Behinderung neu denken

Für Menschen mit Behinderung waren die Zeiten noch nie so gut wie heute, meint unser Gastautor Jonathan J. Kaufman. Und die Zukunft wird noch besser!

Prof. Kaufman ist einer der innovativsten Denker auf den Themengebieten Diversität und Behinderung. Er gründete die Beratungsfirma DisabilityWorks in New York, die Strategien für Unternehmen, Regierungsorganisationen und Bildungsinstitutionen entwickelt, und beriet unter anderem das Weiße Haus sowie die Vereinten Nationen.

Gastbeitrag Jonathan J. Kaufman
Illustration Nadine Magner

Auch wenn mich viele Menschen, die mich kennen, als unverbesserlichen Optimisten bezeichnen: Ich glaube tatsächlich, dass die Perspektiven für Menschen mit Behinderung nie besser waren als heute. Nie zuvor gab es praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, an jedem Bereich des gesellschaftlichen Lebens teilhaben zu können. Die vernetzte Welt eröffnet neue Chancen für Inklusion und ebnet Menschen mit Behinderung den Weg zu einem wirtschaftlich, sozial und auch politisch selbstbestimmten Leben.

Inklusion steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der technischen Entwicklung, die wir täglich beobachten: vom Handy über Tablets bis hin zu neuen, besseren medizinischen Hilfsmitteln. Ich sehe darin eine echte Revolution, die die menschlichen Potenziale um ein Vielfaches erweitert. Für Menschen mit Behinderung geht es dabei um so viel mehr als nur um den Konsum von Waren und Dienstleistungen. Es geht darum, auf dem Weg zu echter Teilhabe einen weiteren Schritt voranzukommen, indem wir uns selbst neu erfinden und den Leitgedanken „Nichts über uns ohne uns“ wirklich verinnerlichen. Diese neuen Technologien haben eine Brückenfunktion, die uns allen hilft, als Menschen gesehen und gehört zu werden und sich zu beteiligen.

Zu den großen Vorzügen des technischen Fortschritts gehört auch, dass er ermöglicht, die Haltung und das Denken von Menschen zu verändern. Es ist an der Zeit, in einen Dialog über unsere kollektive Einstellung gegenüber Behinderungen zu treten. Wir sollten Behinderungen nicht nur als wichtige gesellschaftliche Kraft anerkennen, sondern müssen auch begreifen, dass Behinderung ein Teil des Menschseins selbst ist. Nur so können wir das Wesen von Vielfalt wirklich verstehen. Menschen mit Behinderung gibt es in allen Kulturen, Ethnien, Geschlechtern und mit jedem sozioökonomischen Hintergrund. Sie sind die einzige Minderheit, von der jeder jederzeit ein Teil werden kann! Behinderung zu erfahren, gehört zum menschlichen Leben. Wenn alle Menschen dies begriffen, wäre das ein großer Schritt in Richtung echter Inklusion.

Ich selbst bin mit zerebraler Kinderlähmung geboren worden. Das ist in mehrfacher Hinsicht meine größte Gabe gewesen. Es hat meinem Leben eine Bestimmung und eine Richtung gegeben, in der ich meine Berufung gefunden habe. Ich bin in einer sehr liebevollen Familie aufgewachsen, die mich nicht nur vollständig angenommen, sondern zugleich auch gefordert hat und das immer noch tut. So habe ich gelernt, dass man aus einer Schwäche enorme Stärke ziehen kann. Und dieser Stärke habe ich es zu verdanken, dass ich schon in sehr jungen Jahren durch mein eigenes Leben zeigen wollte, welche Stärken Menschen mit Behinderung in allen Bereichen der Gesellschaft einbringen. Als Berater, Lehrer, Redner und Coach habe ich es mir zur Lebensaufgabe gemacht, neue Grundlagen für unsere Auffassung vom Leben mit Behinderungen zu liefern und zu zeigen, welchen Wert diese Erfahrung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben kann.

Die Zahl der Menschen mit Behinderung auf der Welt übersteigt heute die Bevölkerungszahl Chinas. Ihre Kaufkraft beträgt laut Weltbank acht Milliarden US-Dollar. Damit stellen sie einen stetig wachsenden wirtschaftlichen Faktor dar, und wir als Gesellschaft können es uns nicht leisten, diesen noch länger zu vernachlässigen.   


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