„Ich seh’s einfach“

Der 19 Jahre alte britische Fotograf Oliver Hellowell hat das Downsyndrom. Er liebt die Natur, und sein besonderer Blick auf die Welt fasziniert eine riesige Facebook-Gemeinde.

Freund und Mentor: Sein Stiefvater Mike O’Carroll hat Oliver Hellowell das Fotografieren beigebracht. Die beiden fachsimpeln regelmäßig über Fotografie.

Text: Iris Ollech

Die Hose auf Halbmast, Sneakers und ein T-Shirt einer angesagten Marke, die ein cooles Image verspricht. Passend zum Outfit schlendert der junge Mann lässig durch die Landschaft. Sein Weg führt an Fischteichen vorbei, an denen Männer auf tief liegenden Campingstühlen sitzen. Im Gegensatz zu den Anglern trägt er allerdings keine Angelrute bei sich, sondern eine professionelle Kamera. Denn er hofft nicht auf einen dicken Fisch, sondern auf das ultimative Foto. Plötzlich stoppt er kurz und nimmt mit beiläufiger Entschlossenheit seine Motive ins Visier. Klick – eine Heckenrose. Klick – das Blätterdach eines Baumes. Klick – das Geäst eines Busches. Kein langes Einrichten der Kamera, keine zögerliche Suche nach dem perfekten Bildausschnitt, lediglich die flüchtige Kontrolle auf dem Display.

Oliver Hellowell

Am Angelsee hat alles angefangen

Diese scheinbare Beiläufigkeit hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Denn Oliver Hellowell, Fotograf, 19 Jahre alt, aus der südenglischen Grafschaft Somerset, weiß genau, was er tut. Es ist diese mühelose Leichtigkeit, die seine Bilder auszeichnet. Aus dem Klick, Klick, Klick entstehen reizvolle Kompositionen: der Kontrast einer noch blassen Hagebutte auf tiefgrünem Laub, eine originelle Blätterkomposition und ein filigraner Schattenriss.

Hier am See hat vor zehn Jahren alles begonnen. Und zwar zusammen mit einem der Männer, die konzentriert auf ihre Angelschnur im trüben Wasser blicken: Mike O’Carroll, Olivers Stiefvater, Fotograf von Beruf. „Schon beim ersten Treffen hat er seine Arme um mich geschlungen, und da war’s um mich geschehen“, erzählt er. Kurz darauf schenkte er seinem Stiefsohn die erste Kamera, und schon war es auch um Oliver geschehen. „Mike hat mir alles beigebracht“, sagt er. Wenn die beiden einmal pro Woche zusammen angeln gehen, freuen sie sich nicht nur auf die vielen Karpfen, Brassen und Barben, sondern auch auf jede Menge Fotomotive in ihrem Revier. „Einige von Olivers schönsten Bildern sind hier entstanden“, sagt Mike O’Carroll. Es sind Bilder, die sich auf das scheinbar Unscheinbare fokussieren und ihm zur Geltung verhelfen. So wie das einzelne Blatt, das aus dem Laub heraussticht, oder die Großaufnahme von Luftbläschen in einem  Wasserstrudel.

Mit seinem besonderen Blick fasziniert Oliver seine Fans auf der ganzen Welt. Über 60.000 Menschen folgen seiner Facebook-Seite, die ihm seine Mutter eingerichtet hat, „damit er stolz darauf sein kann, dass die Leute seine Arbeit beachten, und damit er seinen Traum, von der Fotografie zu leben, verwirklichen kann“, sagt Wendy O’Carroll.

Oliver Hellowell

Der Erfolg schien Oliver nicht in die Wiege gelegt. Wie viele Kinder mit Downsyndrom kam er mit einem Herzfehler zur Welt. Ein Foto zeigt Oliver nach der Operation, ein zartes Baby an Schläuchen und Kabeln. Die Ärzte machten seiner Mutter wenig Hoffnung bezüglich seiner körperlichen und sprachlichen Entwicklung. Sie prophezeiten Bewegungseinschränkungen und bezweifelten, dass Außenstehende ihn jemals verstehen würden. „Tja, und jetzt fährt er Skateboard und spielt Fußball“, sagt Wendy O’Carroll lachend. Und für Fremde ist höchstens sein breiter Somerset-Akzent gewöhnungsbedürftig.

Wendy O’Carroll hat sich von den ungünstigen Prognosen nie beirren lassen. Die Unterstützung, die sie selbst vermisst hat, bietet sie heute Familien an, die ein Kind mit Downsyndrom haben und sich Hilfe wünschen, wenn Kummer und Verunsicherung die Freude über das Kind überschatten. „Ich sag dann: Hey, schaut, was Oliver kann. Und wer weiß, zu was dein Kind eines Tages imstande sein wird“, meint Wendy O’Carroll.

Oliver Hellowell
Drei fliegende Gänse

Die Arbeit trägt Früchte

Wendy O’Carroll hilft Oliver dabei, die neuesten Bilder auf seiner Facebook-Seite zu platzieren. Für das Hagebuttenbild bekommt er sofort mehrere „Likes“. Viele seiner Fans möchten die Bilder nicht nur im virtuellen Netz sehen, sondern ganz real an der Wand hängen haben. Wenn er die Abzüge in die ganze Welt verschickt, ist fast immer das Bild des Rotkehlchens dabei. Eine bezaubernde Aufnahme, die den Betrachter gefangen nimmt. Auf die Frage, was das Geheimnis seiner Bilder sei, reagiert Oliver so wie viele Künstler, die ihr Talent als selbstverständliche Gabe betrachten. „Ich seh’s einfach. Wenn ich draußen bin, sehe ich Sachen, die mich interessieren. Zum Beispiel eine Amsel. Oder ein anderes Tier. Die meisten Leute haben keinen Blick dafür, ich schon.“

Mehrere Ausstellungen, Interviews, Fernsehauftritte – davon träumen viele andere Fotografen. Schon jetzt verdient Oliver mit seiner Arbeit ganz gut. Doch seine Familie achtet darauf, dass der Spaß im Vordergrund steht. Auch er selbst nimmt Aufträge nicht um jeden Preis an.

Oliver Hellowell
Detaillaufnahme einer Pflanze

Als ein Freund ihn bat, bei seiner Hochzeit zu fotografieren, lehnte Oliver höflich ab. „Ich fotografiere keine Menschen“, sagte er. Pflanzen und Tiere interessieren ihn. Diesem Prinzip ist er bis heute treu geblieben, und das bringt ihm Respekt ein. Der Naturfotograf und Filmemacher Richard Taylor-Jones schreibt im Vorwort zu Olivers erstem Fotobuch: „Man kann nicht sagen, dass Olivers Ansatz konventionell oder sein Vorgehen immer zielgerichtet ist. Aber er kommt zu überraschenden Ergebnissen, und darauf kommt es an. Vor allem hat er Freude am Fotografieren. Er scheint seine Bestimmung im Leben gefunden zu haben.“

Oliver Hellowell hat noch viel vor. Sein Traum ist es, die Welt zu bereisen. Am liebsten möchte er nach Brasilien, um Affen im Amazonas-Dschungel zu fotografieren, zu den chinesischen Pandas und nach Australien zu den gefährdeten tasmanischen Teufeln. Denn, so sinniert er am Angelsee, an dem seine ungewöhnliche Karriere begonnen hat: „Ich bin ein Naturtyp, ich habe die Kamera in der Hand, und das ist mein Leben.“


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