal groß sind?

Das war der Klassiker. Ich komme ja aus dem Ruhrgebiet. Als Kind wollte ich LKW-Fahrer werden – dann Pilot. Es war damals ein Traumberuf und ist heute immer noch ein Traum.

 

AF: Das hätte ich auch gerne gemacht.

Ich möchte gerne noch einen Bootsführerschein machen. Segeln mit einem kleinen Katamaran, das geht schon – ist ja so ähnlich wie Surfen. Das mache ich sehr gerne. Aber mit dem Motorboot über den Rhein fahren, das wäre eine neue Herausforderung.

 

AP: Was können Sie besonders gut?

Kochen! (allgemeines Gelächter) Ja. 

 

AF: Was denn zum Beispiel?

Spiegeleier …

 

JG: Sie sind Moderator der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Was bedeutet dieser Name eigentlich?

Wenn in einem Kriminalfall gegen jemanden ermittelt wird, dann legt die Staatsanwaltschaft ein Aktenzeichen an. Das ist eine Mappe mit einer Nummer. Und der Erfinder dieser Sendung, Eduard Zimmermann, hat irgendwann gesagt: „Ich weiß keine Aktennummer, sagen wir einfach XY“.

 

AP: Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit erzählen? Was genau tun Sie da, und was finden Sie am spannendsten daran?

Am spannendsten ist die Arbeit mit den Kommissaren. Die kommen ja in diese Sendung, weil sie in ihren Fällen nicht weiterkommen. Es geht dabei um Mord, Raubmord, Totschlag, also das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Dann ist der letzte Strohhalm, die letzte Möglichkeit, über die große Öffentlichkeit etwas zu erreichen. Und die stellen wir her. Wenn „Aktenzeichen“ sendet, gucken an guten Tagen circa fünf Millionen Menschen zu. Ich rede mit den Kommissaren. Die sind natürlich oft aufgeregt, wenn sie live im Fernsehen vor Zuschauern sprechen müssen. Dann reden wir über die Fragen und sprechen ab, was wichtig für die Zuschauer ist. Diese Nervosität versuche ich ihnen zu nehmen.

 

Angela Fitzen, Anna-Lisa Plettberg und Paul Spitzek gehen ihre Interviewfragen nochmal durch.

Herr Cerne, haben Sie schon mal was geklaut?
 

JG: In einem Interview sagen Sie: Ich bin Pendler zwischen Sport und Mord. Fällt Ihnen das leicht? Ist die Welt des Sports hilfreich, wenn Sie das Thema Mord verstehen wollen? Haben Sie das Gefühl, manchmal zwischen den Welten zu sein?

Ja, total. Es ist ein großer Kontrast, wie Schwarz und Weiß, wie Hell und Dunkel. Sport ist die schönste Nebensache der Welt. Er ist unterhaltend, mitunter auch lustig. Man freut sich mit dem, der gewinnt, man ist vielleicht auch enttäuscht mit dem, der nur Vierter geworden und knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt ist. Aber bei Mord sehen wir uns ja mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Ganz extrem war es kürzlich in meiner Sendung über die vermisste Madeleine McCann. Sie wurde offensichtlich vor sieben Jahren entführt. Besonders bewegend für mich war, zu spüren, wie sehr ihre Eltern leiden. Diese Ungewissheit ist unglaublich belastend. Es gibt nie Routine für mich.

 

AP: Hat die Sendung „Aktenzeichen XY“ Ihre Angst weniger oder mehr gemacht? Haben Sie jetzt mehr oder weniger Angst als vorher?

Ich hatte früher schon keine Angst – jetzt auch nicht. Ich bin aber ein vorsichtiger Mensch. Ich fühle mich in all dem, was ich früher an Vorsicht habe walten lassen, auch sehr bestätigt. Wenn dir abends eine Gruppe von Jungs entgegenkommt, wo du das Gefühl hast, die wollen jetzt nicht mit dir „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen, dann muss man ja nicht provozieren. Sondern dann habe ich früher schon die Straßenseite gewechselt und gehe diesem Ärger aus dem Weg.

 

AF: Haben Sie einen Tipp für uns, was kann man tun, wenn man in der U-Bahn beobachtet, dass jemand Gewalt ausübt. Wie kann man sich und andere schützen?

Viele haben ein Handy dabei: über 110 die Polizei anrufen. Auf keinen Fall darf man sich selbst in Gefahr bringen. Öffentlichkeit herstellen, laut werden: „Hey, was machen Sie da. Lassen Sie das sein!“ Man sollte die Person in einer solchen Situation nicht mit „Du“ anreden, sondern Distanz herstellen durch das „Sie“. Das sind kleine Tipps, die ich geben kann. Zum Glück bin ich selbst noch nie in eine solche Situation gekommen.

 

PS: Herr Cerne, haben Sie schon mal was geklaut?

Nicht mal einen Bonbon. Tut mir leid, ich habe noch nie etwas geklaut. (Gelächter)

 

AP: Hat Ihre Arbeit in der Sendung Ihre Vorstellung von Ihrem eigenen Tod verändert? Möchten Sie uns davon erzählen?

Man merkt, wie wertvoll ein Menschenleben ist. Und wie schnell ein Menschenleben und auch das der Angehörigen zerstört wird. Wenn jemand umgebracht oder entführt wird. Und man weiß nicht, was los ist. Auf einmal ist dieser Mensch weg. Das ist mir bewusster geworden.

 

Kennen Sie auch Verbrecher, die ein Handicap haben?
Es gab mal einen Täter, der im Rollstuhl saß, der ein Kind sexuelle missbraucht hatte. Er ist durch „Aktenzeichen“ überführt worden. Wegen eines anderen Falles, eines Mordes an einer Frau aus Venezuela, hatten wir einen Spanisch-Dolmetscher in der Sendung. Darin wurde auch ein Fahndungsfoto von dem Mann mit Behinderung gezeigt, der ein Kind sexuell missbraucht hatte. Wir bekamen einen Anruf von einer deutschen Frau aus Marbella, die sagte, der Mann lebe in ihrer Wohnanlage. Wir haben den Spanischdolmetscher bei der spanischen Kriminalpolizei anrufen lassen und die Guardia Civil hat den Mann tatsächlich festgenommen.

 

AF: Wir haben gehört, dass man Sie mal mit einem Terroristen verwechselt hat. Mit Christian Klar. Wie ist das passiert?

Das war 1978. Ich hatte mir den Arm bei einem Sturz im Schaulaufen ausgerenkt. Beim Einchecken am Flughafen in München glaubte ein Mann, in mir Christian Klar erkannt zu haben. Auch die Stewardess dachte das. In Düsseldorf am Flughafen empfingen mich dann mehrere mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten. Einer kam zu mir und sagte: „Nehmen Sie die Hände hoch!“ Das ging natürlich nicht mit dem verletzten Arm. Ich wurde vernommen und nach einer guten Stunde hatte sich die Situation glücklicherweise aufgeklärt.

 

Rudi Cerne erzählt von seiner neuen Aufgabe als Botschafter der Aktion Mensch.

Aktion Mensch bedeutet für mich, dass ich mit so interessanten Leuten wie Ihnen zusammenkomme.
 

PS: Was bedeutet für Sie der Name „Aktion Mensch“?

Aktion Mensch bedeutet für mich, dass ich mit so interessanten Leuten wie Ihnen zusammenkomme. Als Journalist, als Reporter bin ich immer sehr neugierig. Und das ist für mich eine völlig neue Aufgabe. Ich freue mich sehr auf die spannende Zeit mit der Aktion Mensch.

 

AP: Herr Cerne, Sie werden Botschafter für die Aktion Mensch. Was macht ein ehrenamtlicher Botschafter eigentlich?

Wir fahren mit der Kamera zu den verschiedenen geförderten Projekten der Aktion Mensch und stellen sie vor. Wir haben schon einige Termine ausgemacht. Und dann kann man bei der Aktion Mensch-Lotterie ja auch etwas gewinnen.

 

AF: Ja, das kann man. Meine Mutter spielt da auch mit.

Zu denen, die gewinnen, kann ich sagen: „Ab jetzt können Sie die Korken knallen lassen, denn ab heute zählen Sie zu den Hauptgewinnern.“ Das ist, wie man in Neudeutsch sagen würde, eine Win-win-Situation. Für alle Beteiligten kommt etwas dabei rum. Etwas Schöneres kann man sich als Moderator ja gar nicht wünschen.

 

PS: Was finden Sie denn noch schön?

Wenn ich im Tennis gewinne.

 

JG: Haben Sie schon mal mit Boris Becker gespielt?

Leider nein. Mir würde es schon reichen, wenn ich mal gegen meine Frau gewinnen würde. Die ist leider besser als ich. Ein schönes Abendessen finde ich auch schön.

 

AF: Gehen Sie manchmal mit den Kindern aus?

Mit meiner Tochter, die studiert jetzt in Mainz. Sie kommt am Wochenende zu uns. Dann werden wir aber zu Hause kochen. Das ist intensiver.

 

PS: Haben Sie Haustiere?

Nein, nicht mehr. Wir hatten früher einen tollen Hund. So einen weißen West Highland Terrier, die Zarah. Ganz lieb und knuffig. Der Hund kam aus einer Artistenfamilie, den Rastellis. Die wollten ihn schon einbauen in ihr Programm. Sie konnte schon einige Kunststücke, zum Beispiel auf die Hinterbeine stellen und sich um sich selbst drehen. Zu der Zeit war ich noch auf Tournee gewesen in ganz Europa. Also habe ich mit meinen Eltern gesprochen und ihnen den Hund gebracht, wenn ich unterwegs war. Wir hatten Zarah zehn Jahre. Dann mussten wir sie leider einschläfern lassen, weil sie Krebs hatte. Wir haben sie in einem Koffer mit auf die Eisbahn genommen. Dann wurde der Koffer aufgemacht, und sie ist rausgesprungen. Jeder andere Hund wäre durchgedreht.

 

AF: Meine Schwester hat mal in einem Chor gesungen. Haben
Sie mal in einem Chor gesungen?

Nein, das habe ich nicht. Ich kann nicht singen. Wenn ich singe, dann gehen die Lampen aus und dann gehen alle raus. (Gelächter)

 

AP: Haben Sie ein Lieblingsbuch?

Ich lese gerne Kriminalromane. Einer meiner Lieblingsautoren ist Sidney Sheldon und Robin Cook – ein Arzt, der auch Romane schreibt und damit sehr erfolgreich ist. Sehr empfehlen kann ich seinen Kriminalroman „Koma“.

 

JG: Gibt es etwas, das Sie sich gerne im Fernsehen ansehen?

Ja, natürlich. Ich schaue mir unheimlich gerne alte amerikanische Western an mit John Wayne oder Gary Cooper, wie in „High Noon“ – der Klassiker schlechthin. Oder „Der unsichtbare Dritte“ mit Cary Grant.

 

AP: Auf was können Sie in Ihrem Alltag nicht verzichten?

Freude. Einfach Freude haben. An irgendwas kann man sich immer erfreuen. Ich wohne im Spessart. Der Name ist eine Abwandlung von „Spechtswald“. Wir haben in unserem Garten eine alte Korkenzieherweide. Eines Morgens wache ich auf und denke: „Was muss mein Nachbar unbedingt um fünf Uhr morgens hämmern?“ Und als ich rauskomme, macht sich ein großer Buntspecht an meiner Korkenzieherweide zu schaffen. Da habe ich gelacht.

 

PS: Haben wir vergessen, etwas zu fragen?

Nein. Es war alles dabei. Ich bin überwältigt.

 

AF: Vielen Dank für das Interview!

 


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