Gegen die Schwerkraft

Junior Bosila Banya gehört zu den bekanntesten Breakdancern der Welt. Ein Erfolg,  der so nicht absehbar war. Denn der Künstler, der noch bis Ende des Jahres auf  Deutschlandtournee ist, hatte als Kind Polio.
 

"Hip-Hop ist eine Kultur der Minderheiten. Es ist völlig egal, woher du kommst und wer du bist. Hauptsache, du gibst dein Bestes."

Symbolisch: Der Ausbruch aus dem Käfig gehört zur Show.

Text Tine Lehnertz 
Fotos Valerie Schmidt
 
 

Unter bedrohlichen Klängen schwebt ein riesiger, fluoreszierender Käfig auf die nur spärlich beleuchtete Bühne des ausverkauften Berliner Tempodroms. Darin: fünf finster blickende Kriegertypen in schwarzer Kleidung. Dann plötzlich ein Knall: Die Käfigtür fliegt auf. Wie freigelassene Raubtiere springen fünf Tänzer heraus und erobern mit akrobatischen Tanzbewegungen das Terrain. Einer fällt in dieser Eröffnungsszene besonders auf: Nur auf seinen muskulösen Armen springend schießt er bis an den Bühnenrand vor. Lauernd duckt er sich, fixiert ein imaginäres Opfer und katapultiert sich plötzlich – mit den Händen – vom Bühnenboden in eine seitliche Luftdrehung.

 

Spektakuläre Artistik

 

Sein Name ist Junior Bosila Banya, genannt Junior. Der Frankokongolese gehört zu den bekanntesten Tänzern seiner Zunft. Er hat sowohl mit „Wanted Posse“, seit 2000 seine Tanz-Crew, als auch im Solo die wichtigsten internationalen Wettbewerbe gewonnen, ging 2007 als Sieger aus „Incroyable Talent“ hervor, einer französischen Version von „Das Supertalent“. Juniors Tanzvideos auf YouTube gehören zu den Rennern der Szene, werden millionenfach angeklickt. Was man in diesen Videos zu sehen bekommt, ist spektakulär. Junior beherrscht nicht nur die typischen artistischen Einlagen seiner Disziplin. Längst hat er einen eigenen Stil geprägt, der von seinem Rhythmusgefühl, seiner enormen Kraft, Beweglichkeit und seiner Bodenarbeit bestimmt wird. Oft hat man den Eindruck, er verändere die Richtung der Schwerkraft. Zurzeit ist er Teil der Berliner Breakdance-Company Flying Steps in der atemberaubenden Show „Red Bull Flying Illusion“, mit der er noch bis Ende des Jahres auf Deutschlandtournee ist.

Mit der Show "Red Bull Flying Illusion" ist der Tänzer mit den Flying Steps bis Ende des Jahres auf Deutschland-Tournee.

Nach der Premiere von „Flying Illusion“ im Tempodrom mischen sich die Künstler unter das Publikum. Es dauert eine Weile, bis man Junior wiedererkennt. Der 33-Jährige ist kleiner, als er im Scheinwerferlicht der Bühne wirkt. Außerdem trägt er nun ein dezentes Sakko – und führt einen Gehstock mit sich. Denn der Mann, der in der Show soeben noch unglaubliche Tanz-Moves vollführte sowie nach Salti und Sprüngen nicht „nur“ auf den Händen, sondern ebenso sicher auf seinen Füßen landete, zieht im Alltag ein Bein nach: Als Zweijähriger erkrankte Junior an Kinderlähmung, sein rechtes Bein blieb unterentwickelt und verkürzt. Damals lebte er noch in seinem Geburtsort Kinshasa, der Hauptstadt der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Ein Ort, der wenig Infrastruktur für Menschen mit Behinderung bietet. Und in dem Betroffene schnell an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

„Als ich entdeckte, dass ich mit meinem Körper einige Dinge nicht machen konnte, fühlte ich mich umso mehr motiviert, die Dinge zu tun, die mir leichtfielen. Was andere mit ihren Beinen machen, mache ich mit meinen Armen“, erzählt Junior mit einem Achselzucken beim Interview in der Berliner „Flying Steps Academy“, der Tanzschule der Flying Steps. „Meine Inspiration war immer die Musik. Und so begann ich, Tanz- mit akrobatischen Bewegungen zu mischen.“ Doch Tanzen war für ihn auch Mittel zum Zweck. „Es war meine Möglichkeit zu existieren, Respekt und Anerkennung zu bekommen“, sagt er nachdenklich. „Es war meine Art, zu zeigen, dass ich da bin.“ Daran änderte sich auch nichts, als Junior mit fünf Jahren zu seinem Vater nach Frankreich geschickt wurde, um von der besseren medizinischen Versorgung dort zu profitieren. Eine Zusammenkunft, die eine ungeplante Richtung nahm, denn tatsächlich aufgewachsen ist Junior seit seinem siebten Lebensjahr bei einer Adoptivfamilie im bretonischen Saint-Malo. Wie es dazu kam? „Darüber will ich nicht sprechen“, wehrt er allzu persönliche Fragen ab. Man erfährt nur, dass ihn mit seiner angenommenen Familie ein inniges Verhältnis verbindet. „Sie sind extra zur Premiere nach Berlin angereist.“ Und haben seine tänzerischen Ambitionen immer unterstützt.

 

Im Trainingsraum arbeitet Junior an neuen Choreographien.

Respekt für Künstler mit Behinderung

 

Junior ist 14, als er Mitte der 1990er-Jahre in Saint-Malo die Breakdance Gruppe „Serial Breaker Crew“ (SBC) kennenlernt. Bereits nach einem Jahr tritt er mit seinen SBC-Freunden in sogenannten Battles gegen andere Gruppen an und macht bei Auftritten auf der Straße mit. Schnell stellt Junior fest, dass die in den 1970er-Jahren in den afroamerikanischen Armenvierteln von New York entstandene Hip-Hop-Kultur, zu der neben dem Rappen, Scratchen und Graffiti-Sprühen als elementarer Bestandteil eben auch der Breakdance gehört, ihm ein ideales Umfeld bietet. „Hip-Hop ist eine Kultur der Minderheiten“, sagt er. „Es ist eine Philosophie, nach der es völlig egal ist, woher du kommst und wer du bist. Hauptsache, du gibst dein Bestes, bist im positiven Sinne ein Kämpfer.“ Dass in der Hip-Hop-Szene nur das Können zählt und Künstler mit Behinderung nicht nur akzeptiert sind, sondern sogar besonderen Respekt genießen, zeigen auch andere Beispiele: der französische Tänzer Peeps etwa, dessen eine Hand kleiner ist als die andere, oder Jr. Gameboy, der nur eine Hand hat. Auch der deutsche Breakdancer Dergin Tokmak alias Stix, der infolge einer Kinderlähmung gehbehindert ist, begeistert mit seinen Auftritten im Cirque du Soleil ein internationales Publikum. 2011 war er im Finale der TV-Show „Das Supertalent“.

Jenseits von Bühne und Trainingsraum nutzt der Tänzer eine Gehhilfe.

Junior dachte trotz seiner Leidenschaft für den Breakdance und zunehmender Erfolge lange nicht daran, das Tanzen zum Beruf zu machen. Nach dem französischen Abitur nahm er zunächst ein Anglistikstudium auf. Mit dem Sieg beim „Battle of the Year“, dem wichtigsten internationalen Breakdance-Wettbewerb, den er 2001 mit seiner Tanz-Crew „Wanted Posse“ gewann, taten sich dann aber auf einmal ganz neue Möglichkeiten auf. „Ich habe mich dann für eine Karriere als Profitänzer entschieden.“ Es folgten weitere Wettbewerbe und Siege, Werbeauftritte für Firmen, Einlagen im Vorprogramm von Hip-Hop-Musikern, etwa der US-Band „De La Soul“, oder weltweite Einsätze als Dozent in Breakdance-Workshops. „Ich war auf allen Kontinenten und habe inzwischen fast 70 Länder besucht“, sagt Junior. Immer noch bekommt er diesen staunenden Jungenblick, wenn er über seinen Werdegang spricht. „Nicht ich habe den Breakdance gefunden, sondern der Breakdance hat mich gefunden“, ist er überzeugt. „Ich werde für etwas bezahlt, was mir großen Spaß macht. Ich kann beruflich dorthin reisen, wo andere Urlaub machen. Und ich erlebe jeden Tag etwas Neues.“

Dass Junior mit sich im Reinen zu sein scheint, hat auch mit der wichtigsten Reise seines Lebens zu tun – einem Trip zu seiner Herkunftsfamilie in den Kongo. „Nachdem ich bei ,Incroyable Talent‘ gewonnen hatte, war mir klar, welche Ziele ich in meinem Leben erreichen wollte. Umso dringender wurde mein Bedürfnis, zu erfahren, wo ich herkam.“ Knapp 25 Jahre, nachdem er von ihnen getrennt wurde, traf er seine Mutter und weitere Verwandte wieder. Junior verrät über diese Begegnungen nur so viel: „Es war wie eine Selbsttherapie.“ Dieses Erlebnis gab ihm auch den entscheidenden Impuls für die Entwicklung seines ersten abendfüllenden Soloprogramms. Mit tänzerischen Mitteln erzählt er darin seine Geschichte: von seinen afrikanischen Wurzeln, seiner Behinderung, seiner Stärke, seiner Verletzlichkeit. Es ist die Darbietung eines so dynamisch-kraftvollen wie nachdenklichen Künstlers. Sie zeigt auch, wie er sich seine Zukunft vorstellt: an Theatern arbeiten, Choreografien entwickeln. Doch bis dahin ist noch viel Zeit. „Ich bin Junior – zum Jungsein verdammt“, lacht er. „Ich werde noch lange weitertanzen.“

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