Hat der Töne

Der Hornist Felix Klieser begeistert mit seiner Virtuosität nicht nur das Publikum,
sondern auch die Fachwelt. Sein Instrument, das als eines der anspruchsvollsten
überhaupt gilt, spielt er mit den Füßen.


 

Ein entspannender Moment während der Probenpause

Text Nicola Meier 

Fotos Joanna Nottebrock

 

 

Felix Klieser stürmt um kurz nach halb acht in den Übungsraum im ersten Stock der Musikhochschule Hannover. Dass er eine halbe Stunde zu spät ist, liegt nicht an ihm, sondern an den Journalisten. Wieder einmal gab es viele Fragen, und es wurden viele Bilder gemacht, er ist den Medienrummel mittlerweile gewohnt. Allerdings stehen heute Abend noch vier Stunden Proben auf dem Programm, zusammen mit seinem Klavierpartner Christof Keymer, der schon seit einer halben Stunde am Flügel sitzt. „Ich spiel mich schnell ein“, sagt Felix Klieser. Er ist 23 Jahre alt und einer der besten Hornisten Deutschlands. Allerdings kommen deshalb nur die Musikjournalisten aus dem Feuilleton. Die anderen kommen vor allem, weil er ohne Arme zur Welt gekommen ist und sein Horn mit den Füßen spielt.

Felix Klieser trägt Jeans, Shirt und Dreitagebart, seine Füße stecken barfuß in Turnschuhen. Er setzt sich hin und schlüpft aus ihnen raus, holt sein Horn mit den Füßen aus der Tasche und stellt es auf einen Ständer, der das Instrument in Höhe seines Kopfes hält. Dann hebt er sein linkes Bein knapp schulterhoch. Normalerweise spielen Hornisten die Ventile ihres Instruments mit den Fingern der linken Hand, Felix Klieser drückt sie mit den Zehen seines linken Fußes. „Ich fände es gut, wenn wir heute noch mal Schumann und die beiden Sonaten machen, ist das okay für dich?“ Christof Keymer nickt. Am Wochenende werden die beiden ein Konzert in Köln spielen, da muss alles sitzen. „Ein Konzert läuft ab wie ein Film“, sagt Felix Klieser. „Es geht los, und dann läuft es gnadenlos durch. Da darf nichts schiefgehen.“ Dementsprechend wichtig ist die Vorbereitung. Also noch mal Schumanns „Adagio und Allegro“ üben, damit wird es am Sonntagabend losgehen.

Ein kurzer Blick auf die Noten

Für die Fachwelt zählt nur die Musik

Natürlich fragen ihn alle, wie er zum Hornspielen gekommen ist, dummerweise hat Felix Klieser darauf aber keine Antwort. Er kann sich nicht erinnern, wo er es damals gesehen oder gehört hatte, er weiß nur: Er wollte als Vierjähriger Horn spielen, also suchten seine Eltern den einzigen Hornlehrer in Göttingen, wo er aufgewachsen ist. So begann seine Karriere, die sich fast schon zu perfekt liest. Bundesjugendorchester, Jungstudent an der Musikhochschule Hannover und im Herbst 2013 dann die Debüt-CD, die er gemeinsam mit Christof Keymer aufgenommen hat: „Rêveries – Romantische Musik für Horn und Klavier“.

 

Im Feuilleton und in Klassikmagazinen wurde der Erstling gelobt bis gefeiert. Das ist auch deshalb gut, weil Felix Klieser jetzt nicht mehr darauf reduziert werden kann, dass er sein Instrument mit den Füßen spielt, den Leuten vom Fach ist das nämlich völlig egal. In der Musikszene sei das einfach kein Thema, sagt er. „Unter Kollegen habe ich noch nie ein Wort darüber verloren.“ Auch Christof Keymer zuckt mit den Achseln. Einen kurzen Moment des Wunderns habe es damals vielleicht gegeben, als er Felix an der Musikhochschule kennenlernte. „Dann haben wir gearbeitet.“

Dafür, dass seine Musik gut ist, tut Felix Klieser eine Menge und das bedeutet: proben, proben, proben. Er übt bis zu acht Stunden am Tag, Pause machen bedeutet bei ihm „locker drei Stunden spielen“. Er nimmt sein Horn, Modell 103 der Firma Alexander, sogar mit in den Urlaub, eine Stunde am Tag spielt er auch dann. „Sobald du einen Tag nicht spielst, merkst du das am Klang“, sagt er. Weil dann die Lippen an Spannung verlieren und dadurch die Töne unsauberer werden. Auch wenn er jeden Tag spielt, muss er sich nie dazu zwingen. Eher andersherum: „Wenn ich nicht trainieren könnte, würde ich durchdrehen“, sagt er.

Man sieht, wie er mit geschlossenen Augen sein Horn bläst, und hört, wie er aus seinem Instrument abwechselnd tiefe und helle, leise und laute, langsame und schnelle Töne holt. Mal scheint das Klavier das Horn zu begleiten, mal das Horn das Klavier. Wenn der Ton oder das Zusammenspiel nicht passen, diskutieren er und Christof Keymer und wiederholen die Stelle. „Noch mal von vorne bitte“, sagt Felix Klieser dann, „noch mal nach dem hohen C“ oder „es passt noch nicht von der Farbe“.

Felix Klieser übt täglich acht Stunden auf seinem Instrument

Wie gut Klieser ist, hören auch Laien

Talent werde überschätzt, sagt Felix Klieser. Er selbst halte sich „für mittelmäßig talentiert“. Viel wichtiger sei Fleiß und der unbedingte Wille, besser zu werden. „Die meisten Menschen sagen zwar, dass sie etwas wollen, aber meistens möchten sie nur etwas.“ Wille sei etwas ganz anderes, sagt er. „Wenn jemand vor einem Löwen wegrennt, weil er nicht gefressen werden will, das ist Wille.“ In dem Moment sei alles andere egal, nur das Wegrennen zähle. „Wille ist, wenn du alles dafür tust“, sagt Felix Klieser. Unnötig zu sagen, dass er nicht nur Horn spielen möchte.

Er ist gut. Man kann das hören, auch wenn man keine Ahnung von Hornmusik hat. Natürlich hat man sich vorher informiert, die Pressemappe gelesen, im Internet gegoogelt und bei YouTube Videos angeschaut. Trotzdem sagt Felix Klieser bei manch einer Frage „Das hast du gelesen!“ und lacht. Es macht ihm nichts aus. Er redet gern über Musik. Und statt Fachchinesisch zu sprechen, kann er die Dinge klug und witzig so erklären, dass es auch Musiklaien verstehen und all die Journalisten, die neuerdings kommen, diese Woche zum Beispiel RTL. Felix Klieser macht der Medienrummel nichts aus, solange es um seine Musik geht. Was sein Privatleben angeht, hat er beschlossen: lieber Günther Jauch als Boris Becker. Wieso sollte er Kamerateams in seine Wohnung lassen? Wenn die Leute ihn kennenlernen wollen, könnten sie ja in sein Konzert kommen.

Frechen, eine Kleinstadt in der Nähe von Köln, es sind noch 20 Minuten bis zum Auftritt in einer Kirche. Felix Klieser und Christof Keymer sind schon seit zwei Stunden da und haben sich eingespielt, Keymer eine halbe Stunde länger als Klieser, Horn spielen kostet viel Kraft. In einem kleinen Raum am Eingang wischt Felix Klieser jetzt auf seinem Smartphone herum und kann sich nicht entscheiden, welches Foto er von der Probe auf Facebook posten soll. „Christof, da ist überall dein Daumen drauf.“ Er postet eins. Noch ein Schluck Wasser, hinter der Tür hört man die Leute in den Saal gehen. „Wie voll ist es denn, Christof?“ „Schon recht voll.“ Der Veranstalter kommt rein. „Wir sind ausgebucht“, sagt er.

 

Kurz nach sechs, Felix Klieser und Christof Keymer kommen auf die Bühne, sie tragen Anzug und Krawatte, Felix Klieser begrüßt das Publikum. Hinsetzen, Noten richten, los geht’s mit Schumanns „Adagio und Allegro“. Und danach läuft der Film zwei Stunden durch, Glière, Strauss, Beethoven, Rheinberger. Das Konzert endet mit minutenlangem Applaus. Verbeugen, rausgehen, wiederkommen, Zugabe, noch mal verbeugen.

Danach stehen die Leute am Signiertisch Schlange und lassen den Stapel CDs schrumpfen, den Felix Klieser und Christof Keymer mitgebracht haben. „So schön“, „Toll“, „Ich habe sie schon in der NDR-Talkshow gesehen“. Felix Klieser unterschreibt mit silbernem Edding eine CD nach der anderen, lächelt und sagt sehr oft „Danke!“. Das Konzert war gut, der Funke ist übergesprungen. Dass er zufrieden ist, würde er trotzdem nicht sagen. Zufriedenheit ist für ihn Gift. Weil es immer etwas gibt, das nicht perfekt war, bei diesem Konzert zum Beispiel die ersten Triolen im Allegro von Schumann, bei denen die Proportionen nicht ganz stimmten. „Zufrieden zu sein, heißt: Alles ist gut, ich lehne mich zurück“, sagt er. „Aber du kannst dich immer verbessern.“

Die nächsten Konzerte sind längst gebucht, Ende des Jahres wird er eine neue CD aufnehmen. Neulich hat das Telefon geklingelt, und die Komponistenlegende Krzysztof Penderecki hat ihn nach Polen eingeladen, wo er im Oktober als Solist das 4. Hornkonzert von Mozart spielen soll. Zurücklehnen, so viel ist sicher, wird sich Felix Klieser auch in Zukunft nicht.          

 


Weitere Beiträge

Zurück ins Leben

Ein Projekt der AWO Weinheim bereitet Menschen mit psychischen Störungen erfolgreich auf den Wiedereinstieg ins Berufsleben vor.

zum Beitrag
Mut zur Stimme

Die „Hohlkehlchen“ nennen sich die Mitglieder eines Chors aus Siegen. Sie besitzen keinen Kehlkopf, aber Mut und Sangesfreude.

zum Beitrag
Gaby Köster im Interview

„Eines der besten Interviews, die ich je hatte“, so Komikerin Gaby Köster nach einer Begegnung mit der Ohrenkuss-Redaktion.

zum Interview

In Vorfreude Gutes tun

Dein perfektes
Weihnachtsgeschenk

Ein Jahreslos der
Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen

MENSCHEN. das magazin

Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

Noch kein
Geschenk?