Dänischer Modedesigner: Kreativ mit Assistenz

Der Däne Henrik Silvius ist Modeblogger, Stylist und entwirft seine eigene Modelinie für Männer. Die Assistenzregelung seines Landes lässt dem Designer viel kreativen Freiraum. Den braucht er auch. Bereits Anfang Februar 2016 präsentiert er seine neueste Kollektion auf der Kopenhagener Fashion Week.

Henrik Silvius

Kreativ, selbstbewusst und ein wenig divenhaft: Der dänische Modedesigner und Blogger Henrik Silvius.

 

Text: Kristin Oeing

Männliche Models in hochtaillierten Hosen und metallisch schimmernden Jacken laufen zu wummernden Beats über den hell erleuchteten Laufsteg – raffinierte Designs, durchtrainierte Körper, viel nackte Haut. Plötzlich erlischt das Licht, fünf Sekunden nur, dann erscheint der rothaarige Designer im Scheinwerferlicht des Laufstegs. Er trägt schwarze Lackschuhe und einen kinnhohen dunklen Kragen über dem weißen Hemd. Ein leises Lächeln umspielt seine Lippen.

„Ich bin von Mode besessen“, sagt Henrik Silvius, 25, der sich zunächst als einer der meist gelesenen Modeblogger Dänemarks einen Namen machte und seit letztem Jahr als Designer durchstartet. Henrik hat Muskeldystrophie. Seit seiner Geburt sitzt er im Rollstuhl, eine Maschine hilft ihm beim Atmen.

Henrik Silvius

„Wenn ich meine Designs entwerfe, habe ich einen maskulinen und perfekten Körper im Kopf", sagt Henrik Silvius.

Malen statt auf Bäume zu klettern

Mit vier Jahren fing Henrik zu malen an. „Wenn man nicht rumrennen und auf Bäume klettern kann, beginnt man eben, mit Hilfe der Augen zu spielen.“ Noch heute sei das Malen von Modeskizzen sein Steckenpferd, „nicht nur weil mein Körper mir das ohne Einschränkung erlaubt, sondern weil dort glücklicherweise auch mein Talent liegt.“

Auf dem Papier erwacht seine Fantasie zum Leben. „Wenn ich meine Designs entwerfe, habe ich einen maskulinen und perfekten Körper im Kopf, eine männliche Barbiepuppe, quasi einen Super-Ken. Mein Körper ist davon ziemlich weit entfernt, aber das stört mich nicht“, sagt Henrik, „auch ohne feste Bauchmuskeln fühle ich mich männlich, stark und attraktiv – und so sollen sich alle fühlen, die meine Designs tragen.“

Um seine körperlichen Einschränkungen bei der Arbeit und im Alltag auszugleichen, steht ihm rund um die Uhr ein Team von Assistenten zur Seite. In der westlichen Welt gehören solche Assistenzmodelle mittlerweile zur Lebensrealität vieler Menschen, ebenso wie inklusive Schulen und Antidiskriminierungsgesetze. Doch es gibt Unterschiede, die oft schon in der Definition beginnen. In Deutschland hat der Mensch eine Behinderung, in Dänemark ist es die Umwelt, deren Barrieren die Teilhabe von Menschen beschränken oder verhindern. Und während in Deutschland nicht mal ein Drittel der Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf eine allgemeinbildende Schule besucht, sind es in Dänemark neun von zehn Kindern. Als Erwachsene leben viele von ihnen außerhalb der großen Anstalten in privaten Wohnungen oder kleineren Einrichtungen. In der Privatwirtschaft hat sich die Zahl der Menschen mit Behinderung innerhalb der letzten fünf Jahre verdoppelt.

Zudem erhalten die Dänen keine pauschalierten Pflegesätze, sondern ein vom Staat und der Kommune finanziertes Grundeinkommen, das ihrem Hilfebedarf entspricht und das sie selbstständig verwalten, egal ob sie in einer eigenen Wohnung leben oder in einer sozialen Einrichtung.

Henrik Silvius

„Ich bin von Mode besessen“, sagt Henrik Silvius.

Ohne Assistenten geht es nicht

Vor sieben Jahren wurde das persönliche Budget in Deutschland eingeführt. Und obwohl die hohen bürokratischen Hürden in der Kritik stehen, steigt die Zahl derer, die ihr persönliches Budget verwalten. Im Jahr 2013 waren es hierzulande immerhin 8.500 Menschen, die sich für ein Stück mehr Freiheit entschieden haben und vielleicht auch für persönliche Assistenten, die sie in den eigenen vier Wänden umsorgen – so wie Henrik.

Für den Modedesigner ist diese Selbstständigkeit unabdingbar. Nicht nur im Alltag – auch in der Modewelt wäre seine Arbeit ohne Assistenten undenkbar. Bei Fotoshootings richten sie das Model nach seinen Anweisungen aus, zupfen, kämmen, schminken und polieren bis der Designer zufrieden ist. „Ich habe immer schon zuerst die Klamotten der Menschen gesehen, bevor ich ihr Gesicht erblickte“, sagt der Jungdesigner, „das hat meinen Blick für Details geschärft.“ Er sei zwar auch „eine Diva“, die sich Tage im Voraus überlegt, was sie anzieht, aber auch ein Arbeitstier. „Wenig freie Zeit zu haben, kann allerdings für einen kleinen Körper mit Muskeldystrophie hart sein“. Trotzdem falle es ihm schwer, loszulassen, „ich bin einfach extrem perfektionistisch.“ Unterschiede zwischen sich und anderen Designern sieht er nicht, „ich fühle mich gleichgestellt und, mal ehrlich, es gibt doch keinen Designer, der allen Normen entspricht.“

Trotzdem muss er im Arbeitsalltag permanent Kämpfe austragen. „Aufstrebende Labels mieten sich in der Altstadt von Kopenhagen gerne schrullige Lofts oder Kellerräume. Für Rollstuhlfahrer ist es viel schwerer, geeignete Räume zu finden. Das klingt nach einem Luxusproblem, aber an dieser Stelle habe ich einfach nicht die gleichen Chancen wir andere in meinem Alter.“ Auch in Dänemark gebe eben immer noch viele Bereiche, in denen sich die oft gelobte Behindertenpolitik des Landes verbessern ließe.


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