"Ich habe wiederentdeckt, wer ich war"

Philippe Pozzo di Borgo, dessen Lebengeschichte in "Ziemlich beste Freunde" verfilmt wurde, hat ein neues Buch geschrieben. Er erklärt darin unter anderem, weshalb die Akzeptanz von Schwächen und Anderssein für unsere Gesellschaft von großem Wert ist.
 

Stefan Nimmesgern, MENSCHEN. das magazin

Einsatz für eine Gesellschaft jenseits des Egoismus:  Philippe Pozzo di Borgo

Interview: Ulrike Jansen

Ihr neues Buch "Ich und Du" ist ein Plädoyer für eine Gesellschaft jenseits des Egoismus. Wo erleben Sie die Ich-Bezogenheit der Menschen in Ihrem Alltag besonders?
Sehr oft reagieren Menschen zunächst mit Furcht auf meine Tetraplegie. So als ob das ichbezogene Individuum die Konfrontation mit der eigenen Verwundbarkeit unbedingt vermeiden wollte. Als Folge dieser großen Verwundbarkeit bin ich völlig auf andere Menschen angewiesen und es überrascht mich, wie schwer es vielen Nichtbehinderten fällt, ihre eigene Abhängigkeit von Anderen wahrzunehmen und zu akzeptieren.
Im Streben des Einzelnen nach Konsum und finanzieller Sicherheit bleibt nur wenig Platz für die Beziehung zum Anderen, der eher wie eine Bedrohung wahrgenommen wird. Ich benötige große Überzeugungskraft, um mein Gegenüber zu entwaffnen.

Nach Ihrem Unfall im Jahr 1993 wollten Sie "der beste Behinderte aller Zeiten" werden. Das – so sagen Sie – war Ihre erste Reaktion nach dreimonatigem Koma. Was ist aus diesem Vorsatz geworden?
Während meiner 20 Jahre dauernden Berufstätigkeit war ich, gemessen an meinem Erfolg, ein hochgeschätztes Mitglied unserer Leistungsgesellschaft. Erst meine Jahre im Rollstuhl haben mich gelehrt, meine Verwundbarkeit und Abhängigkeit zu akzeptieren. Erst als ich Menschen kennenlernte, die noch verwundbarer waren als ich, habe ich verstanden, dass dieses bloß selbstbezogene Handeln keinen Sinn ergab. Angesichts der großen Verwundbarkeit und dem Anderssein gilt es, innezuhalten, den Blick auf den Mitmenschen zu richten und seinen Weg voller Würde wahrzunehmen. Beim eigenen Handeln geht es darum, den Erwartungen der Anderen mit Achtsamkeit, Respekt und Empathie zu begegnen. Darin, die Angriffshaltung aufzugeben, liegt viel mehr Erfüllung, als nach der ewig unerfüllbaren Befriedigung unserer Begierden zu streben.

Im Buch stellen Sie die These auf, dass man sich selbst kennenlernen muss, bevor man sinnstiftende Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen kann. Wieso ist das Ihrer Meinung nach Grundvoraussetzung?
Während meiner gesunden Zeit war ich anderen Menschen gegenüber zwar freundlich und offen, aber in ständiger Bewegung und permanentem Stress. Wirkliche Begegnungen waren unter diesen Umständen nicht möglich. Man war immer in Aktion, nie verfügbar. Erst in der Stille meiner langen Krankenhausaufenthalte habe ich wiederentdeckt, wer ich war, befreit von Verlangen und Rastlosigkeit, ein wenig wie das Kind, das ich einmal gewesen bin. In dieser Stille findet man zu seinem Sinn für Ethik, seiner Moral, seiner persönlichen Identität zurück. In dieser Stille ist man endlich für den Anderen bereit und verfügbar. Man kann den Anderen nur durch den Rückzug des Ichs finden, durch eine Phase der Stille, die uns neu erstehen lässt und uns entwaffnet.

Sie beschreiben unter anderem Ihre Beziehungen zu den Mitarbeitern des Champagner-Konzerns, für den Sie vor Ihrem Unfall lange verantwortlich waren. Dabei kritisieren Sie rückblickend die heutzutage oft mangelnde Unternehmensethik. Wären Sie – nach dem Hineinhorchen in sich selbst – heute der bessere Firmenchef?
Als Firmenchef habe ich sehr gute Ergebnisse erzielt. Ich konnte die leitenden Angestellten prima motivieren und unter Druck setzen. Bis zu dem Tag, als die kurzfristigen finanziellen Vorgaben unserer Aktionäre Anpassungen erforderten, die auf lange Sicht nicht mit einem dauerhaften Betrieb zu vereinbaren waren. Es war diese Diskrepanz zwischen dem finanziellen Appetit und dem Überleben des Betriebs, die Probleme erzeugte und die Mitarbeiter in eine permanente Angst versetzte.
Wenn ich in den Betrieb zurückkehrte, würde ich meinen Teams viel besser zuhören und wäre viel empathischer, anstatt zu versuchen, meinen Standpunkt durchzusetzen, so stichhaltig er auch sein mag. Mein Hauptanliegen wäre, dass jedes Mitglied des Teams sich selbst akzeptiert mit seiner Verwundbarkeit und Besonderheit. In dem daraus entstehenden Gleichgewicht wäre der Beitrag eines jeden Mitglieds viel wahrhaftiger.
Als eine der ersten Maßnahmen würde ich dafür sorgen, dass durch die Anstellung von Mitarbeitern mit Behinderung die Verwundbarkeit im Betrieb Einzug hielte. Natürlich müsste ich zusammen mit den Teams und den Personalvertretern dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter mit Behinderung, auch durch die nötigen baulichen Anpassungen, perfekt integriert ist. Die Gegenwärtigkeit von Verschiedenheit und Behinderung im Betrieb befördert den Teamgeist und die Kreativität.
Natürlich müssten auch die Aktionäre mit dieser neuen Haltung mitziehen. Sie könnten nur dann kurzfristig von ihrer Gier geheilt werden, wenn man ihre Zustimmung zu einer neuen Management-Ethik erzielte. Es wäre umso passender, wenn auch die Anleger ihre Investitionen eher auf „ethische“ Unternehmen verlagerten und die Verbraucher „ethische“ Produkte bevorzugten.

Entwaffnet auf Menschen zugehen ist ein Ratschlag von Ihnen. Im Film "Ziemlich beste Freunde" war Ihr Assistent Abdels Handeln mindestens entwaffnend. Haben Sie sich viel bei ihm abgeschaut?
Tatsächlich war Abdel absolut entwaffnend, jedoch nicht im pazifistischen Sinne. Er war verblüffend, verwirrend! Seine raue Intelligenz, seine schnelle Anpassungsfähigkeit, seine Art, den Nagel auf den Kopf zu treffen und seine Unverschämtheit waren beeindruckend. Seine besondere Art, die Welt zu betrachten war sehr bereichernd, auch wenn sie oft als starke Anti-Haltung gegenüber unserer Gesellschaft daherkam. Zweifellos kann die Integration von Denkweisen fremder Kulturen sehr zum Reichtum unserer Gesellschaft beitragen – vorausgesetzt gewisse Regeln werden beachtet.

Der Film "Ziemlich beste Freunde" endet mit dem ersten Rendezvous mit Ihrer heutigen Frau Khadija, nachdem sich aufgrund einer Kontaktanzeige eine intensive Brieffreundschaft zwischen Ihnen entwickelt hatte. Im neuen Buch verraten Sie, wie Sie Khadija wirklich kennenlernt haben. Hier auch?
Die junge Frau mit der meine Filmfigur eine Brieffreundschaft pflegt, ist nicht meine Frau Khadija. Die betreffende Frau – nennen wir sie Françoise – war eine Freundin, die Béatrice (seine verstorbene Frau, Anmerkung der Redaktion) nach meinem Unfall sehr geholfen hatte. Drei Jahre nach Béatrices Tod nahm sie wieder Kontakt zu mir auf. Wir haben uns oft gesehen und es entstand ein reger Austausch, auch durch Briefe. Wir haben einander darin unterstützt, zurück ins Leben zu finden. Einige Jahre später nahm Abdel mich mit meinen Kindern mit nach Marokko, um den Winter dort zu verbringen. Ohne große Lust habe ich eine Einladung zu einer Dinnerparty in einem Riad (traditionelles marokkanisches Stadthaus mit ummauertem Garten, Anmerkung der Redaktion) angenommen, der einem mir unbekannten Franzosen gehörte. Zahlreiche europäische Gäste waren anwesend. Während der Party erlitt ich einen heftigen Schwächeanfall. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, waren alle Gäste auf die für mich unzugängliche Terrasse verschwunden. Nur eine junge Marokkanerin war geblieben, um mir zu helfen. Ich muss zugeben, dass ich ihre Geduld über eine Stunde ausgenutzt habe, so anmutig war ihr Lächeln und so tröstlich ihre Anwesenheit. Es war Khadija. Seitdem haben wir uns nicht mehr getrennt. Wir sind seit 11 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, Sabah und Wijdane.

Sie sind für längere Zeit im Krankenhaus in Nantes und nicht in Ihrer sonnigen Wahlheimat Marokko. Zahlen Sie jetzt den Preis für die sicherlich sehr anstrengende Zeit der letzten Jahre mit dem Medienrummel um Ihre Person und Ihren vielen Auftritten und Interviews? Haben Sie sich zu viel abverlangt?
Der weltweite Erfolg von „Ziemlich beste Freunde“ hat uns sehr gefordert. Wir mussten oft verreisen, haben viele Medienteams in unserem Wohnsitz in Essaouira in Marokko empfangen, an Konferenzen und Sendungen teilgenommen und uns für den Verein Simon de Cyrène engagiert, der sehr schnell in Frankreich gewachsen ist. Trotz der guten Ratschläge meiner Frau habe ich die Einschränkungen, die mir mein Zustand abverlangt, zu wenig beachtet. In den letzten zwei Jahren war ich längere Zeit wegen verschiedener chirurgischer Eingriffe im Krankenhaus und hoffe, dass dies bis Ende Oktober vergessen sein wird. Ab dann werde ich ganz sicher „den Fuß vom Gas nehmen“!

In einem Interview, das Sie dem Magazin DER SPIEGEL gegeben haben, sprechen Sie davon, dass es ein wichtiges und großes Potenzial von Menschen mit Behinderung sei, der Leistungsgesellschaft den Spiegel vorzuhalten und sie zu mehr Achtsamkeit im Umgang mit sich und anderen zu bewegen. Wie stellen Sie sich das vor?
Unsere Welt scheint sich in einer Fiebrigkeit und in einem Lärm verloren zu haben, die unseren Sinn für das wahre Glück blockieren. Der gegenwärtige Augenblick wird entweder virtuell oder in einer ständigen Projektion erlebt, er fügt sich nicht mehr in die Kontinuität der Vergangenheit ein. Dieser von der Gegenwart losgelöste Aktivismus kann uns bei der Suche nach einem Glück nicht helfen, das mit der Befriedigung von Bedürfnissen verwechselt wird. Das ist hoffnungslos, lebensverneinend.
Durch seine Verwundbarkeit und Abhängigkeit verschreibt sich der behinderte Mensch mit Nachdruck dem gegenwärtigen Augenblick. Zuweilen ist ihm sein unbequemer Zustand eine Bürde, immer jedoch ist er offen für die Begegnung mit dem Anderen, der ihn aus seiner Einsamkeit holt. Diese Lehre, die unser Zustand uns beinahe aufzwingt und die die Verwundbarkeit und Abhängigkeit als etwas begreift, das zum Menschsein gehört, kann nur erfolgen, wenn der behinderte Mensch sich die Mühe macht, auf den Anderen zuzugehen, wenn er sich bemüht, den Anderen, der in seiner Anspannung gefangen ist, zu beruhigen und zu überzeugen.
Die Systematisierung von Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung muss von der Politik gewollt werden. Sie soll die „nicht behinderte“ Welt – physisch und finanziell – für die Welt der Verwundbarkeit und Besonderheit zugänglich machen. Der Mensch mit Behinderung soll kein Paria mehr sein, sondern mitten im Zentrum der Stadt leben und somit jeden Einzelnen mit seiner Lebensbedingung versöhnen. Das ist auch das Ziel des Vereins Simon de Cyrène in Frankreich, dessen Wohnheime das Zusammenleben von Menschen mit schwerer Mehrfachbehinderung und Menschen ohne Behinderung fördern und die direkten Zugang zur Stadt bieten.


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