"Liebe und Arbeit machen arm"

Oliver Straub ist 33 Jahre und lebt in Friedrichshafen. Er beschreibt sich selbst als offen, ehrlich und abenteuerlustig. Wie jeder andere 33-Jährige hat er bestimmte Wünsche und Zukunftsvorstellungen: Er möchte die Welt sehen, die Frau für’s Leben finden, ein Haus bauen und Kinder bekommen. Im Unterschied zu vielen anderen in seinem Alter wird ihm die Erfüllung dieser Wünsche durch die derzeitige Gesetzeslage aber erheblich erschwert.
 

Oliver bei seiner Tour nach Berlin.

MENSCHEN. das magazin

Text: Sandra Strang

Oliver wird auf seiner Tour von der lokalen Presse interviewt

„Ich lasse mich nicht leicht unterkriegen von irgendwelchen Problemen oder Hürden. Eigentlich gucke ich immer nach vorne und bin ein lebensfroher Typ.“ Wenn Oliver das sagt, spricht er aus Erfahrung. Im Jahr 2003 stand er vor einer enormen Hürde. Nach einem Kopfsprung in zu seichtes Gewässer ist der damals 21-Jährige vom Hals abwärts querschnittsgelähmt und sitzt im E-Rolli. Doch es ist keinesfalls seine Behinderung, die ihn davon abhält, seine Träume zu verwirklichen. Es sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die ihn finanziell hemmen.

Oliver bezieht eine Berufsunfähigkeits- und Erwerbsunfähigkeitsrente. Hätte er einen Job, würden diese Leistungen teilweise wegfallen. Von seinem Gehalt dürfte er nur 800 Euro behalten. Den Rest müsste er an das Sozialamt abgeben. Ansparen darf er gerade mal rund 2.600 Euro. Ein Autokauf oder eine weite Reise sind damit fast unmöglich – an einen Hauskauf gar nicht zu denken.

Selbstbestimmt leben

Erst kurz vor dem Unfall war Oliver in eine eigene Wohnung gezogen, hatte seine Maurerausbildung abgeschlossen und wollte studieren. Nach dem Unfall verbrachte Oliver neun Monate im Querschnittsgelähmten-Zentrum in Ulm. Anschließend ging es „von der erst kürzlich erlernten Selbstständigkeit in die totale Abhängigkeit der eigenen Familie“. Zurück zu den Eltern zu ziehen, war für ihn ein Rückschlag: „Ich hatte aber keine Unterstützung oder Informationen, wie ich mein Leben selbstbestimmt gestalten könnte.“

Das war für mich wie ein Befreiungsschlag

Oliver Straub

Fünf Jahre blieb er bei den Eltern, dann kam die ersehnte Wende. Von einem Freund erfuhr er von der Möglichkeit ein persönliches Budget zu beantragen. Mit diesem Budget ist die Chance verbunden, 24-Stunden-Assistenzen einzustellen und sie als Arbeitgeber zu verwalten. Oliver stellte sofort den Antrag und bekam zwei Monate später die Bewilligung. Seitdem stellt er seine Assistenten ein und ist ihr Chef: „Das war für mich wie ein Befreiungsschlag“. Was folgte war der Umzug nach Friedrichshafen. Den Alltag nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten zu können, bedeutete Oliver viel: „Ich war einfach nur glücklich, wieder selber über mich und mein Leben bestimmen zu können“.

Mit seinem Arbeitgebermodell ist Oliver sehr zufrieden. Und doch fehlt noch einiges zu seinem persönlichen Glück. Er würde gerne arbeiten, Geld ansparen und sich eine eigene Existenz aufbauen. Deswegen fordert er eine Abschaffung der Einkommens- und Vermögensgrenze. „Nicht nur die Arbeit würde mich arm machen, auch die Liebe“, sagt er. Eine feste Partnerin müsste genauso für Olivers Assistenten aufkommen und gemeinsam dürften sie maximal etwa 3200 Euro ansparen. Gegen diese für ihn ungerechte Gesetzeslage wehrt er sich.

Oliver bei seiner Ankunft in Berlin.

Tour für mehr Teilhabe
 

Um darauf aufmerksam zu machen, ist Oliver in diesem Sommer mit dem Rollstuhl von Friedrichshafen nach Berlin getourt. Dort sprach er mit Politikern und Entscheidungsträgern über das geplante Bundesteilhabegesetz. Unter anderem soll darin die Einkommens- und Vermögensgrenze neu geregelt und vereinheitlicht werden. 400 km ist er dafür mit dem Rolli unterwegs gewesen, die übrigen 275 km ging es mit dem Auto weiter. Neun Monate hat er die Tour vorbereitet, via Crowdfunding die Finanzierung angepackt, Hotels und Jugendherbergen angeschrieben und um eine kostenfreie Unterkunft gebeten. In neun Städten hat er Halt gemacht, um mit der Lokalpresse und mit Passanten zu sprechen. „Ich habe persönlich sehr viel erreicht, aber auch Aufmerksamkeit für mein Anliegen bekommen. Ob es sich wirklich gelohnt hat, wird der Gesetzesentwurf zeigen.“

Noch ist unklar, wie das Gesetz ausgestaltet sein wird. Im Frühjahr 2016 kommt der Entwurf. Dass alle Forderungen in einem ersten Schritt umgesetzt werden, ist unwahrscheinlich. Seinen Optimismus behält Oliver dennoch bei: „Ich setze mir immer neue Ziele – will vorankommen“. Deswegen möchte er sich weiter engagieren, informieren und aufmerksam machen. Eine zweite Tour ist für das nächste Jahr bereits geplant. Dieses Mal geht es über die Alpen.


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