Prothesen als Hingucker

Frank Purks Arbeitsplatz sieht aus wie eine Werkstatt für Superhelden: Ein Roboterbein liegt auf dem Tisch, von Bauplänen blickt einem Ironman in rot-goldener Rüstung grimmig entgegen, dazu Kabel und Leuchtdioden. Aber Purk baut hier in seinem Studio in Hamburg keine futuristischen Waffensysteme. Der Orthopädietechniker stellt Bein-Prothesen her – und zwar ganz besondere.
 

Text und Fotos: Markus Huth

„Dieser Ironman ist für einen neunjährigen Jungen, der ist ein großer Fan der Comic Figur“, erklärt er. Dem Kind habe wegen einer angeborenen Fehlbildung das Bein amputiert werden müssen. Kein Grund, sich zu verstecken, findet Orthopädietechniker Frank Purk, und schwimmt mit dieser Einstellung bewusst gegen den Strom seiner Zunft.

Denn die klassischen Prothesen sind hautfarben und dem Look eines menschlichen Beins nachempfunden – sie sollen möglichst wenig auffallen. Purk macht das genaue Gegenteil. Seine Stücke ziehen durch ihre ungewöhnliche Gestaltung sofort alle Blicke auf sich. Neben dem Roboterbein stehen in seiner Werkstatt auch ein beschuhter Frauentorso, ein Whiskeyfass oder eine Bein mit Gesicht. „Oft kommen meine Kunden mit ihren Ideen zu mir und ich setze sie um“, sagt Purk und hebt eine Prothese mit jenem Motiv hoch, mit dem vor sechs Jahren alles anfing: ein weißer Hai mit scharfen Zähnen, der scheinbar in den Oberschenkel beißt. „Ein Freund von mir wollte das unbedingt haben, das ist halt sein Humor“, sagt Purk.

Die Hai-Prothese kam damals so gut an, dass sich auch andere Amputierte bunte Beine oder Arme wünschten. Inzwischen stellt der 32-Jährige seine Prothesen auf Messen aus, betreibt einen weltweiten Online-Handel und hält Vorträge auf Fachkonferenzen. Denn für Purk sind seine Prothesen nicht nur hübsche Kunststücke, sondern Brückenschläge zur Inklusion von Behinderten in die Gesellschaft. „Wer so etwas trägt, versteckt seine Behinderung nicht, sondern sendet eine Botschaft: Ich kann damit umgehen, könnt ihr das auch?“ Schließlich würden sich die auffälligen Designs auch mit kurzen Hosen gut machen und sofort eine ungezwungene Gesprächsatmosphäre zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen schaffen.

Aber nicht jeder findet die exotischen Prothesen gut. „Das ist doch eher etwas für junge Menschen", sagt etwa Matthias Bauche, Obermeister der Innung der norddeutschen Orthopädietechniker. Die meisten Patienten seien jedoch über 70 Jahre alt. 80 Prozent der Amputationen seien Spätfolgen von Diabetes. Für den Großteil der Amputierten seien exotische Designs wie Ironman-Beine daher uninteressant.

Purk berichtet dennoch von wachsender Nachfrage. Allerdings räumt er ein, dass ein Neunjähriger schnell wachse und bald eine neue Prothese brauche. Eine teure Spezialanfertigung würde von der Krankenkasse bei Kindern daher selten bezuschusst. Das Roboterbein für den Jungen ist aus Weichschaum und kostet etwa 800 Euro. Für Hartschalen-Designs geben seine Kunden bis zu 2.000 Euro aus. Doch Purk hat bereits eine kostengünstigere Lösung gefunden: Dekorstoffe, die auf klassische Prothesen angebracht werden gibt’s ab 40 Euro. Und so entwirft Purk in seiner Werkstatt weiter ausgefallene Modelle und macht das Leben seiner Kunden ein bisschen bunter.


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