„Ich brauche jetzt nicht noch mehr“

Die Musik hat für ihn einen enorm hohen Stellenwert. Doch für Felix Klieser gibt es auch ein Leben außerhalb von Konzert- und Übungsräumen. Im Gespräch erzählt der gefeierte Hornist, der sein Instrument mit den Füßen spielt, über das Üben verhasster Stücke, über Normalität und über das, was ihm im Leben am wichtigsten ist.

Interview Christina Marx

Fotos Joanna Nottebrock

 

Wie sind Sie dazu gekommen Horn zu spielen?

Das ist eine interessante Frage, weil ich es gar nicht weiß. Ich war vier Jahre alt und in meinem Umfeld war niemand Musiker, geschweige denn Hornist und ich war auch nie im Konzert, wo ich ein Horn hätte sehen können. Ich weiß nur, dass ich es wollte. Wie ich dazu gekommen bin, wo ich es das erste Mal gesehen habe – ich weiß es nicht.“

Mittlerweile sind Sie ein sehr erfolgreicher Berufsmusiker, geben viele Konzerte. Haben Sie vor jedem Konzert noch Lampenfieber?

Schon. Das ist auch sehr, sehr wichtig. Lampenfieber ist in sofern wichtig, weil man es erst dann schafft sich wirklich zu konzentrieren, die Dinge wirklich ernst zu nehmen. Wenn man kein Lampenfieber hat, dann ist man so sehr entspannt, da kann man ’ne Suppe kochen oder man kann das Haus putzen, aber eben keine Konzerte spielen, weil da muss man sehr konzentriert sein, sehr fokussiert sein und deswegen ist Lampenfieber auch eigentlich etwas…in gewissen Maßen etwas Wichtiges. Ich glaube, ein Sportler, der seine Bestleistung bringt, der kann das auch nur in einer gewissen Drucksituation, weil dann entweder alles funktioniert oder es funktioniert gar nichts. Aber ohne Lampenfieber funktioniert es irgendwie auch nicht.

Sie spielen in einem aktuellen Werbespot der Aktion Mensch mit. Ist das ein neues Gefühl, etwas Anderes, als sich auf ein Konzert vorzubereiten?

Natürlich, wenn man irgendwie was dreht, ’nen Spot dreht oder so, dann ist der wesentliche Unterschied, dass man eben nicht spielen muss. Das ist, glaube ich, der einzige Unterschied und das macht das ganze natürlich wesentlich entspannter. Ich muss eigentlich nur gut aussehen und schön geschminkt sein. Der Rest ist eigentlich egal.“

Und was sind Ihre nächsten musikalischen Pläne?

Ich spiele jetzt Konzerte, teilweise mit wichtigen Leuten, mit wichtigen Dirigenten. Dann freue ich mich sehr darauf, im Herbst mein nächstes Album aufzunehmen mit Orchester. Es ist etwas anderes als das, was ich jetzt aufgenommen habe. Keine Kammermusik, sondern eben Sololiteratur mit Orchester.

Sie haben sich eben einen Vergleich zum Sport gezogen. Auch Sie trainieren ja viel, üben acht Stunden am Tag. Bleibt da noch Zeit für irgendetwas anderes außer der Musik?

Naja, ich habe jetzt keine wirklich weiteren Hobbies, gehe zum Beispiel nicht zum Kegeln oder so. Aber doch, es funktioniert schon. Ich habe ein Privatleben, ich habe Freunde, die ich regelmäßig sehe. Ich befinde mich nicht nur eingesperrt in irgendwelchen Räumen.

Wenn Sie beschreiben sollten, was Musik für Sie ist, was würden Sie dann sagen?

Ich vergleiche das immer mit einem Fernseher. An sich ist so ein Fernseher sterbenslangweilig. Er wird erst dadurch interessant, dass man gute Filme hat, die man in ihm sieht. Und genauso ist es auch mit der Musik. Musik an sich ist erstmal nichts. Wir Musiker versuchen aber nun, verschiedene Dinge des Lebens durch Musik nachzuzeichnen. Also Emotionen, Situationen,  Lebensabschnitte und so weiter. Dies macht Musik erst interessant. Das Leben um diese Musik herum macht sie eigentlich interessant und deswegen halte ich es auch für sehr wichtig, dass man nicht als Musiker denkt, Musik sei alles. Sie ist wirklich nur Mittel zum Zweck.

Gab es denn auch schon mal einen Moment, in dem Sie gedacht haben: Musik ist gar nichts?

Schwer zu sagen. Es gibt so Momente, wenn man Stücke üben muss, die man abgrundtief hasst, die man aber spielen muss, weil es der Job vorgibt, dann denkt man: `Ok da muss ich mich jetzt durchbeißen.` Aber dann freue ich mich auch wieder, wenn das Projekt abgeschlossen ist und ich wieder andere Dinge spielen kann. Vielleicht ist es so wie Schokolade essen. Wer Schokolade mag, der wird nicht irgendwann sagen: `Oh schon wieder Schokolade`, sonder freut sich immer wieder darauf.

Ja aber wenn man Schokolade isst, dann isst man manchmal Traube-Nuss und manchmal Erdbeer-Sahne. Sie spielen berufsmäßig ja in der Hauptsache Klassik. Was hören Sie denn privat?

Wenn wir von Klassik reden, reden wir von 300 Jahren Musikgeschichte. Das, was im Barock und das, was in der Romantik passiert ist, sind eigentlich völlig verschiedene Welten. Wenn man die Popmusik betrachtet, so sind das vielleicht 50, 60, 70 Jahre…das ist nur  ein Bruchteil von dem, was die Klassik ausmacht. Aber ich höre privat alles. Ich bin nicht jemand, der nur klassische Musik hört. Im Auto höre ich zum Beispiel keine klassische Musik, sonst würde ich wahrscheinlich gegen den nächsten Baum brettern.

Was hat sich  denn aus Ihrer Sicht  in den letzten Jahren, Jahrzehnten für Menschen mit Behinderung zum Positiven entwickelt?

Das ist insofern für mich schwer zu sagen, weil ich noch nicht so lange auf diesem Planeten bin …. also mit drei, vier, fünf Jahren nimmt man das nicht so wirklich wahr. Das Zweite ist, dass ich ja in einer Welt von Nicht-Behinderten lebe. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, wollen die Leute immer, dass man irgendwie eine Message hat. Und meine persönliche Meinung dazu ist: Es sollte das Wichtigste sein, dass man versucht, Leute mit Behinderung als normal zu betrachten. Das funktioniert aber auch im Umkehrschluss nur so, wenn man anfängt, sich selbst als normal zu betrachten. Ich habe natürlich mit vielen wechselnden Menschen zu tun. Und die Menschen, die mich kennen, behandeln mich völlig normal. Also im Freundeskreis ist das kein Thema, im Berufsleben ist es kein Thema, weil ich es natürlich auch bewusst nicht so zu mache. Ich vergleiche das immer damit: Wenn eine Frau eine große Oberweite hat und ständig darüber redet, wird sie von der Gesellschaft auch so  definiert. Für mich ist es eine gewisse Form von Selbstverständlichkeit. Wenn ich die von anderen verlange, muss ich auch lernen, sie von mir zu verlangen und das versuche ich ein bisschen zu leben.“

Es gibt genügend Leute, die in ihrem alltäglichen Leben mit Menschen mit Behinderung nichts zu tun haben. Wenn die Sie zum ersten Mal sehen, sehen einen Menschen mit einer Behinderung, der Musik macht oder sehen sie sofort den Künstler?

Ich weiß es nicht. Wenn ich mit dem Orchester, mit Dirigenten zusammenarbeite, dann setzt man sich in den Proberaum und dann geht’s los: `Herr Klieser welches Tempo hätten Sie gerne? Wie sehen Sie das und jenes? Wie möchten Sie die Balance haben?` Dann wird eben gearbeitet. Was in den Köpfen vorgeht, das weiß ich nicht. Es ist natürlich auch das Recht des Dirigenten oder eines anderen Kollegen: `Nee, die Qualität passt mir nicht aus irgendwelchen Gründen.` Dann fliegt er raus. Wenn einer allerdings sagt: `Weil er keine Arme hat, fliegt er raus`, dann muss man eben auch lernen sich durchzusetzen. Und sich da auch wirklich gegenzustemmen und nicht zu sagen: `Naja, dann halt eben nicht.`

Die Aktion Mensch setzt sich ja für eine inklusive Gesellschaft ein. Kultur ist sicherlich ein wunderbares Medium, um Inklusion voranzutreiben, oder?

Naja, Kultur hat ja den riesigen Vorteil, dass sie sofort universell ist. Jeder kann sich Musik anhören, andere können selber Instrumente spielen. Man muss nicht drüber reden, es ist nicht wichtig, ob jemand alt oder jung ist. Ich kann auch mit einem 80-jährigen Pianisten Konzerte spielen. Ich arbeite oft mit Asiaten zusammen, die vielleicht nur ein bisschen gebrochen Englisch können. Das Starke an Kultur, im Gegensatz zu so vielen anderen Dingen, ist, dass es einfach sehr schnell universell wird. Ich glaube, man sollte aufhören, sich zu fragen: Ist das möglich, obwohl…? Warum sollte es nicht möglich sein, obwohl …!

Warum sollte eine Frau nicht auch Skispringen dürfen? Wie jetzt zum Beispiel bei den Olympischen Spielen. Die erste Skispringerin, die es gab. Da haben viele gesagt: `Boah, das ist ja interessant. Und warum sollte ich nicht Musik machen?

Der zweite Teil des Jubiläumsmottos der Aktion Mensch ist „ Noch viel mehr vor“. Als 23-Jähriger haben Sie noch ihr ganzes Lebens vor sich. Was hat Felix Klieser noch vor? Was sind Ihre Ziele, Ihre Träume?

Ich weiß es nicht. Ich bin nicht so ein klassischer Träumer, der sich am Reißbrett alles aufbaut und plant, wo er in zwei Jahren stehen muss. Ich habe einen Beruf der ist sehr interessant und spannend im Sinne von: Man weiß heute nicht, was morgen passiert. Ich versuche eigentlich nur, dass ich mit dem, was ich mache, zufrieden und glücklich bin und ich glaube das ist das Entscheidende. Dass man in sich hineinhört und sagt: Was brauche ich dafür? Für mich ist das eben Musikmachen zu können und Freunde zu haben, die mir wichtig sind und dann bin ich zufrieden und das ist eigentlich das, was mein Ziel ausmacht. Das klingt vielleicht ein bisschen trivial, aber für mich braucht es jetzt nicht unbedingt noch mehr.

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