Adolf Beutler: Outsider in der Kunstszene

Bei einer aktuellen Gruppenausstellung namhafter zeitgenössischer Künstler in Kerpen bei Köln sind auch die Werke von Adolf Beutler, ein Zeichner mit geistiger Behinderung, zu sehen. Zur Eröffnung ist Beutler aus Berlin angereist. Wie empfand er den Tag? Wie hat das Publikum auf ihn und sein Werk reagiert? Wir haben Adolf Beutler begleitet.
 

Adolf Beutler an seinem Arbeitstisch in der Ausstellung

Text: Pina Feltin
Fotos: Sascha Montag

In seinem besten Anzug, hellgrau und mit weißer Fliege, sitzt Adolf Beutler an einem Arbeitstisch und zeichnet. Der Tisch misst fast genau die Breite des Flurs, an dessen Ende er steht. Ein transparenter Vorhang trennt den Platz etwas ab vom restlichen Ausstellungsbereich im Kunsthaus Mödrath.

Beutler ist hochkonzentriert, obwohl hinter ihm Besucher durch die gerade eröffnete Ausstellung laufen, in deren Rahmen auch seine Werke zu sehen sind. Mit seinen klaren blauen Augen und dem wachsamen Blick durch die Brille verfolgt er die violette Linie seines Buntstiftes über das ganze Papier, der Blick folgt der Hand und kurz vor dem Ende des Blattes macht er ohne abzusetzen halt und schaut auf. Er sieht aus dem Fenster in einen Landschaftspark mit uralten Bäumen und sagt „schön“.

Der Arbeitstisch, der aus Beutlers Werkstatt in Berlin stammt, ist über und über mit Holzklötzchen, Papierstreifen und Blättern bedeckt. Der Künstler hat sie alle bezeichnet und arrangiert, eigenhändig und in jahrelanger Arbeit. Links und rechts an den Wänden flankieren diesen Tisch, das Zentrum seines Werkes, gerahmte Zeichnungen. Das Kabinettartige der Präsentation verstärkt den intimen Charakter seines Werkplatzes.

Gutshaus mit bewegter Geschichte

Adolf Beutler ist einer von 28 ausstellenden Künstlern, die an einem Frühlingswochenende im April 2017 die Eröffnung der Ausstellung „Lodgers/Aftermieter“ im Haus Stiftung Mödrath feiern. Zur Vernissage ist er eigens aus Berlin nach Kerpen ins Rheinland angereist.

Das Kunstpublikum geht ein und aus, in der frischen Frühlingsluft wird Sekt gereicht, man steht im Garten und genießt die knisternde Atmosphäre der Vernissage. Das alte Gutshaus Mödrath hat eine bewegte Geschichte als Überbleibsel eines dem Tagebau gewichenen Dorfes mit seit Jahrzehnten wechselnden Nutzern. Der Komponist Karl Heinz Stockhausen wurde hier geboren. Der aktuelle Besitzer, ein anonymer Kunstmäzen aus der Gegend, hat das Haupthaus aufwendig saniert und  der zeitgenössischen Kunst gewidmet. Der Kurator der Ausstellung Dr. Veit Loers, ehemals Leiter des Museum Fridericianum in Kassel und Kurator der Bundeskunstsammlung, führt durch die Stockwerke und erläutert sein Konzept für die Gestaltung und Bespielung des Hauses und des Parks. Das Publikum strömt voller Neugier in die hellen weißen Räume, in denen mehr auf den Ort bezogene Installationen als klassische Malerei zu sehen sind.

Untern den bekannten und erfolgreichen, meist akademischen Künstlern wie Franz West, Georg Herold, Eva Kotàtkova oder Günter Förg, ist der Berliner Adolf Beutler mit seinen 82 Lebensjahren der älteste. Und der einzige mit einer geistigen Behinderung. Beutler hat in seinem spät entwickelten Künstlerleben schon viele Reisen unternommen. Sein Durchbruch im Jahr 2000 war die Verleihung des Euward, des 1. Europäischen Kunstpreises für Künstler mit einer geistigen Behinderung, im Haus der Kunst in München. Da war er schon 65 Jahren alt, ein Alter, in dem andere ihre berufliche Laufbahn bereits beenden. Für Adolf Beutler jedoch fing sie gerade erst an. Seine Arbeiten wurden aus über 1100 Einsendungen aus ganz Europa von einer exquisiten Kunstjury ausgewählt. Seitdem ist er ein anerkannter Künstler und wird regelmäßig zu Ausstellungen eingeladen. Er war bei der Expo in Hannover, in Kassel parallel zur documenta X, und in den letzten Jahren auch verstärkt international unterwegs, mit Ausstellungen in Liège und Gent (Belgien), in Budapest, Barcelona und Madrid.

Haus Stiftung Mödrath

Mit Begleitung zur Ausstellung

Alleine zur Ausstellung zu fahren, ist ihm nicht möglich. Er wird begleitet von Nina Pfannenstiel, der Leiterin der Kunstwerkstatt Mosaik Berlin, die ihn seit mehr als 20 Jahren in seiner künstlerischen Arbeit begleitet, und von Matthias Böhm, der ihn seit sieben Jahren im Wohnheim betreut. Adolf Beutler macht eine kurze Pause und schaut auf. Er bittet seinen Assistenten um sein Lieblingsgetränk. „Kaffe bitte“, sagt er, in der Betonung um ein "e" verkürzt. Matthias Böhm besorgt unten in der Künstlerküche das Gewünschte. Er kümmert sich an diesem Tag um die persönlichen Bedürfnisse des Künstlers, während Nina Pfannenstiel Kontakte zu interessierten Besuchern knüpft und in das Werk einführt.

Adolf Beutler selbst spricht nicht viel, nur sehr wenige einzelne, oft unverständliche Worte kommen über seine Lippen.“ Wenn man sich ihm intensiv widmet und auf die ihm eigene Langsamkeit einlässt, beginnt man, ihn zu verstehen“, sagt Matthias Böhm, der schon einige Künstlerreisen begleitet hat und mit der Zeit die für Außenstehende unverständlichen Ansagen Beutlers zu deuten gelernt hat.

Wer nicht spricht, ist scheinbar kein Gesprächspartner. Das fällt besonders im Trubel der Vernissage auf. Sich eine Viertelstunde Zeit zu nehmen, um die Bild-Sprache Adolf Beutlers zu erforschen, gelingt nur wenigen Besuchern der Eröffnung. Im Fahrtwind des Kunstpublikums, das durch die Räume eilt, um sich einen Überblick zu verschaffen, mit dem Ausstellungsguide in der Hand, gehen Details und Feinheiten verloren. Durch seine Präsenz am Arbeitsplatz und den mikrokosmoshaften Charakter seines Werkes am Ende des Flurs empfinden manche Besucher ein Eintreten in diese eigene Welt vielleicht auch als Grenzüberschreitung. Eine vorsichtige Annäherung ist notwendig und eine Sensibilität für den Prozess des Zeichnens, Adolf Beutlers ureigener Sprache. Gelingt es einem Besucher, mit respektvoller Ruhe heranzutreten und die Arbeit zu verfolgen, wird er belohnt mit einem strahlenden Lächeln des Künstlers, der ein Holzklötzchen zum Anschauen reicht und damit den Auftakt gibt zu einem Austausch.

Nina Pfannenstil begleitet Adolf Beutler bei einem Rundgang durch die Ausstellung.

Vier Jahrzehnte in der Psychiatrie

Seine Behinderung sieht man Beutler nicht an, er ist ein kleiner, durchaus attraktiver Herr, der für Anfang 60 durchgehen könnte. Seine äußerliche Unauffälligkeit könnte ihm das Leben gerettet haben. Beutler wurde 1935 in Berlin in eine vermutlich kinderreiche Familie hineingeboren und überlebte die Kriegs- und Nachkriegswirren äußerlich unbeschadet. Er ist ein Überlebender des Naziregimes, dessen grausames Euthanasieprogramms unzählige Menschen mit einer geistigen Behinderung das Leben kostete.

1947, mit 12 Jahren, wies ihn das Jugendamt in eine psychiatrische Anstalt ein, in der er 42 Jahre lebte wie in einer Zeitkapsel. Aus dieser Zeit ist nur eine dünne Akte erhalten geblieben, aus der man keine nennenswerten Informationen über etwaige noch lebende Angehörige oder seinen persönlichen Werdegang entnehmen konnte. Die Psychiatriereform 1989 bewirkte die Auflösung der Stationen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung zusammen mit psychisch behinderten Menschen untergebracht wurden.

Für Adolf Beutler begann ein neues Leben. Er zog in eine betreute Wohngemeinschaft, begann in den Mosaik-Werkstätten für Behinderte zu arbeiten und wurde ein normaler Mensch mit Arbeits- und Privatleben und Urlaubsanspruch. Nach einigen Jahren in der Industriemontage begann er, sich für den neu eröffneten Kunstbereich zu interessieren, den Nina Pfannenstiel ab 1996 aufbaute. Adolf Beutler kam immer wieder vorbei, besuchte das Atelier, trank seinen Kaffee und nahm sich in seiner ruhigen und stetigen Art immer mehr Raum für seine Zeichnungen.

"Was er zeichnet, kommt aus ihm. Es gibt keine Vorlagen, keine Vorgaben“, beschreibt Nina Pfannenstiel Beutlers Arbeitsweise. „Viele Zeichnungen liegen über Monate und Jahre auf seinem Tisch und werden immer wieder überarbeitet und ergänzt.“  Seine Werke in der Ausstellung, die den Tisch in Sichthöhe flankieren, sind Produkte einer jahrzehntelangen Arbeit.  „Im Prinzip kann man hier in Mödrath einen Großteil seines Lebenswerkes betrachten“, sagt Nina Pfannenstiel gerührt.

Am nächsten Tag, kurz vor der Rückreise nach Berlin. Adolf Beutler erscheint mit glänzender Laune am Frühstückstisch im Hotel, leicht gestützt auf den Arm seines Assistenten. Er setzt sich, nimmt sich Toast und, natürlich, Kaffee und – hält eine Rede. Das hatte keiner erwartet. Von den vielen Worten ist kaum etwas zu verstehen, einiges jedoch sehr deutlich. “Mache Kunst. Künstler!“ sagt er stolz und nimmt einen Schluck.


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