Immer im Einsatz

„Den Rettungswagen fahre ich nicht selbst“, sagt Bettina Wirth und lacht. Ansonsten gibt es für die Sanitäterin aus Würzburg aber kaum Einschränkungen, wenn sie für das Rote Kreuz im Einsatz ist. Das Ungewöhnliche daran: Bettina Wirth ist blind.
 

Bettina Wirth  – hier am Rande eines Jugendfußballturniers in Rimpar – punktet mit guter Laune und hoher Senisbilität.

Text:  Marie-Charlotte Maas
Fotos:  Manfred Jarisch

 

„Mal eine Prellung hier oder ein kleiner Zusammenstoß dort. Bei solchen Sportveranstaltungen geht es meistens eher harmlos zu.“ Bettina Wirth sitzt am Rand des Fußballfeldes und lauscht dem Geschehen auf dem Platz. Die Fans der Mannschaften, die an einem bayernweiten Jugendturnier teilnehmen, sind gut drauf. Sie machen Lärm, um ihre Spieler anzufeuern. Bettina Wirth lächelt, die Kulisse ist einfach toll. Fußballspiele sind eigentlich gar nicht ihr Ding, doch zusammen mit den Kollegen macht der Einsatz Spaß. Bettina Wirth ist ehrenamtliche Sanitäterin beim Bayerischen Roten Kreuz in Würzburg. Und sie ist blind. Eine nicht erkannte Scharlacherkrankung im Kindesalter raubte ihr Stück für Stück das Sehvermögen. Weniger als zwei Prozent beträgt ihre Sehleistung heute.

Bettina Wirth (links) mit einigen ihrer Kollegen. Als Teammitglied ist sie voll akzeptiert. Einsatzleiterin Christina Bender schätzt besonders, wie empathisch Bettina Wirth mit Verletzten und ihren Angehörigen umgeht.

Das Helfen liegt in der Familie

Die 47-Jährige ist gelernte Altenpflegerin. Nach einigen Jahren im Beruf bekam sie drei Kinder und legte eine Babypause ein. Später lernte sie ihren zweiten Mann kennen, der selbst zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Die Betreuung der fünf  Kinder – ein Vollzeitjob für die zierliche blonde Frau. Mittlerweile ist der Nachwuchs, bis auf den Jüngsten, aus dem Haus. „Da hatte ich plötzlich wieder Zeit und beschloss, mich für andere Menschen zu engagieren. Das Helfersyndrom liegt in der Familie“, sagt sie, „schon mein Vater war OP-Pfleger, meine Schwester ist ebenfalls Altenpflegerin.“ Vor zwei Jahren heuerte Bettina Wirth deshalb beim Roten Kreuz an. Den Sanitäterkurs, den alle Anfänger absolvieren müssen, bestand sie mit voller Punktzahl. „Ich habe die gleichen theoretischen und praktischen Prüfungen abgelegt wie alle anderen auch. Das ist für mich ­Ehrensache. Ich will keinen Sonderstatus.“ Das gilt auch beim Einsatz: Bettina Wirth agiert so selbstverständlich und kompetent, dass den meisten Menschen, denen sie hilft, ihre Sehbehinderung gar nicht auffällt. Auch ihre Kollegin Christina Bender, die den heutigen Einsatz beim Fußballturnier leitet, konnte erst gar nicht glauben, dass Bettina Wirth kaum etwas sieht: „Sie findet sich toll zurecht. Ich finde es super, dass sie bei uns mitmacht.“ Vor allem, wenn es um die Betreuung der Patienten gehe, sei Bettina Wirth eine wichtige Stütze, sagt Christina Bender: „Bettina ist empathisch, sie beruhigt die Verletzten wie kaum jemand anderes.“

Psychologie ist ihre Stärke

Das Zwischenmenschliche ist Bettina Wirths Bereich, hier fühlt sie sich am wohlsten, auch wenn sie problemlos Druckverbände anlegen, Blutungen stoppen oder jemanden in die stabile Seitenlage bringen kann – gelernt ist schließlich gelernt. In den vergangenen Monaten hat sie darum eine Fortbildung auf dem Gebiet der sogenannten Psychosozialen Notfallversorgung absolviert, um sich bei schwierigen Einsätzen um die psychologische Betreuung von Patienten, Angehörigen, Hinterbliebenen, Augenzeugen und Rettungskräften kümmern zu können.

600 Stunden war Bettina Wirth vergangenes Jahr für das Rote Kreuz unterwegs – bei Blutspendeterminen, Faschingsumzügen, Altkleidersammlungen und Großveranstaltungen. Wenn es nach ihr geht, wird sie in Zukunft noch mehr Einsätze wahrnehmen. „Das Ganze macht mir so viel Spaß, als anstrengend empfinde ich es nie.“ Und was sagt ihr Mann dazu? Jetzt muss Bettina Wirth schmunzeln. „Er ist mittlerweile auch dabei. Anfangs war er nur mein Fahrer, damit ich zum Kurs gehen konnte. Irgendwann sagte er, ‚Ganz oder gar nicht‘, und ist seitdem mit an Bord.“


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