Inzwischen ist der Rollstuhl Nebensache

Für die Kleinen ist sie eine Gefährtin, für die Großen eine Vertraute und für ihre Chefin eine wichtige Stütze: Seit vier Jahren lebt und arbeitet Sozialpädagogin Miriam mit den Bewohnern des Mutter-Kind-Hauses im niederbayerischen Arnstorf. Dass es so weit kommen konnte, verdankt die Rollstuhlfahrerin ihrem Können, ihrem Kampfgeist und ihrem Enthusiasmus.

Text  David Mayer
Fotos  Ulrike Frömel

Miriam mit ihrer Chefin Ela Kattinger (links) und deren Tochter Kathrin.

Eigentlich möchte Miriam Kell nicht im Mittelpunkt stehen. So viel stellt sie gleich klar. Für diese Reportage lässt sie sich vor allem aus einem Grund begleiten: „Ich will Menschen mit einer Körperbehinderung Mut machen.“ Man könnte sagen: Andere Menschen in schweren Situationen zu stärken ist ihr Leidenschaft. Seit vier Jahren arbeitet Miriam als Sozialpädagogin in einem Mutter-Kind-Haus im niederbayerischen Arnstorf, wo sie aktuell fünf Frauen aus schwierigen Verhältnissen und deren insgesamt sechs Kindern zur Seite steht. Es ist der Beruf, von dem die 29-Jährige immer geträumt hat. Dass sie ihn wirklich einmal ausüben würde, daran hatte sie manchmal gezweifelt. Denn Miriam ist selbst oft auf Hilfe angewiesen.

Weil die Signale ihres Gehirns nicht an ihren Beinmuskeln ankommen, benötigt sie einen Rollstuhl – und Menschen, die sie im Alltag unterstützen. Als sie sich nach ihrem Studium arbeitssuchend meldet, meint die Beraterin: „Wer will Sie denn einstellen?“ Da nimmt Miriam ihr Schicksal selbst in die Hand, sucht im Internet nach Stellenausschreibungen und findet eine Annonce des Mutter-Kind-Hauses in Arnstorf, nur 30 Autominuten von ihrem Heimatort Landau an der Isar entfernt. Als Miriam anruft ist Leiterin Ela Kattinger gleich interessiert. Seit zwei Wochen hat sie ihre Betriebserlaubnis und sucht dringend nach Fachkräfte. Miriam hat gerade ihr Studium abgeschlossen und wirkt motiviert. Nur die Sache mit dem Rollstuhl bereitet Ela Kattinger zunächst Kopfzerbrechen.

Behutsam hält Miriam einen fünf Tage alten Säugling.
 

Beim Vorstellungsgespräch lässt sich Ela Kattinger vom Enthusiasmus der jungen Frau überzeugen.

Schließlich ist ihr dreigeschossiges Haus alles andere als barrierefrei. Und überhaupt benötigen die Mütter und Kinder doch alle verfügbare Aufmerksamkeit des Personals. Wie sollen sich die Mitarbeiterinnen zusätzlich um eine Kollegin kümmern, die selbst Unterstützung braucht? Doch beim Vorstellungsgespräch lässt sich Ela Kattinger vom Enthusiasmus der jungen Frau überzeugen. Heute zählt Miriam zu Kattingers wichtigsten Mitarbeiterinnen. Sie betreut die Kleinen, hilft den Müttern im Umgang mit ihren Kindern sowie bei Behördengängen und schreibt Entwicklungsberichte fürs Jugendamt. Dank eingespieltem Teamwork ist ihr Rollstuhl längst zur Nebensache geworden.

Im Haus ist gerade Abwasch angesagt. Miriam steht am großen Esstisch als Jahrespraktikantin Anna-Lena mit der quengelnden Lara (die Namen der Kinder und Mütter sind geändert, d. Red.) auf dem Arm herüberkommt und ihr das sieben Monate alte Baby in die Arme legt. Miriam streichelt der nun glucksenden Lara über den Bauch. Fünf Minuten später schläft die Kleine auf ihrem Schoß ein. „Bei mir beruhigen sich Babys oft schnell“, erzählt sie. Es wirkt, als würde sich ihre Ruhe auf die kleinen Menschen übertragen. Bei manchen Aktivitäten im Haus benötigt Miriam Unterstützung – etwa beim ins Bett bringen der Kinder, beim Treppensteigen, das sie mit stützendem Arm sogar selbst kann, oder wenn sie zum Telefon greifen will, das hoch an der Wand hängt. So gibt es im Haus zwar noch immer viele Barrieren, aber gemeinsam mit ihren Kolleginnen und den Müttern kann Miriam sie überwinden. „Umgekehrt sind aber auch wir auf Miriam angewiesen“, betont Kathrin Kattinger, die verwaltungstechnische Leiterin und Tochter von Ela Kattinger. Für die Organisation im Haus ist Miriam mittlerweile unentbehrlich. In den vier Jahren, die sie inzwischen hier tätig ist, hat sie sich den Ruf eines wandelnden Kalenders erarbeitet. Und obwohl sie zum Beispiel selbst nicht wickeln kann, weiß sie ganz genau, wie es funktioniert und kann die Mütter dabei beraten.

Lara fühlt sich auf Miriams Schoß sichtlich wohl

Miriam ist auch selbst noch stärker geworden – sogar im körperlichen Sinn.

Anders als manche Frauen zeigen die Kinder von Anfang an keine Scheu vor Miriams Handicap. Noch nie hat sie eines gefragt, warum sie im Rollstuhl sitzt. Aus Sicht der Kleinen gehört der einfach zu ihr. Als der einjährige Jakob im Spielzimmer plötzlich an Miriams Schuhen zieht, sagt diese freundlich aber bestimmt: „Das sind meine Schuhe! Lässt Du die bitte in Ruhe?“ Nach ihrem Start im Mutter-Kind-Haus musste Miriam lernen, sich durchzusetzen. In den ersten Wochen war sie noch sehr darauf bedacht, niemandem zur Last zu fallen. „Irgendwann habe ich ihr gesagt: ‚Wenn Du nicht klar aussprichst, was Du brauchst, wirst Du wirklich zur Belastung für uns’“, erzählt Ela Kattinger. Die Ermahnung zeigte Wirkung: Während Miriam früher nach dem Abendessen schon mal alleine die Küche aufräumte, kann sie heute darauf bestehen, dass die Mütter, die Küchendienst haben, dies übernehmen. Miriam hat in ihren ersten vier Jahren nicht nur vielen Müttern und Kindern geholfen, sondern sie ist auch selbst noch stärker geworden – sogar im körperlichen Sinn. War ihre Muskelkraft in den Armen früher unterentwickelt, hebt sie mittlerweile wie selbstverständlich Kleinkinder auf ihren Schoß.

Vor den Fenstern des Mutter-Kind-Hauses ist mittlerweile die Sonne untergegangen, Bewohner und Mitarbeiterinnen versammeln sich zum Abendessen. „Wie war Dein Tag?“ fragt Miriam die ihr gegenübersitzende Sandra, die mit ihrem zweijährigen Sohn Andreas im Haus lebt. „Klasse, die Arbeit hat Spaß gemacht“, antwortet sie. Sandra arbeitet als Reinigungskraft in einem örtlichen Unternehmen. Zu Miriam hat sie ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut, auch wenn sie deren gute Laune nicht immer teilen kann. „Du mit Deinen Superkräften“, sagt sie manchmal, wenn sie etwas muffelig aus ihrem Zimmer kommt und Miriam sie freudestrahlend begrüßt. Gleichzeitig sieht sie Miriam mit ihrem Lebensmut aber auch als Vorbild. Ihr Beispiel zeigt: Es lohnt sich, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen.


Herausforderung Familie

Sie ist Kraftspender und zugleich Herausforderung: Sieben Menschen berichten von den verschiedenen Höhen und Tiefen ihrer ganz persönlichen Familiensituation.

Das pralle Leben
Familiencafé Kinderleicht

In Gütersloh bietet das von der Aktion Mensch geförderte Café „Kinderleicht“ Eltern und Großeltern eine offene Anlaufstelle in schwierigen Lebenslagen.

Ein Besuch im Café
Schulsozialarbeit

Die Finanzierung der Schulsozialarbeit steht auf der Kippe. Aber was macht sie eigentlich so wichtig? Eine Reportage aus dem Schulalltag.

Krisenhelfer an Schulen

Was du tun kannst

Gutes tun und gewinnen

Mit einem Los der Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen