Leseprobe

Auszüge aus dem Buch "Fantasie und Wirklichkeit" von Peter Stabenow.

Peter Stabenow

Vorwort des Schriftstellers

Im Alter von acht Jahren begann ich während meiner Schulferien meinen Eltern und Geschwistern Geschichten von Frau Lunn und Herrn Sora den Hauptdarstellern des Romans zu erzählen: Von diesen Personen träumte ich eines Nachts: Frau Lunn eine große Frau mit blonden Haaren. Herr Sora mittelgroß mit halber Glatze und wenig gelockten grauen Haaren. Er hatte im Traum eine Kniebundhose und beige Jacke mit Lederflecken auf den Ärmeln an.

Meine Mutter machte mir drei Jahre später den Vorschlag alles aufzuschreiben, was ich ihnen zu Hause und auf den Fahrten von Brüssel nach Holland erzählte. So fing ich an in Haamstede, wo wir als Kinder unsere Sommerferien verbrachten, die ersten Geschichten zu schreiben, die ich im Herbst 1997 beendete.

Die Geschichten begannen auf dem Resolshof, der im flämischen Teil Belgiens liegt. Die Leser werden bemerken, dass sich im Laufe der 26 Jahre, in denen ich mit Unterbrechungen am Buch arbeitete, mein Schreibstil immer wieder verändert hat.

In meinem Roman spiegeln sich meine Erlebnisse im Alltag wider z.B. den geregelten Tagesablauf, den ich in Bingenheim und in Orbey erlebte: Der Tag begann mit einem Morgenkreis und endete mit einem Abendkreis, wo man passend zu den Jahreszeiten mit instrumentaler Begleitung ein Morgen- und Abendlied sang. Jeden Sonntagmorgen fanden die Sonntagshandlungen (Sonntagsfeiern) statt. An manchen Stellen meiner Geschichten wird auch deutlich, dass der Alkohol, der Fernseher und das Singen von Schlagern keineswegs der anthroposophischen Weltanschauung entsprechen. Ferner wird in meinen Geschichten deutlich, dass in anthroposophischen Lebensgemeinschaften, in der freien Christengemeinschaft und an den Waldorfschulen außer den bekannten christlichen Festen das Johanni- und Michaelsfest eine sehr große Bedeutung haben; auch die Eurythmieaufführungen, die klassischen Konzerte und Vorträge gehören zum kulturellen Programm der Lebensgemeinschaft.

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Ursel kommt auf eine Sonderschule

Ursula hatte Schwierigkeiten in der Schule. Sie kam besonders im Rechnen und in der Grammatik nicht so mit wie ihre Schulkameraden. Herr Sora überlegte sich, ob sie in eine Sonderschule gehen sollte, die einem Heim angeschlossen ist. Frau Sora jammerte und klagte und sagte: „Ich will mein Liebstes nicht hergeben. Ich hätte lieber, Ursula ginge in eine Sonderschule hier in der Nähe.” „Aber Jutta, wenn Ursula in der Volksschule nicht mitkommt, dann ist das nicht gut. Sie wäre in einem Institut für Seelenpflege bedürftige Kinder in Frankreich gut aufgehoben und könnte dort heilpädagogisch gefördert werden. Das anthroposophische Heim liegt in Ballion bei Lille.” „Na gut, sie geht in ein Institut, da wird sie sicher viel lernen.” gab sich Frau Sora geschlagen, nachdem sie ihr Mann von allem überzeugt hatte. Ursula wurde in Ballion bei Dr. Prion vorgestellt und sagte, dass sie in absehbarer Zeit in Ballion zur Schule gehen könnte.

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Feierliche Verabschiedung

Am nächsten Tag nach dem Frühstück kamen alle Soras, auch Gustl mit seinem Enkel. Lunns kamen extra aus Italien angereist, um Ursels Abschied aus Ballion mit zu feiern. Lunns wollten wie früher bis zum ersten September in ihrem ehemaligen Haus in Tomjat Ferien machen, um sich in frühere Zeiten zurück zu versetzen. Auch Großvater Orly und viele andere Eltern kamen zur Feier. Die Übersiedler, die zum Urbanhof gingen, setzten sich im Stuhlhalbkreis auf die Bühne. Hansl und Laurenzia, die zukünftigen Gruppeneltern des Urbanhofs, saßen dabei. Die ehemalige Sennerin der Hanslalm, die oberhalb von Bayrischzell lag, war auch anwesend, da sie die neue Gemeinschaft mit aufbauen wollte.

Der Chor der Lebensgemeinschaft Ballion eröffnete die Feier mit dem Hymnus an die Freude aus der Neunten Symphonie von Beethoven. Als der Chor von der Bühne gehen wollte, wurde er um eine Zugabe gebeten. Er sang mit Francines Akkordeonbegleitung Muss i denn, wobei das Publikum im Takt mit klatschte.

Nun wandte sich Dr. Prion an die Begründer des Urbanhofes: „Liebe Eltern, liebe Freunde! Wir haben uns alle hier zur Abschiedsfeier eingefunden. Diese Feier ist nicht wie unsere übliche Monatsfeier – sie ist etwas ganz Besonderes. Bevor wir uns alle in die wunderschöne sonnenerfüllte Sommerwelt zerstreuen, um dort viel Kraft und Wärme für den Herbst und den Winter in unsere Seele aufzunehmen, möchten wir unsere Großen verabschieden: Ihr seit im zweiten Jahrsiebend zur Schule gegangen und im dritten Jahrsiebend habt Ihr die Arbeitsbereiche unserer Werkstätten kennengelernt. Ihr seid in diesem so wichtigen Jahrsiebt in das Erwachsenenalter immer mehr hinein gewachsen. Heute stehen unsere jungen Erwachsenen am Ende ihres dritten Jahrsiebt. Mit fast 21 Jahren habt Ihr von der menschlichen Entwicklung her das Erwachsenenalter erreicht und habt nun eine gute Grundlage, um draußen in der Welt in allen Lebenslagen darauf zu bauen. Ihr habt euch entschlossen in eine neue Lebensgemeinschaft zu gehen, wo ihr weiterhin menschliche Hilfe brauchen werdet, euer Schutzengel wird euch durchs ganze Leben führen - ihr seht ihn nicht, da er eine unsichtbare Gestalt ist, aber wir Menschen können unseren Schutzengel spüren! Denkt immer daran, wenn ihr am Abend vor dem Schlafengehen auf den Tag zurückblickt. Das Kerzenlicht möge euch an Ballion erinnern, und euer Schutzengel möge euch auf eurem weiteren Weg durch die Welt begleiten und behüten Alle zukünftigen Urbanhofbewohner bekamen eine Kerze und holten sich das Licht an der großen Saalkerze.

„Hier habt ihr jeder noch eine Schachtel Baumkerzen. Dies soll euch an die Kerzenzieherei erinnern“ sagte Gregor. Die Geschenke wurden nun feierlich überreicht. Im Hintergrund spielten Dr. Prion und seine Frau einige Sonaten von Bach und Mozart für Cello und Geige. Nun kamen die restlichen Werkstattleiter auf die Bühne, gaben jedem die Hand und wünschten allen, dass ihnen der Weg in die neue Lebensgemeinschaft gelingen möge. Von der Weberei wurden Tischdecken, Teppiche und Vorhänge überreicht, von der Tischlerei Kleiderbügel und Nachttischschränkchen und ein Geschirrschrank. Von der Töpferei bekamen sie schönes Tongeschirr.

Die Gärtner kamen mit einem funkelnagelneuen Schubkarren mit Gläsern selbst gemachter Kirsch- und Johannisbeermarmelade. Herr Knippel überreichte drei Melkeimer aus Holz, die er in seiner Freizeit extra für die neue Lebensgemeinschaft hergestellt hatte. Auch die Kindergruppen brachten Geschenke auf die Bühne. Eine Gruppe hatte Bilder von Ballion und der Umgebung gemalt und sie als Buch zusammengeheftet. Eine andere Gruppe überreichte das Buch Die grüne Schlange. aus Goethes Märchen.

Einem Schüler aus der achten Klasse, der sehr an Francine hing, kamen die Tränen, als er ihr einen Blumenstrauß und eine Stange Zigaretten schenkte. Francine freute sich sehr und umarmte den Schüler. In diesem Moment ließen beide ihren Tränen freien Lauf. Die beiden waren kameradschaftlich gut befreundet, hatten sich nachts öfter heimlich davon gemacht und in einer Kneipe gemütliche Stunden verbracht. Keiner hatte es in der Lebensgemeinschaft Baillion gemerkt, was so in mancher Nacht geschah.

Nachdem nun alle Geschenke überreicht waren, kam Dr. Prion wieder hinters Rednerpult und stützte sich mit seinen Händen auf, weil auch ihn der Abschiedskummer überfiel. „Da ich sehe, dass trotz der Ferienfreude die Stimmung etwas gedrückt ist, schlage ich vor, dass unsere liebe Francine mit ihrem Großvater etwas auf dem Akkordeon spielt.“

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