Die Zeit nach Berg Fidel

Neu im Kino: Die Dokumentation „Schule, Schule. Die Zeit nach Berg Fidel“ zeigt ein Schuljahr im Leben von vier Jugendlichen. Nach ihrer gemeinsamen Zeit auf der inklusiven Grundschule „Berg Fidel“ mussten sie voneinander Abschied nehmen und auf unterschiedlichen Schulen weiter lernen.
 

Text und Interview Oyindamola Alashe
Fotos Christian Wyrwa

Was ist eigentlich aus David, Jakob, Anita und Samira geworden? Dieser Frage geht Regisseurin Hella Wenders in ihrer zweiten Filmdokumentation „Schule, Schule. Die Zeit nach Berg Fidel“ nach. Sie knüpft darin an ihren ersten erfolgreichen Dokumentarfilm „Berg Fidel. Eine Schule für alle“ über gemeinsames Lernen an der gleichnamigen inklusiven Grundschule in Münster an. Der Film aus dem Jahr 2011 zeigte den Schulalltag der vier Schüler in der Modellschule mit altersgemischten Klassen. Im gemeinsamen Unterricht durften sie alle in ihrem eigenen Tempo Fortschritte machen. Unterschiede und Beeinträchtigungen wurden von allen akzeptiert und spielten keine große Rolle im täglichen Miteinander.

Für „Berg Fidel. Eine Schule für alle“ bekam Hella Wenders 2011 den Publikumspreis Lüdia. Inzwischen ist ihr erster Film ein Standardwerk zum Thema Inklusion in der Schule. Jetzt ist die Fortsetzung „Schule, Schule. Die Zeit nach Berg Fidel“ in den Kinos angelaufen.

Das Filmteam.

So ist die Pubertät

Nach der vierten Klasse endete für die Mädchen und Jungen eine Ära. Sie mussten sich trennen und auf weiterführende Schulen wechseln. In Hella Wenders‘ neuem Film geht es deshalb um die Übergänge von einer Schule und von einer Lebensphase in die nächste – um Hoffnungen, Ängste, Sorgen und den Wunsch, dazu zu gehören. Erwachsene Zuschauer erinnern sich: „Ja, genauso war das damals in der Pubertät.“ Und Jugendliche erkennen: „Diese Jungen und Mädchen sind wie ich, machen die gleichen Erfahrungen.“

Über neun Jahre traf Wenders ihre Protagonisten immer wieder. Am Ende sichtete sie hunderte Stunden Filmmaterial, aus denen sie ihre beiden Dokumentationen über die Geschichte der Schüler zusammenstellte.

Auch in ihrem neuen Film schlägt die Regisseurin dabei gewohnt leise Töne an. Unaufdringlich und diskret begleitete sie die Kinder mit der Kamera. Ihr Anspruch: Den Alltag nicht stören und unsichtbar für alle Beteiligten werden. Ihr Einsatz wurde belohnt. Die Kinder und ihre Familien vertrauten Wenders und ihrem Team. So lernen die Zuschauer vier völlig verschiedene Menschen in der Pubertät kennen:

David, den musisch begabten und sehr guten Schüler. Sein Seh- und Hörvermögen ist eingeschränkt aber in seiner Klasse auf einer Montessori-Schule ist er bestens integriert.

Jakob, den kleinen Bruder von David. Er hat das Down-Syndrom und besucht ebenfalls die Montessori-Schule. Seine Mitschüler mögen vor allem seine fröhliche, mitfühlende Art.

Anita, das Kind einer Roma-Familie aus dem Kosovo. Sie kämpft um den Hauptschulabschluss. Auf dem Berufskolleg sucht sie Perspektiven für die Zeit nach der Schule.

Samira, ein Mädchen, das auf einer Gesamtschule versucht ihren Weg zu finden. Ihr Alltag zwischen Cliquenbildung, Noten- und Pubertätsstress bereitet ihr manchmal ziemliche Bauchschmerzen.

Die Teenager sind allesamt außergewöhnliche, beeindruckende und liebenswerte Persönlichkeiten. Offen, humorvoll, nachdenklich und tiefgründig.


(c) Ralf Emmerich

Die Regisseurin Hella Wenders bei der Premiere ihres Films in Münster

Interview mit der Regisseurin und Drehbuchautorin Hella Wenders

Frau Wenders, was reizt sie so am Thema Schule?

Ich habe 2007 zum ersten Mal die Grundschule Berg Fidel besucht, als ich einmal bei meiner Mutter, die dort Lehrerin ist, hospitieren durfte. Dort habe ich erlebt, wie anders lernen sein kann: in heterogenen Gruppen, mit Altersmischung und einem Klassenrat für alle angestauten Probleme. Diese Erfahrung dort hat sich bei mir so eingebrannt, dass ich dieser besonderen Schule gerne einen Film widmen wollte. Der Wunsch nach einer Fortsetzung kam in erster Linie vom deutschlandweiten Publikum, die wissen wollten, wie es den Kindern jetzt geht. Und ich selbst habe auch die Notwendigkeit gesehen, zu erzählen, wie es nach der frühen Trennung nach der vierten Klasse für die Protagonisten weiterging. Das Thema Schule ist wichtig, weil es so prägend ist, was man dort in jungen Jahren für Erfahrungen macht. Wenn man erlebt hat, dass man irgendwie nicht dazugehört oder einem gesagt wurde, du kannst das nicht und du musst hier weg, so etwas verfolgt einen dann für den Rest des Lebens.

Sie haben die Entwicklung der Kinder lange beobachten können. Was hat ihnen die Berg-Fidel-Erfahrung Ihrer Meinung nach gebracht?

Ich glaube, dass sie an der Grundschule Berg Fidel zu eigenständigen Persönlichkeiten geworden sind, die gut mit verschiedenen Menschen aller Art umgehen können und vor allem immer sehen, was diese Menschen gut können und sie dafür respektieren. Ich glaube auch, dass sie stark gemacht worden sind, auch mit schwierigen Situationen umzugehen und an sich zu glauben.

Kann die Gesellschaft etwas davon lernen?

Natürlich. So können wir als Gesellschaft früh lernen, dass unsere Gemeinschaft aus den unterschiedlichsten Menschen besteht. Man lernt im Team zu arbeiten und aufeinander zuzugehen, anstatt Ängste aufzubauen vor Dingen, die einem fremd sind. Es ist längst bewiesen, dass Inklusion schlau macht, dass auch die sogenannten Hochbegabten bessere Ergebnisse in heterogenen Gruppen erzielen. Und da unsere Gesellschaft sich gerade rasant ändert, ist es umso wichtiger, nicht eigentlich schon vom Kindergarten an getrennt und vorsortiert zu werden.

Welche Entwicklung hat sie während ihrer Arbeit an der Langzeitdokumentation besonders beeindruckt?

Nach dem Erfolg des ersten Films, den etwa 40.000 Menschen im Kino gesehen haben, ist der Druck auf die Stadt Münster eine Primusschule zu gründen, die Weiterentwicklung der Grundschule Berg Fidel mit Klassen von 1-10, enorm gestiegen. Es ist auch ein bisschen der Verdienst des Filmes, dass es die Primusschule heute gibt. Das freut mich für alle Kinder, die nun nach der vierten Klasse nicht wechseln müssen, sondern weiterhin gemeinsam lernen dürfen.

Was mich natürlich auch beindruckt hat, ist dabei zusehen zu dürfen, wie die Kinder größer und erwachsener wurden. Manchmal war das schön, manchmal war ich auch wehmütig, denn wenn man selber Kinder hat, weiß man, wie schnell die Zeit vergeht und wie sehr man jeden Moment genießen sollte.


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