Ein Spiegel der Welt

Nur wenige Theaterbühnen beschäftigen Schauspieler mit offensichtlicher Behinderung. Am Staatstheater Darmstadt sind Jana Zöll und Samuel Koch feste Ensemblemitglieder.

Samuel Koch (Zweiter von links) in der Saison 2014/2015 als Titelheld Prinz von Homburg.

Text: Astrid Eichstedt

Glaub nicht, dass du je ein festes Engagement an einem Theater bekommst“, hatte man Jana Zöll während ihres Schauspielstudiums an der Akademie für darstellende Kunst (ADK) in Ulm prophezeit. Und das, obwohl die ADK als einzige Schauspielschule in Deutschland Bewerber annimmt, die den Rollstuhl nutzen. Jana Zöll hat die Vorhersage widerlegt. Seit Herbst 2014 ist die 90 Zentimeter große Schauspielerin, die Glasknochen hat, ebenso wie ihr Kollege, der prominente Tetraplegiker Samuel Koch, festes Ensemblemitglied am Staatstheater Darmstadt. Es ist Deutschlands vorerst einziges öffentlich subventioniertes Theater, das sich die künstlerische Freiheit erlaubt, zwei Schauspieler mit schwerer Behinderung zu beschäftigen. Einfach, weil sie gut sind. Weil sie beim Vorsprechen überzeugten. „Jedes Mitglied unseres Ensembles kann bestimmte Sachen, so wie nur sie oder er sie kann“, sagt der Intendant Karsten Wiegand. „Sie alle sind einzigartig darin. Und die Frage, ob jemand, um von A nach B zu kommen, zu Fuß geht oder einen Rollstuhl benötigt, ist erst mal nachrangig.“

Jana Zöll in der Titelrolle im Kindertheaterstück „Mio, mein Mio“ nach Astrid Lindgren. Rechts: Julius Bornmann als Mios Freund Jum-Jum.

Faszinierte Zuschauer

Einige Zuschauer sehen das jedoch anders. Es gab Lehrer, die die Kartenbestellung für ihre Klasse stornierten, als sie erfuhren, dass Jana Zöll die Titelfigur im Weihnachtsmärchen „Mio, mein Mio“ nach Astrid Lindgren verkörpern würde. „Ihren Schülern haben sie dadurch einiges vorenthalten“, meint Jana Zöll. „Die Kinder, die sich die Vorstellung ansehen durften, waren total fasziniert.“ Und die Erwachsenen mussten feststellen, dass ihre Bedenken durch die Kinder beschämt worden waren.

Auch für Samuel Koch ist es das erste feste Engagement. Nach seinem Unfall bei der ZDF-Show „Wetten, dass ..?“ hatte man auch ihm vorausgesagt, nie an einem Staats- oder Stadttheater angestellt zu werden. Und auch er besaß den Mut und die Kraft, seine Ausbildung dennoch fortzusetzen. Ursprünglich hatte der ehemalige Kunstturner sein Schauspielstudium vor allem deshalb begonnen, weil der Lehrplan die Fächer Akrobatik, Tanzen, Reiten und Fechten vorsah. Heute legt er seinen Schwerpunkt auf die geistige Durchdringung der Texte. „Das gesprochene Wort ist laue Luft, wenn man es nicht denkt“, sagt er. „Und das Wesentliche des Schauspiels ist mir ja geblieben: Emotionen zu transportieren. Nach wie vor kann ich Menschen zum Lachen, zum Weinen oder zum Nachdenken anregen.“ Dass ihm das gelingt, bewies er schon in mehreren größeren Rollen, zuletzt als „Prinz von Homburg“. Von manchen Kritikern wurde er gelobt, von anderen getadelt. Er kann damit leben. Schließlich ist Kritik, auch negative, eine Form von Respekt. Was er nicht mag, ist, wenn das Publikum auf der Bühne in erster Linie Samuel Koch sieht und nicht die Figur, der er seinen Körper leiht. So wie der junge Mann, der seiner Begleitung nach einer Vorstellung zuraunte: „Den haben sie aber voll gut eingebaut.“

Das Staatstheater Darmstadt schafft Räume dafür, dass sich solche eingefahrenen Wahrnehmungen und Denkweisen mit der Zeit ändern könnten. Karsten Wiegand: „Aus dem Barock stammt die Idee des Welttheaters – das Theater als eine verdichtete Art von Welt oder ein Spiegel der Welt. Nun ist ja die Welt und sind die Menschen ungeheuer vielfältig. Daher finde ich, dass das Theater, das von den Menschen und der Welt handelt, ungeheuer vielfältig sein sollte.“ Ein Konzept, das auch nach innen wirkt. Sowohl Jana Zöll als auch Samuel Koch schätzen die Offenheit im Ensemble und die Arbeit auf Augenhöhe.

Den Begriff „Inklusion“ verwendet man hier im Übrigen nicht. Karsten Wiegand: „Wir versuchen das als Selbstverständlichkeit im Alltag zu leben. Das ist ein Anspruch an uns selbst. Insofern thematisieren wir das auch nicht. Die wichtigste Sache ist, dass Menschen auf der Bühne sind, die wir alle künstlerisch toll finden. Das ist der Grund, warum sie dort sind.“


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