Als Duo stärker

Sie schätzen sich, sie streiten sich, sie arbeiten für ein gemeinsames Ziel:
Menschen mit und ohne Behinderung leben Inklusion jeden Tag. Vier Paare
zeigen, wo im Alltag Partnerschaft funktioniert – und warum sie beiden
Seiten so viel wert ist.

Evelyn Dragan

Ingeborg Friebe- Newrly (51) und Thomas Kaldenhoff (58) betreiben seit fünf Jahren Rollstuhltanz beim RSC Frankfurt e. V. Sie sind auch außerhalb des Trainings ein Paar.

Text: Beate Schwarz

Ingeborg Friebe-Newerly: Als mein ältester Sohn Abitur machte, wollte ich unbedingt beim Abiball mit ihm tanzen. So habe ich den Rollstuhltanz für mich entdeckt. Die Kunst besteht darin, genau zwei Unterarmlängen Abstand zu halten – sonst hat der Fußgänger den Stuhl auf den Füßen. Der große Unterschied zum Tanzen unter Fußgängern ist: Ich bin mit dem Tanzpartner nicht auf Augenhöhe und die Tuchfühlung fehlt. Das ist schade. Aber tanzen zu können, auch auf privaten Feiern, ist toll. Das Training donnerstags ist für Thomas und mich eine intensive gemeinsame Zeit.

Thomas Kaldenhoff: Ich war vorher kein begeisterter Tänzer, aber das Rollstuhltanzen hat mir erstaunlicherweise gleich Spaß gemacht. Als Fußgänger habe ich den aktiveren Part, tanze rückwärts und schiebe den Rollstuhl. Das Tanzen ist Harmonietraining, man muss sich angleichen – nicht nur körperlich, sondern auch kommunikativ. Es gibt Paare, die sich auf der Tanzfläche auch mal anschreien. Das passiert bei uns nicht. Der Rollstuhltanz ist für unsere Partnerschaft eine echte Bereicherung.

Stephanie Füssenich

Karin Knoll (59) und Ferdinand Schießl (58) waren 13 Jahre lang ein Paar. Mit MENSCHEN. das magazin sprachen sie im Juli 2014 über ihre Beziehung. Kurz darauf ist Ferdinand Schießl verstorben. Mit Einverständnis von Karin Knoll veröffentlichen wir den Beitrag dennoch. Denn die Erfahrung der beiden bleibt auch über den Tod hinaus relevant.

Karin Knoll: Ja, wir lieben uns. Es hat lange gedauert, bis Freunde und Kollegen verstanden haben, dass ich mich nicht um einen Menschen mit Behinderung kümmere, sondern mit ihm eine Partnerschaft lebe. Es ist einfach nur traurig, dass Paaren wie uns, bei denen einer auf Hilfe angewiesen ist, so viele Steine in den Weg gelegt werden. Heiraten oder Zusammenleben bedeutet in diesem Fall nämlich, dass der nicht pflegebedürftige Partner als kostenlose Pflegekraft dienen muss. Dies aber führt zu einer Abhängigkeit voneinander, die einer Beziehung nur schaden kann. Ich finde es einfach nur erbärmlich, dass Liebe als Sparmaßnahme missbraucht werden darf.

Ferdinand Schießl: Nach einigen Enttäuschungen hatte ich mit dem Thema „Liebe und Partnerschaft“ schon lange abgeschlossen, als ich Karin in einem Onlinechat kennenlernte. Vor einem persönlichen Treffen hatte ich ziemliche Angst, doch ich bin froh, dass es dazu gekommen ist. Es ist mir sehr wichtig, dass sie sich bei mir zu Hause wohlfühlt. Früher war es mir egal, wie es hier aussieht, heute lege ich Wert darauf, dass es gemütlich und sauber ist. Von Karin bekomme ich eine menschliche und intime Nähe, die mir kein Assistent geben kann. Viele Leute denken ja, dass ich keinen Sex möchte oder haben kann, weil ich behindert bin. Das ist Quatsch.

Max Friedrich, 23, Lehramtsstudent, und Florian Malcowski, 27, leben in der integrativen Wohngemeinschaft des Miteinander Leben Lernen e. V. in Saarbrücken. Fünf der elf Bewohner haben eine körperliche oder geistige Behinderung.

Max Friedrich: Ich bin zum Studium nach Saarbrücken gegangen. Ich habe mich wie in einer ganz normalen WG beworben, nur dass man hier noch ein Probewohnen macht, damit beide Seiten sehen, ob es passt. Wir lernen viel, was andere nicht lernen. Nicht nur den Umgang mit Menschen mit Unterstützungsbedarf, sondern auch für uns selbst. Viele Freunde können sich nicht vorstellen, hier zu wohnen. Wenn sie mich dann besuchen, finden sie es toll. Ich bin seit eineinhalb Jahren hier und will so schnell nicht weg.

Florian Malcowski: Die Leute hier sind super, und wir können viel zusammen unternehmen. Vorher habe ich bei meinen Eltern gewohnt, aber da wollte ich mal raus. Ich habe ein super Verhältnis zu ihnen, aber hier ist viel mehr los als da, wo ich herkomme. Ich muss zwar mehr selbst machen als bei meinen Eltern, aber das ist okay.

Ayse Tasci_Steinebach

Cornelia Dietz (52) und Martin Seiler (50) arbeiten bei der Deutschen Telekom Kundenservice GmbH in Bonn, sie als Sekretärin und Vertrauensperson für Schwerbehinderte, er ist Geschäftsführer.

Martin Seiler: Unser Betrieb beschäftigt mehr Menschen mit Behinderung als rechtlich vorgeschrieben – wir sehen das nicht nur als unsere gesellschaftliche Verantwortung, sondern auch als eine große Bereicherung für alle Mitarbeiter im Unternehmen. Mich persönlich motiviert es jedes Mal aufs Neue, wenn ich miterleben kann, wenn Inklusion am Arbeitsplatz funktioniert. Frau Dietz und ich haben auch über unser Arbeitsverhältnis hinaus einen guten Draht zueinander und ein gemeinsames Hobby – das Laufen.

Cornelia Dietz: Ich habe 1986 im Unternehmen angefangen und seitdem viele Stationen im Kundenservice durchlaufen. In die Teams habe ich mich immer bestens integriert gefühlt. Wichtig finde ich, auf nicht behinderte Kollegen zuzugehen, ihnen zu sagen, wo ich Hilfe brauche. Viele sind ja einfach unsicher. Klar, ich brauche spezielle Software und Hilfsmittel für meine Arbeit. Aber ich will behandelt werden wie eine Nichtbehinderte. Und es ist auch völlig okay, wenn jemand „Schau doch mal!“ zu mir sagt.


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