Die Sprache der Kunst

Ein Jahr lang führte die Kölner Künstlerin Susanne Beucher einen zeichnerischen Dialog mit ihrer Schülerin Lea, die das Downsyndrom hat. Beiden bescherte der Austausch über ihre Zeichnungen neben gegenseitiger Inspiration auch jede Menge gute Gefühle.
 

Text  Astrid Eichstedt
Bilder Susanne Beucher und Lea Nießen

Lea ist zwölf Jahre alt und besucht seit zwei Jahren den Gemeinsamen Unterricht am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hürth bei Köln. Im Kunstunterricht erprobt sie zusammen mit ihren Klassenkameraden vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten. Sie fertigt Zeichnungen an, näht, bemalt Fliesen und erstellt Objekte nach dem amerikanischen Pop-Art-Künstler Claes Oldenburg. Auch während der übrigen Schulstunden zeichnet und malt sie manchmal parallel zum Unterrichtsgeschehen mit einer Intensität, von der ihre Kunstlehrerin, die Kölner Künstlerin Susanne Beucher, fasziniert ist.

Lea bringt sich auch sonst gern in den Unterricht ein. Sie schreibt ihre ganz eigenen Buchstaben und spricht viel mit ihren eigenen Worten. Aber die sind häufig schwer zu verstehen. Susanne Beucher: "Ich glaube, dass Lea ein Sprachkonzept hat und dass sie weiß, was sie sagen will. Doch für mich sind ihre Äußerungen im schnellen Unterrichtsgeschehen leider oft nicht verständlich." Deshalb, und weil Susanne Beucher die zeichnerischen Fähigkeiten ihrer Schülerin erkannte, kam ihr die Idee, es mit der Sprache der Kunst zu probieren. Sie startete mit Lea einen zeichnerischen Dialog.

Zunächst fertigte Susanne Beucher eine Zeichnung, zeigte sie Lea und bat sie, etwas dazu zu zeichnen. Im nächsten Schritt erschuf Lea eine Figur, die die Kunstlehrerin dann zeichnend ergänzte und auf diese Weise "beantwortete". Nach anfänglichem Zögern kam so nach und nach ein lebendiger Dialog in Gang. Von November 2015 bis Dezember 2016 entstanden über 80 Blätter in einem gemeinsamen Skizzenbuch, dem "Projekt Mal Zwei".

Susanne Beucher: "Wir versuchten uns jeweils von der Anderen inspirieren zu lassen, Formen neu zu interpretieren und so das eigene Repertoire zu erweitern." In dieser Zeit wurden Leas Zeichnungen größer, entschlossener und detailreicher. Dass sich Leas Malstil seither deutlich weiter entwickelt hat, bestätigt auch ihre Mutter. Formen aus Leas Zeichensprache sind inzwischen in die Malerei von Susanne Beucher eingeflossen.

Die gegenseitige Inspiration und Beeinflussung wirkte nicht nur künstlerisch, sondern auch emotional. "Es hat mich bewegt, zu sehen, welche Freude Lea meine angebotenen Zeichnungen zusehends machten", erzählt Susanne Beucher. "Sie hat den Austausch auf eine elementare Weise verstanden. Als Künstlerin kann ich mir so eine Reaktion nur wünschen!" Susanne Beucher empfand den gegenseitigen Austausch als große Bereicherung. Zudem war sie froh, dass ihr Gefühl der Sprachlosigkeit nun aufgehoben war. "Ich hatte einen Weg gefunden", so die Künstlerin, "auf dem wir uns auf Augenhöhe begegnen können. Hierin liegt für mich die große Chance der Kunst: Kommunikation über Grenzen hinweg auf einer emotionalen, grundlegenden Ebene zu ermöglichen." Deshalb soll das "Projekt Mal Zwei" auch fortgeführt werden. In welcher Form, das steht noch nicht fest, aber Susanne Beucher sagt: "Wir wollen auf jeden Fall dran bleiben."


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