Fantasie und Wirklichkeit

Peter Stabenow streitet bei der Lebenshilfe und mit „Mensch Zuerst“, einem Verein von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten, für Selbstbestimmung. Nun hat er ein Buch veröffentlicht, mit dem er zeigen will: Menschen mit so genannter geistiger Behinderung haben sehr wohl geistige Fähigkeiten! „Fantasie und Wirklichkeit“ heißt es – denn es steckt neben erdachten Geschichten auch viel eigene Lebensgeschichte darin.

Stapel von Kladden

Text: Eva Keller
Fotos: Willi Müller-Sieslak

Bunte Kladden stapeln sich auf dem Wohnzimmertisch. Eng beschrieben, fast ohne Fehler, und schon die Kinderschrift sehr ordentlich. Über mehrere Jahrzehnte hat Peter Stabenow in diesen Heften festgehalten, was er erlebt und geträumt hat, was er denkt und fühlt. Lange wollte er damit gar nicht an die Öffentlichkeit, schrieb nur für sich selbst. Dann versuchte er doch, einen Verlag zu finden – vergeblich. Ein väterlicher Freund aus der Lebenshilfe ermutigte ihn schließlich dazu, sein Werk im Eigenverlag heraus zu bringen.

Peter Stabenow war acht, als ihm erstmals im Schlaf ein gewisser Herr Sora begegnete: ein Mann mit Halbglatze und in Kniebundhosen, der gerne auf Reisen ist und dessen Frau eine Neigung zur Anthroposophie hat. Stabenow erfand im Laufe der Zeit 127 Personen dazu, ließ sie an 73 Orte in Europa reisen und verflocht ihre Geschichten auf 285 Seiten. Nachzulesen nun in seinem Buch „Fantasie und Wirklichkeit“, das zudem ein reiches Wissen an Geschichte, Geographie und Kultur – vor allem Musik – zeigt.

Seine Kindheit und Jugend hat Peter Stabenow (55) unter Anthroposophen verbracht. Die Wohnung in Bad Dürkheim, in der er heute allein lebt, verrät diese Vergangenheit: die Möbel aus Holz mit abgerundeten Kanten, die getöpferten Teller, die Salzkristall-Lampe, Fotos von Rudolf Steiner und von der Lebensgemeinschaft Bingenheim an der Wand. Aber mittendrin: ein Fernseher!

Von hunderfünfzigprozentigen Anthroposophen missbilligt, aber für Peter Stabenow ein Ausdruck von Selbstbestimmung. Neben der Freiheit zu entscheiden, wo er wohnt, wo er Ferien macht, wie er seine Freizeit verbringt, wie er sich kleidet, was er isst oder trinkt... Trockenen Riesling beispielsweise, der in den Weinbergen der Lebenshilfe Bad Dürkheim angebaut wird. Hier hilft er im Winter mit einer Gärtnergruppe der Lebenshilfe den Winzern, im Sommer ist er in den Gewächshäusern und Grünanlagen des pfälzischen Städtchens im Einsatz. Seit 28 Jahren lebt Peter Stabenow hier – seit er beschlossen hat, aus der behüteten Welt der anthroposophischen Gemeinschaft auszubrechen.

Peter Stabenow

Als er drei Jahre alt war, gaben die Eltern ihn in die Lebensgemeinschaft Bingenheim, in der Überzeugung, dass ihr Kind dort die bestmögliche Förderung erhält. Weit weg von der Familie, die damals in Brüssel lebte. Die Ferien verbrachte der Junge immer mit den Eltern und den drei Geschwistern. Und mit sechs Jahren konnte er schließlich sprechen.

Zwischen Peter Stabenow und einer Figur aus „Fantasie und Wirklichkeit“ gibt es einige Ähnlichkeiten: Ursel, die Tochter von Herrn Sora, ist eine selbstbewusste, manchmal aufbrausende junge Frau. Sie möchte leben und lieben, wie es ihr gefällt – und sich nicht mit weniger zufrieden geben als andere, nur weil sie Lernschwierigkeiten hat. So war es ein „Herzenswunsch“ von Peter Stabenow, Französisch zu lernen. „Ich hatte immer darunter gelitten, dass ich im Urlaub nicht verstand, was meine Eltern und Geschwister mit anderen Leuten redeten.“ Also machte er sich mit 21 Jahren von Bingenheim auf in die Vogesen, um dort auf einem anthroposophischen Bauernhof zu arbeiten. Aus geplanten drei Monaten wurden sieben Jahre, Stabenow wurde älter und selbständiger. Er durfte in eine Wohnung außerhalb des Haupthauses ziehen – doch dann fingen die Konflikte an.

Der junge Mann hatte keine Lust mehr, zu allen Mahlzeiten und Veranstaltungen ins Haupthaus zu kommen. Er hielt sich nicht an das Wein-Verbot, wenn er einen Ausflug nach Colmar unternahm. Und er wollte nicht der „Depp vom Dienst“ sein. „Je ne suis pas le pauvre con!“, hat er damals lautstark geschimpft. Heute drückt er das, mit ernsthafter und überlegter Miene, so aus: „Die Selbstbestimmung ließ dort zu wünschen übrig.“

Peter Stabenow in der Gärtnerei

Bei aller Kritik: „Ich will die Anthroposophen nicht schlecht machen“, stellt Stabenow klar. Deren „kultivierten Umgang miteinander“ schätzt er sehr. Und das Bemühen, „aus jedem Menschen das herauszuholen, was möglich ist.“ Stabenow kennt seine Schwächen: Er ist nicht besonders belastbar, und auf bestimmte Dinge kann er sich nicht konzentrieren. Aber gegen den Stempel „Mensch mit geistiger Behinderung“ wehrt er sich.

Seit den 90-er Jahren setzt er sich für die Selbstbestimmung und die Selbstvertretung von Menschen mit Behinderung ein. Aus diesem Grund hat er „Mensch Zuerst“ mit begründet, einen Verein von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Er hat lange dafür gekämpft, dass die Lebenshilfe das Wort „geistige Behinderung“ aus ihrem Namen streicht. In Bad Dürkheim zumindest hat er das erreicht – und im Jahr 2010 ist Peter Stabenow für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Auch das hängt im Wohnzimmer, neben den Fahnen von Ländern, die Stabenow bereist hat: Schweiz, Spanien, Frankreich. Bei Fahrten in die Bad Dürkheimer Partnerstädte ist Stabenow ebenfalls oft dabei. Beim Weinfest oder dem Wurstmarkt mischt er sich gerne unter die Leute. Er singt im Chor und er macht in der Trachten-Gruppe mit. Er spielt Akkordeon – und jodeln kann er auch. „Eurythmie habe ich nie gerne gemacht“, sagt er trocken: „Ein zünftiger Schuhplattler und schwungvolle Trachtentänze sind mir viel lieber.“


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