Auf der Bühne ganz groß

Lauren Barrand erklimmt ein Einhorn, das auf der Bühne des Hamburger Operettenhauses steht, und so aussieht, als sei es direkt aus einem Kinderkarussell geflohen. Im Vergleich zu der jungen Britin wirkt das Fabelwesen riesig. Der Grund: Lauren ist nur 1,10 Meter groß. Sie ist kleinwüchsig – das heißt, sie ist als Erwachsene unter 1,50 Meter groß. Lauren gehört zum internationalen Ensemble des Musicals „Liebe stirbt nie“, das derzeit in der Hansestadt läuft.

Text und Fotos: Markus Huth

„Ich wollte schon immer mal auf dem Einhorn sitzen, im Stück muss ich immer aufs Huhn“, sagt die 27-Jährige. Doch das Huhn ist gerade besetzt. Darauf reitet ihre deutsche Kollegin Sandra Maria Germann. Die 41-Jährige ist mit 1,32 Meter etwas größer als Lauren. Im Stück darf man Lauren und Sandra hingegen nicht zusammen auf der Bühne sehen. Schließlich teilen sich die beiden dieselbe Rolle und treten abwechselnd an verschiedenen Tage auf: Als quirlige Mrs. Fleck, einer von drei Dienern des Phantoms der Oper. Erst mit Clownsschminke, Rock und Bimmelmütze sehen sich die Frauen mit blondem und brünetten Haaren sind sie für die Zuschauer kaum zu unterscheiden.

Mysteriöse Figuren

„Liebe stirbt nie“ von Musicalmacher Andrew Lloyd Webber ist der zweite Teil des Welterfolgs „Das Phantom der Oper“. In der Liebesgeschichte um einen geheimnisvollen Komponisten und seiner Opernsängerin geht es bunt und phantastisch zu. Allerlei mysteriöse Figuren bevölkern das Bühnenbild: Clowns, mit Federn geschmückte Damen, riesige Fratzen oder eben ein Zwerg. „Na ja, Zwerg würde ich nicht sagen“, meint Lauren. Schließlich sei die Rolle nicht eigens für kleinwüchsige Schauspieler geschrieben worden. Bei der Uraufführung in London wurde Fleck auch von einer durchschnittlich großen Darstellerin verkörpert. Die Hamburger Drittbesetzung hat ebenfalls "Normgröße".

Die Bezeichnung Zwerg hören die meisten kleinwüchsigen Menschen nicht gern. In Deutschland gibt es etwa 100.000 von ihnen. Auch im Englischen ist das Wort „dwarf“ verpönt, die korrekte Bezeichnung lautet „little people“. Mit ihrer Größe haben Lauren und Sandra kein Problem. Und ihre Kollegen ebenso wenig: Die beiden sind fester Bestandteil des Ensembles und werden von allen für ihre professionelle Leistung respektiert. Dabei ist das Musical-Genre für beide ungewohnt.

Kobold bei Harry Potter

Sandra ist ausgebildete Tänzerin und Sängerin. Sie leitet zwei Tanzschulen in ihrer Heimatstadt Clausen in Rheinland-Pfalz und in Karlsruhe. Lauren ist hingegen stärker in der Filmbranche verwurzelt. Unter anderem spielte sie einen Kobold in einem Harry-Potter-Film. Trotz unterschiedlicher künstlerische Ansätze verbindet die beiden ein Traum: das Publikum zu begeistern. „Wenn ich auf der Bühne stehe, fühle ich mich nicht mehr klein“, sagt Sandra. Ihre beiden größten Fans seien ihr Vater und ihr neunjähriger Sohn.

Lauren, die aus dem südenglischen Städtchen Portsmouth bei London stammt, meint: „Alle dort sind so begeistert, dass ich es in diese große Musical-Produktion geschafft habe.“ Ihre Größe sei in ihrer Kindheit und Jugend nie ein Problem gewesen, ihre Freunde hätten sie so akzeptiert, wie sie ist. Sandra geht es genauso.

Probleme bereitet den beiden jedoch etwas anderes: Im Entertainment-Bereich gebe es nicht genügend Rollen für kleinwüchsige Darsteller. „Zum Glück ist die TV-Serie ‚Game of Thrones‘ mit dem kleinwüchsigen Schauspieler Peter Dinklage gerade so erfolgreich, das hat schon etwas verändert“, meint Lauren. Aber noch immer sei es die Ausnahme, wenn Rollen mit Kleinwüchsigen besetzt würden.
Derweil ist es dunkel geworden im Operettentheater. Hinter der Bühne lässt nur noch schummrig blaues Licht die Wege zwischen den märchenhaften Kulissen erahnen. Bald werden Zuschauer die samtroten Sitzreihen füllen. Immer wieder huschen Schauspieler vorbei und singen ihre Stimmen warm. Auch Lauren muss jetzt in die Maske. Denn an diesem Abend wird sie als Fleck über die Bühne wirbeln. Und während sie vor dem großen Spiegel sitzt, findet die Verwandlung von der blonden Frau zum clownartigen Wesen statt. Wer sich das selbst anschauen will, hat dazu noch bis September 2016 Gelegenheit. Solange wird „Liebe stirbt nie“ noch in Hamburg zu sehen sein.


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