„Ich finde es sehr schön, die Laura zu sein.“

Laura Gehlhaar lebt als Autorin und Aktivistin für Inklusion in Berlin. In ihrem Buch „Kann man da noch was machen?“ erzählt sie Alltagsbeobachtungen aus ihrem Leben als Rollstuhlfahrerin. Humorvoll und reflektiert nimmt sie die Leserinnen und Leser mit auf ihren Lebensweg – als einzige Schülerin mit Behinderung auf dem Gymnasium, als Schwester eines mehrfach behinderten Bruders, als Bloggerin für Inklusion und als verliebte junge Frau.
 

Schall & Schnabel

Laura Gehlhaar

Interview: Mareice Kaiser

Ihr Buch beginnt mit einem Vorwort Ihres Freundes – Sie nennen ihn „der Mann“ – der schreibt, dass ihn Ihr Rollstuhl eigentlich nie sonderlich interessiert hat. Was hat er, was andere nicht haben?

Ich liebe diese Frage. (lacht) Der Mann ist ein ganz bodenständiger und sehr kluger Mensch. Ich hatte immer die Befürchtung, dass ich viel erklären muss, wenn ich neue Leute kennenlerne. Mit dem Mann war alles ganz einfach. Ich musste ihm nichts erklären, es war alles da.

Haben Sie eine Idee, woher er diesen barrierefreien Blick hat?

Er hat viel Liebe von seinen Eltern erfahren. Ich glaube, das stärkt Menschen fürs Leben und sorgt auch für einen offenen Blick. Der Mann hat ihn einfach, er begreift Vielfalt als Bereicherung.

Ihr Buch haben Sie Ihrem Bruder Julian gewidmet. Warum?

Julian wird so oft übersehen und vergessen. Und damit meine ich nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in meinem Freundes- und Familienkreis. Julian lebt in einem betreuten Wohnheim für Menschen mit Behinderung und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt. Ich werde selten gefragt, wie es Julian geht. Wenn jemand bei meinen Eltern anruft, wird gefragt, wie es meinem nicht behinderten Bruder geht, manchmal noch nach mir. Nach Julian so gut wie nie.

Schall & Schnabel

Die Widmung also, um darauf aufmerksam zu machen?

Genau. Mir war es sehr wichtig, das sichtbar zu machen, Julian sichtbar zu machen. Klar, ich habe auch eine Behinderung. Aber ich habe auch eine große Klappe und kann mich mitteilen. Wenn ich im Alltag Diskriminierung erlebe, greife ich zu meinem Handy und schreibe einen Tweet. Ich kann damit meine Behinderung sichtbar machen. Julian kann das nicht. Meine Widmung ist Ausdruck meiner großen Liebe für ihn.

Ihre Familie spielt im Buch eine große Rolle. Ihre Mutter beschreiben Sie als Heldin Ihres Buches. Ist sie auch die Heldin Ihres Lebens?

Ja, total! Meine Mama hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Sie hat mir nie vorgeschrieben, was ich zu tun oder zu lassen habe. Meine Mutter ist meine größte Kritikerin und mein größter Fan.

Ihre Mutter musste sich viel anhören dafür, die Mutter von Ihnen und Julian zu sein.

Ja, das habe ich schon sehr früh mitbekommen. Ich war noch klein als ich wusste, Julian ist krank – in irgendeinem Sinne. Er hatte eine schwere Meningitis und war fast zwei Jahre im Krankenhaus. Ich war fünf Jahre alt und habe das verstanden, aber gar nicht richtig begriffen, was das bedeuten wird: für ihn und für unser Leben. Aber weil das von Anfang an so war, war es für mich normal. Meine Mama hat in dieser Zeit ganz viel Mitleid bekommen. Sprüche wie: „Mein Gott, was musst du nur alles verbrochen haben, in deinem vorherigen Leben, dass du jetzt so bestraft wirst.“ Das war schon ziemlich heftig. Mir wurde dadurch das Gefühl gegeben: „Ich bin eine Strafe für meine Mama.“

Ein schreckliches Gefühl für ein Kind.

Das war ganz furchtbar. Meine Mama hat mit sehr viel Liebe dagegen angekämpft. Aber auch heute ist das noch nicht gut, denn es hört ja auch nicht auf. Meine Mutter bekommt das heute noch zu spüren. Sie wird als starke, mutige Frau gesehen. Dass sie zwei behinderte Kinder hat, wird wohl immer ein Thema bleiben. Ich möchte nicht, das sie als leidende Person gesehen wird, das wird ihr absolut nicht gerecht.

Sie schreiben: "Die Behinderung sitzt mit am Tisch, ist aber für nichts verantwortlich." Was meinen Sie damit?

Die Behinderung ist einfach da, die Dinge sind, wie sie sind. In meiner Familie denken wir alle eher pragmatisch. Wir machen kein großes Thema draus. Wenn dann was passiert, Julian krampft, Laura liegt drei Tage mit einem gezerrten Rücken im Bett, dann ist das kurz Kacke. Und dann gucken wir, wie es wieder besser werden kann und irgendwann ist wieder alles gut. So ist das halt.

Ein Kapitel heißt: „Sitzt dein Freund auch im Rollstuhl?“ Haben Sie eine Idee, woher so eine Frage kommt?

Mir hat mal jemand gesagt, das wäre so wie wenn ich Tennisprofi wäre. Dann würde man mich fragen, ob mein Freund auch Tennis spielt.

Wobei Tennis ja eher etwas ist, wofür man sich entscheidet. Für eine Behinderung entscheidet man sich ja eher nicht.

Genau.

Sie haben ja nicht eine Behinderung, weil Sie sich für Behinderung interessieren.

Richtig. Aber – und jetzt wird’s spannend – ich interessiere mich ja auch für Behinderung. Ich engagiere mich für Inklusion und habe das zu meinem Beruf gemacht. Dadurch habe ich viele Leute mit Behinderung kennengelernt, bin ein Teil der Szene. Daher denke ich, wenn man das nur auf mich bezieht, hat die Frage vielleicht eine Berechtigung. Ansonsten finde ich sie schwierig, weil sie suggeriert: Du kannst nur jemanden haben, der auch eine Behinderung hat. Solche Gedanken finde ich wirklich traurig.

Sie beschreiben den Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderung wie eine Erlösung, das Gefühl: „Ich bin nicht allein“.

Ich war an meiner Schule, einem Gymnasium, immer das einzige Kind, das eine sichtbare Behinderung hatte. Dadurch hatte ich immer einen Sonderstatus. Der Kontakt zu anderen Menschen mit Behinderung wie meinen Kolleginnen und Kollegen bei den Sozialhelden, war dann wie ein Befreiungsschlag für mich. Mir wurde klar, dass ich nicht alleine bin, ich konnte meinen Sonderstatus abgeben. Es fühlte sich nicht mehr so schwer auf meinen Schultern an. Das tat unheimlich gut.

Ihr Leben wäre leichter mit einer Person, die Sie im Alltag unterstützen würde. Sie nehmen die persönliche Assistenz aber nicht in Anspruch, weil sie Sie anderweitig einschränken würde.

Ich muss die persönliche Assistenz für mich abwägen – obwohl sie eigentlich selbstverständlich in meinem Leben sein sollte. Mir würden häusliche Dinge helfen, eine Person, die Einkäufe erledigt oder meine Wohnung sauber hält. Das fällt mir beides schwer. Genau wie das Nachdenken über ein eigenes Kind.

Was hat das mit der Assistenz zu tun?

Mit einem Kind müsste ich Elternassistenz in Anspruch nehmen. Das würde dann für mich bedeuten, ich müsste mein Vermögen abgeben. Die Assistenz müsste ich von meinem eigenen Geld bezahlen. Alleine, dass ich abwägen muss zwischen Geld oder eigenem Einkommen und meinen Lebensstandard so aufrecht zu erhalten, wie er gerade ist oder einem Kind. Das finde ich schon ziemlich krass.

Sie fahren besonders gerne über eine bestimmte Art von Pflastersteinen, weil das so schön kitzelt. Was ist noch super am Rollstuhlfahren?

Ich finde die Aufmerksamkeit gut, die mir der Rollstuhl verleiht – in Situationen, in denen ich sie brauche. Wenn ich bei der Post in einer langen Schlange stehe, verschmitzt zum Postbeamten schiele und der mich nach vorne winkt. Sowas finde ich gut. Und sonst mag ich meinen Rollstuhl einfach gern, weil er perfekt auf meinen Körper maßgeschneidert ist. Es sind einfach mittlerweile echt coole Modelle auf dem Markt, die man sich unter den Popo setzen kann.

Bekommt man die coolen Modelle einfach so?

Das ist natürlich die Krux. Die Kasse gewährt nur das, was medizinisch notwendig ist. Für die besseren Modelle muss man gut argumentieren und dann dafür kämpfen. Das ist anstrengend und teilweise auch echt erniedrigend. Das sind dann auch Momente, in denen ich mich für meine Behinderung rechtfertigen muss. Leider passiert das oft, wenn ich mit der Krankenkasse zu tun habe.

Und Sie können das ja. Sie sind der deutschen Sprache mächtig, können schreiben und sprechen und kommunizieren. Aber Julian zum Beispiel könnte das nicht.

Genau, das ist es auch. Bei Julian geht es nicht nur um Hilfsmittel, sondern allein schon darum, was er morgens zum Frühstück und abends zum Abendbrot bekommt. Noch nicht mal da ist er frei in seiner Entscheidung.

Was ist schlimm am Satz: „Für mich bist du gar nicht behindert?“

Dieser Spruch wertet meine Behinderung ab. Sie wird mir als negatives Merkmal zugeschrieben. Ich möchte aber, dass der Begriff Behinderung als nichts negatives oder abwertendes gesehen wird. Gleichzeitig ist es ein persönlicher Angriff: Meine Behinderung hat meinen Charakter geformt und mich als Mensch.

Unterscheiden sich die Reaktionen auf Ihr Blog zu den Reaktionen auf Ihr Buch?

Das Publikum ist ein anderes. Mein Blog lesen eher Menschen, die sich mit Inklusion beschäftigen. Mein Buch erreicht auch Leute, die damit nichts zu tun hatten. Die schreiben mir dann, dass sie gar nicht wussten, dass es Schulen gibt, auf die Kinder mit und ohne Behinderung zusammen gehen.

Das ist ja dann eine wirkliche Horizonterweiterung.

Ja, total, das ist unheimlich toll zu lesen. Auch, weil sich die Leute wirklich viel eingestehen. Eine Person schrieb mir, dass sie das nächste Mal anders auf Menschen mit Behinderung zugehen möchte. Das ist super cool.

 

Dann war das Buch eine logische Fortführung des Blogs?

Eine Leserin hat mir geschrieben, dass sie eine Entwicklung sieht vom Blog zum Buch. Ich glaube, dass sie das sehr gut getroffen hat. Ich bin ruhiger geworden. Ich betrachte die Dinge weiter kritisch, aber weniger vorwurfsvoll. Ich bin weniger angriffslustig und merke, dass ich viel mehr erreiche, wenn ich Verständnis zeige. Das tut mir auch unheimlich gut, und natürlich auch den Leuten, mit denen ich zu tun habe.

Klingt nach Erwachsenwerden.

Ja, scheiße. Wie ätzend. (Lacht). Aber im ernst: Ich bin immer bemüht, das Kind in mir nicht sterben zu lassen. Aber Ruhe tut mir unheimlich gut. Und klar, ich werde älter. Ich habe gar keine Zeit und Lust, mich über so viele Dinge aufzuregen. Da hat natürlich auch der Mann sehr viel dazu beigetragen. Mit dem habe ich mich in einen Kokon eingemummelt und man sieht die Welt ja ein bisschen anders, wenn man verliebt ist.

Sie haben das Buch geschrieben, um zu zeigen, wie es ist, Laura zu sein. Geht das auch in einem Satz?

Ich finde es sehr schön, die Laura zu sein. Teilweise anstrengend, oft dramatisch – und das liegt gar nicht an meiner Behinderung, sondern an ganz viel Drama in meinem Kopf. Es ist lustig, die Laura zu sein, weil sie sehr viel lachen kann und weil ich mich selbst nicht zu wichtig nehme.

Danke, dass ich viel davon kennenlernen durfte und danke für dieses Gespräch.


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