"Jeder Mensch ist anders"

Beim Chillen auf dem Sofa, beim Weihnachtsfest in der Familie, bei der Arbeit, beim Umzug in die erste eigene Wohnung: Zwei Jahre lang hat der Fotograf Patrick Junker die Modedesignerin Nadine Feist (22) aus Waiblingen mit der Kamera begleitet. Heraus gekommen sind besonders stimmungsvolle Bilder von großen Momenten und kleinen Alltagsszenen, von viel Normalität und sichtbaren und unsichtbaren Barrieren. Nadine Feist ist 1,30 Meter groß und damit eine von rund 100.000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland. Es sind weniger ihre körperlichen Voraussetzungen, sondern vielmehr gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sie behindern. Doch nicht nur Treppen, Automaten oder unerreichbare Regale stellen große Hürden dar. Vor allem das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, stellt Nadine Feist immer mal wieder vor Herausforderungen.

 

Fotos: Patrick Junker
Text: Stefanie Wulff

Abschluss und Höhepunkt der dreijährigen Ausbildung zur Modedesignerin und Maßschneiderin war eine Modenschau, bei der Nadine Feist auch selbst mitlief.

„Dass ich den Ausbildungsplatz überhaupt bekommen habe, hab ich zwei Lehrerinnen zu verdanken. Sie hatten mich getroffen, als ich meine Bewerbungs-Mappe persönlich abgeben wollte. Nach vielen Diskussionen mit der Schulleitung klappte es schließlich. Ich erhielt eine spezielle Nähmaschine und einen auf meine Größe angepassten Zuschneide-Tisch.“


Beim Schminken vor dem großen Auftritt.

„Meine große Leidenschaft ist eigentlich das Backen. Deshalb wollte ich ursprünglich Konditorin werden. Bei Praktika merkte ich aber: In den großen Konditoreien, in denen heute gearbeitet wird, stoße ich einfach an körperliche Grenzen. Auf Bewerbungen erhielt ich außerdem nur Absagen. Mode mag ich ebenfalls, und das Ändern von Kleidern habe ich mir notgedrungen schon früh selbst angeeignet. Deshalb bin ich diesen Weg gegangen.“


Letzter Schliff für die Rede auf der großen Bühne.

„Bei der Modenschau mussten zwei Absolventinnen die Gäste begrüßen und die Kollektion vorstellen. Weil sich niemand anderes fand, übernahm ich es schließlich zusammen mit einer Mitschülerin aus der Parallelklasse. Kurz bevor es losging, hab ich noch schnell einige Änderungen im Text gemacht.“


Der große Moment.

„Bei der Modenschau hat alles gut funktioniert, und am Ende waren wir alle stolz und erleichtert. Nach der Ausbildung im Berufskolleg habe ich glücklicherweise eine feste Stelle gefunden.“


Bei der Firma „wasni“ in Esslingen arbeitet Nadine Feist stehend auf dem Tisch, den ihr Vater für sie gezimmert hat.

„So kann ich gut ausmessen und zuschneiden. Wir sind ein Start-Up-Unternehmen und ein Integrationsbetrieb. In einem Team von behinderten und nicht behinderten Kollegen stellen wir in Handarbeit hochwertige, individuelle Kleidungsstücke her. Jeder Körper, jeder Mensch ist anders. Das berücksichtigen wir.“


Beim Chillen mit ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann Michael Feist.

„Das Foto ist noch in meinem ehemaligen Kinderzimmer im Haus meiner Eltern entstanden. Wir sind eine große Familie, an der Pinnwand hängen Zeichnungen von mir und meinen drei Geschwistern. Ich bin die einzige mit Kleinwuchs.“


Nadine und Michael Feist zu Besuch beim großen Bruder.

„Ich bin ein absoluter Familienmensch. Dass ich kleinwüchsig bin, ist für alle ganz normal und selbstverständlich. Obwohl mir meine kleine Schwester schon mit vier Jahren über den Kopf gewachsen bin – damals war ich neun.“


Weihnachtszeit – Familienzeit.

„Hier sind wir zu Gast bei meiner Oma.“


Bei der Reha.

„Wegen meiner Behinderung musste ich mehrfach an der Wirbelsäule operiert werden. Mein Spinalkanal ist sehr eng. Deswegen bestand die Gefahr, dass Nerven eingeklemmt oder dauerhaft beschädigt werden. Nach der Operation musste ich erst wieder richtig laufen lernen. Aber heute geht es mir gesundheitlich gut.“


Im Naturkundemuseum in Berlin:

„Mein Mann kommt aus Berlin. Heute leben wir zusammen in Waiblingen bei Stuttgart. Aber wir fahren öfter zusammen nach Berlin.“


Döner-Pause am Straßenrand.

„Bei Michael wurden die Probleme am Spinalkanal erst spät erkannt. Als Folge hat er heute Schwierigkeiten, lange zu laufen. Deshalb benutzt er lieber den Roller. Ich hab mir das Roller-Fahren mittlerweile auch angewöhnt.“


Letzte Anschaffungen bei Ikea für die erste eigene Wohnung.

„Eine Wohnung zu finden war nicht leicht. Michael und ich wurden von den Vermietern einfach nicht ernst genommen. Erst als meine Mutter zu den Besichtigungen mitgekommen ist hat es schließlich geklappt. In der Regel haben die Vermieter nur mit meiner Mutter, nicht mit uns gesprochen.“


Ein entspannter Moment zuhause.

„Oft wurden wir gefragt, ob wir das denn schaffen würden. So ganz allein leben, ohne Hilfe. Und dass wir auch gerne eine größere Wohnung gehabt hätten, um später eventuell mal Platz für ein Kinderzimmer zu haben, hat viele geradezu verstört.“


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