Meine Freunde haben die Lizenz zum Arschritt

Samuel Koch ist seit seinem Unfall bei "Wetten, dass ...?" einer der  bekanntesten Deutschen mit Behinderung. Anlässlich der Eröffnung der Karlsruher Fachmesse für Rehabilitation, Therapie, Inklusion und Pflege (REHAB), die er im Mai 2017 moderierte, sprach der Schauspieler und Autor über sein Leben und seine Zukunftspläne.
 

© Conny Wenk

Samuel Koch

In ihrem Buch „Rolle vorwärts“ schreiben Sie „Hätte ich von Anfang an gewusst, dass ich so lange Zeit fast vollständig gelähmt verbringen muss, ich wäre davongelaufen“. Wie haben Sie ihren Lebensmut wieder gefunden?

Diese Frage begleitet mich auch weiterhin. Es gibt da keinen Schalter, der einfach umgelegt werden kann, es ist ein Prozess. Entscheidend für mich ist dabei, immer wieder aus meinem Wohlfühlbereich heraus zu kommen. Ansonsten besteht die Gefahr, zu vereinsamen oder diktatorisch/tyrannische Züge zu entwickeln. Aus sich heraus zu gehen und die Dinge anzupacken klingt da natürlich wie die logische Wahl, aber in der Realität werde ich oft verführt, in eines der beiden anderen Muster zu verfallen. Ich habe Freunden und meiner Familie, die mich sehr unterstützen, ganz bewusst die „Lizenz zum Arschtritt“ erteilt, um mich auf bestimmte Dinge aufmerksam zu machen. Und neben aller praktischen Unterstützung hilft mir auch mein Glaube, mit der Situation umzugehen.

Mit „Rolle vorwärts“ und „Zwei Leben“ haben Sie mittlerweile zwei Bücher geschrieben. Was hat Sie dazu motiviert?

Ein Buch zu schreiben war eigentlich nicht mein Plan. Als mich die ersten Verlage ansprachen, fand ich die Idee zunächst albern und habe abgelehnt. Mit einem Verleger verstand ich mich dann aber sehr gut und habe zunächst seinen Vorschlag angenommen, meine Geschichte zu erzählen. Daran habe ich tatsächlich Freude gefunden. Außerdem konnte ich über das erste Buch die vielen Fragen und guten Wünsche beantworten, die ich niemals separat hätte bewältigen können – auch als Akt der guten Erziehung. Das zweite Buch ist ähnlich entstanden. Ich hatte bereits viele private Notizen gemacht, um meine eigenen Ideen zu sortieren. Nach der positiven Resonanz auf das erste Buch entstand dann „Rolle vorwärts“.

Seit 2014 sind Sie Ensemble-Mitglied des Staatstheaters Darmstadt. Was war bislang Ihre liebste Rolle und warum?

In Darmstadt spiele ich derzeit den Faust. Das ist natürlich eine besondere Ehre. Ansonsten spiele ich am liebsten die Rolle des Rotpeter in „Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. Die Adaption des Stückes habe ich gemeinsam mit meinem Kommilitonen Robert Lang entwickelt. Ich bin dabei an einem anderen Schauspieler festgebunden und bewege mich so aufrecht auf der Bühne.

Für viele Menschen in Deutschland sind Sie immer noch „der junge Mann, der bei „Wetten, dass…?“ verunglückt ist“. Stört Sie dieses Bild?

Ja, natürlich. Ich hatte nie vor, mit diesem Stunt berühmt zu werden. Ich hatte sogar in Erwägung gezogen, die Wette unter falschem Name anzutreten. Aber schließlich dachte ich, so etwas gerät ja heutzutage schnell wieder in Vergessenheit. Leider lag ich in diesem Fall falsch.

Was haben Sie in den letzten Jahren über das Behindert sein gelernt, was Sie vorher nicht wussten?

Ich hatte mich bereits vor meinem Unfall mit dem Thema Behinderung auseinander gesetzt, beispielsweise bei einem Praktikum in einer Behindertenwerkstatt und weil ein Turnkamerad im Rollstuhl saß. Aber natürlich ist mir jetzt erst wirklich bewusst, was alles dahinter steckt. Besonders ärgerlich ist das Gefühl, als Person nicht ernst genommen zu werden. Und das ganze Leben ist viel weniger spontan, flexibel und unabhängig.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?

Die andauernde Diskussion über Teilhabe und Inklusion zeigt, dass wir diese Ziele in der Gesamtgesellschaft noch nicht erreicht haben. Im Theaterumfeld funktioniert das schon sehr gut. Hier wird jeder mit seiner Begabung und seinen Defiziten normal wahrgenommen. Überall normal und natürlich behandelt zu werden, wäre schön. Unsere Gesellschaft ist sehr stark auf Nutzen und Profit ausgelegt. Und auf den ersten Blick scheinen viele zu denken, dass der Kontakt mit einem behinderten Menschen keinen Profit bringt. Dabei wird häufig übersehen, wie viel man von behinderten Menschen mitnehmen und lernen kann. Zum Beispiel die Entschleunigung wieder zu finden; meiner Meinung nach ist das ein sehr wichtiges Gut in unserer schnelllebigen Gesellschaft.

Sie moderieren die Eröffnung der REHAB 2017. Was wünschen Sie sich von einer Reha-Messe?

Ich möchte auf der REHAB alte Bekannte wieder treffen und freue mich darauf, neue Kontakte zu knüpfen. Eine Messe wie die REHAB kann Menschen und Ideen zusammenführen. Durch eine solche Zusammenarbeit können Synergien ausgeschöpft und innovativ genutzt werden. Ich würde mir wünschen, dass bei der Entwicklung von Reha-Produkten in erster Linie an Menschen und weniger ans Geschäft gedacht wird und dass im Interesse der Betroffenen noch stärker an innovativen Produkten und weniger an ähnlichen Konkurrenzprodukten gearbeitet wird.

Sie unterstützen die internationale Rückenmarksforschung „wings for life“. Glauben Sie an Heilung?

Ich fördere die Forschung, behalte aber gleichzeitig auch die Gegenwart im Auge. Daher unterstütze ich neben wings for life auch die Deutsche Stiftung Querschnittlähmung, die sich eher damit befasst, die aktuelle Lebenssituation von Menschen im Rollstuhl zu verbessern. Aber generell „Ja“, wenn ich nicht an eine mögliche Heilung glauben würde, würde ich die Arbeit von wings for life nicht unterstützen.

Was haben Sie in nächster Zeit persönlich und beruflich vor?

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass Pläne leicht hinfällig werden können und dass es unfrei macht, zu sehr an etwas fest zu halten. Ich möchte aber gerne weiter am Theater arbeiten. Außerdem bin ich mit der Gründung einer eigenen Stiftung beschäftigt, die Betroffene und Angehörige, die Ähnliches erlitten haben wie meine Familie und ich, unterstützen soll. Bislang gibt es noch wenig Hilfsangebote für pflegende Angehörige.


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