Der Pferdeflüsterer

Timo Ameruoso reitet seit seiner Kindheit und wäre fast Profisportler geworden. Das Reiten ist seine Berufung – auch nach zwei schweren Unfällen.
 

Wallach Paolo und Timo Ameruoso haben viele Jahre trainiert, bis das Pferd sich hinlegte, um den Reiter aufsteigen zu lassen.

Text: Sarah Heuse
Foto: Evelyn Dragan

Calma, Paolo, calma.“ Mit leiser und ruhiger Stimme wiederholt Timo Ameruoso das italienische Wort für Ruhe und drückt dabei sanft den Knöchel des braunen Wallachs. Paolo geht langsam tiefer und legt sich behutsam hin. Aus dem Rollstuhl heraus hebt Timo Ameruoso mit den Händen ein Bein über den Sattel und zieht sich vorsichtig auf das Pferd. Diese besondere Technik hat der 37-Jährige in jahrelanger Arbeit geduldig und vor allem gewaltfrei antrainiert. „Es hat zwei Jahre gedauert, bis Paolo das erste Mal gelegen hat. Zwei weitere, bis er mich hat aufsteigen lassen“, erzählt er. Durch dieses intensive Training ist zwischen den beiden eine starke und vertrauensvolle Bindung entstanden.

Bei deutschen Meisterschaften

Dass Timo Ameruoso nach zwei schweren Unfällen weiterreiten wollte, stand für ihn außer Frage. „Ich habe nie ans Aufgeben gedacht. Ich wusste immer: Ich fange da wieder an, wo ich aufgehört habe“, erinnert sich der Hesse. Schon als er nach einem Rollerunfall 1995 mit Querschnittlähmung im Krankenhaus liegt, sehnt er sich nach dem Reiten. „Als ich ein Wochenende nach Hause durfte, haben mich Freunde meines Vaters aufs Pferd gehoben, eine Freundin saß hinter mir.“

Die Liebe zu den Pferden begann vor 30 Jahren in einem Stall im hessischen Biebesheim. „Meine damals siebenjährige Nachbarin hatte einen Gutschein für Reitstunden geschenkt bekommen. Das wollte ich auch haben“, erzählt der gelernte technische Zeichner lachend. Nach den Anfängen folgen im Laufe der Jahre Turniere, sogar an der Deutschen Meisterschaft im Vierkampf der Springreiter nimmt er mit seinem ersten Pferd Pascal teil. Kurz bevor er entscheiden muss, ob er das Reiten aufgibt oder in den Profisport wechselt, verunglückt er mit dem Roller.

Er kämpft sich zurück aufs Pferd und trainiert für die Paralympischen Spiele im Jahr 2000 in Atlanta (USA). Dann stürzt er vom Pferd. Timo Ameruoso liegt eine Woche im Koma, wacht an seinem 21. Geburtstag wieder auf. Das war 1999. Sein erster Ritt nach dem schweren Sturz endet für ihn in einer Katastrophe: Das Pferd erschrickt, reißt den Kopf nach hinten, und Timo Ameruoso muss abrupt absteigen. „Von da an ist die Todesangst mitgeritten. Nichts hat mehr in meinem Leben geklappt.“

Weiterkämpfen trotz schweren Rückschlags

Die Angst führt zu Nervenzusammenbrüchen. „Aber als Pascal krank wurde und ich ein ganzes Jahr nicht reiten konnte, hat sich alles entspannt. Und irgendwann war die Sehnsucht größer als die Angst.“ Er nähert sich dem Pferd langsam an und traut sich, wieder wenige Minuten zu reiten. 2007 stirbt Pascal. Bereits 2004 ist Paolo in den Stall gekommen. Mit ihm arbeitet Timo Ameruoso weiter.

„Es hat ganze zehn Jahre gedauert, bis ich wieder komplett angstfrei auf dem Pferd saß“, sagt Timo Ameruoso. In dieser Zeit hat er viel über sich selbst, aber auch über Pferde und deren Psyche gelernt. Dieses Wissen gibt er mittlerweile in Workshops an Hobbyreiter aus aller Welt weiter. Mit Vorträgen und Lesungen tourt der Autor zweier Bücher durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, durch Italien und Brasilien. Seinen Job als technischer Zeichner übt er nur noch halbtags aus – Timo Ameruoso möchte sein Hobby endgültig zum Beruf machen. „Ich verstehe mich heute als Mediator zwischen Pferd und Reiter. Und bin glücklich."


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