Mut zur Stimme

Die Hohlkehlchen aus Siegen möchten mit ihrem Gesang vor allem eines: Menschen ohne Kehlkopf wieder Mut machen. Eine Chorprobe.

Marlis Müller, Mitglied der Hohlkehlchen.

Text Denis Pfabe

Fotos Bozica Babic

 

Die Reaktion des Publikums ist fast immer dieselbe: Nachdem der letzte Ton verklungen ist, herrscht für einen kurzen Augenblick vollkommene Stille. Dann folgen lautstarker Applaus und Standing Ovations. Es sind diese wenigen Sekunden der Verwunderung, die die Mitglieder der Hohlkehlchen so stolz machen. Die zehn Männer und Frauen haben eines gemeinsam: Sie haben keinen Kehlkopf mehr – und sie schaffen etwas, das viele für unmöglich gehalten haben. Sie singen.

Die Hohlkehlchen sind Deutschlands erster Chor der Kehlkopflosen. Wer sich mit dem Gründer Burkhard Schäfer unterhält, muss erst mal entschleunigen. Seine Hände liegen ruhig auf dem Tisch, während er in der Küche des Geißwalder Bürgerhauses sitzt und mit bedachten, kurzen Sätzen erzählt, was der Chor seit der Gründung im August 2012 erreicht hat. Seine Finger drücken auf das Shunt-Ventil, das dort ist, wo früher sein Kehlkopf saß. „Wir sind eigentlich kein Chor im klassischen Sinne, wir sind vielmehr eine Selbsthilfegruppe“, sagt der 56-Jährige. Fragt man ihn nach der ersten Probe, beginnen seine Augen zu glänzen. „Keiner wusste genau, worum es ging oder was uns erwartete. Keiner kannte den Text. Wir haben einfach die Melodie auf der Gitarre vorgespielt und dann drauflosgesungen. Drei Mal konnten wir das Lied singen. Danach haben wir uns angeschaut. Alle Anwesenden – auch die, die sprechen konnten – waren erst einmal sprachlos. Vielen kamen die Tränen. Wir wussten: Wir machen weiter!“ Das letzte Jahr war für alle Hohlkehlchen sehr aufregend. Der Chor trat vor kleinem und großem Publikum in ganz Deutschland auf, vor Ärzten und Professoren und noch viel wichtiger: vor anderen Betroffenen.

„Es gibt Menschen, die nach der Amputation des Kehlkopfs nicht mehr vor die Tür gehen, die sich wegen ihrer veränderten Stimme schämen. Wir machen den Leuten Mut, sagen: Da geht noch was“, so Schäfer. Für die Mitglieder bietet der Chor die Möglichkeit, zu ihrer Stimme zu stehen und wieder Gehör in der Öffentlichkeit zu finden.

Es ist Zeit für die Probe. Die Stühle scharren über den Linoleum­boden im Proberaum, als sich der Chor erhebt. Die Männer und Frauen blättern durch die bunten Textseiten, strecken den Rücken, halten ihre Finger an die Kehle, blicken zu Burkhard Schäfer und warten auf sein Zeichen. Er nickt, und der Chor stimmt sein neustes Lied an: „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Ein ­Klassiker. Der Gesang ist etwas rau und voller Inbrunst. Der Refrain lädt wie beim Original zum Mitsingen ein. Die Sänger wiederholen das Lied drei Mal – mehr geht nicht, aber immerhin!

Nach der Probe gibt es Kaffee und Kuchen, ein paar belegte Brötchen. Die vorherige Anspannung ist verflogen, und die ­Gespräche werden lockerer. Es wird ausgiebig gelacht. Privat hört Burkhard Schäfer gerne Songs von den Rolling Stones. „Die schaffen wir aber leider noch nicht zu singen. Aber wer weiß, vielleicht kommen wir da noch hin, wir sind ja erst am Anfang.“

Mehr Infos zu den Hohlkehlchen gibt es unter www.hohlkehlchen.de.


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