Beats, Battles, Behinderung - Graf Fidi im Porträt

Durch das Tonstudio schaut Graf Fidi direkt in sein Wohnzimmer. Selbst eingebaut hat er sich den kleinen Raum aus schwarzem Schaumstoff, mit Mikro und Fensterblick aufs Sofa. Gemütlich hier, die Neubauwohnung im Kiez Berlins ohne Ghettoromantik, Wilmersdorf.
 

Text Lilian Masuhr
Fotos Andi Weiland

Mit 36 Jahren hat er über 20 Jahre Erfahrung im Rappen mit Freestylen und Battlen, später dann Singer-Songwriting. Im Mittelpunkt der Texte steht, was ihn in seinem Leben bewegt: Frauen, Job und Party machen. Ein anderes leitendes Thema seiner Texte ist ungewöhnlich im Rap: seine angeborene Behinderung, eine Spastik und nur ein Finger an der rechten Hand. Diese Eigenschaft von ihm spielt in letzter Zeit eine immer wichtigere Rolle in seinen Stücken.

Er wurde bekannt als Typ, der über Inklusion rappt, und ist als Inklusionsbotschafter ein beliebter Gast bei Podiumsdiskussionen: “Ich weiß, dass ich andere über das, was ich erlebt habe, beeinflussen kann, ob durch meine Musik oder in Gesprächen.” Mal spricht er als Gastdozent über barrierefreies Ausgehen, dann sitzt er in der Jury eines inklusiven Kurzfilmfestivals.

Dabei hat Graf Fidi sich selbst nie als “so behindert” wahrgenommen. Erst der Kontakt zu einer schwerbehinderten Kommilitonin im 1. Semester Mediengeschichte an der Evangelischen Hochschule Berlin bringt ihn zum Engagement für Barrierefreiheit: Zusammen mit einem befreundeten Kameramann dreht er ein Rap-Video über defekte Aufzüge und nervige Treppen. Der Uni-Kanzler lädt ihn daraufhin zum Gespräch und macht ihn zum Berater für Barrierefreiheit an der Uni. Später wird er mit seinem Rap in einer Förderschule in Ostfriesland ein nicht sprechendes, schwerbehindertes Mädchen dazu bringen, die Lippen mitzubewegen.

Battlen ohne “Spast”?

Hauptberuflich ist Graf Fidi, alias Hans-Friedrich (Fidi) Baum, Sozialarbeiter in einer Jugendeinrichtung und gibt Rap-Workshops für 9- bis 14-Jährige. Ihre Rap-Songs handeln von dem, was die Heranwachsenden so bewegt: Fußball, am Tablet zocken, Freunde treffen. Fidi sagt Jüngeren dann auch schon mal, “Krüppel” sei kein gutes Schimpfwort. Aber vor allem ältere Jugendliche wollen über Themen wie Drogen dealen und Schießereien rappen und dabei Kraftausdrücke verwenden: “Die würden mich auslachen, wenn ich sage, sag doch bitte “Vollidiot” statt “Krüppel.”

Da gerät seine Rolle als Sozialarbeiter in Konflikt mit seinem Hobby Rappen. In seinem Beruf geht’s ihm mehr um den entspannten Austausch zwischen Jugendlichen und dem Rapper mit Tattoo und Behinderung. Wenn aber Freunde beim Computerzocken “Spast” rufen, sagt er doch: “Ich bin halt Spastiker. Ich möchte nicht gerne, dass du mich als Schimpfwort benutzt.” Das verstehen sie.

Weder Macho- noch Rollstuhl-Rapper

Laut einer Analyse von Puls, dem Jugendsender vom Bayerischen Rundfunk, sind “Krüppel” und “Spast” im deutschsprachigen Rap verbreitet. Am häufigsten werden aber Frauen diskriminiert. Dabei bildet auch Fidi keine Ausnahme. In seinen Texten finden sich herabwürdigende Aussagen wie: “… bin ein Mann, der gerne Frauen flach legt wie ne Scheibe Brot” (SongIch mach das mit links”). Er wolle sich als Rapper Respekt verschaffen, aber vor allem als Mann mit Behinderung: “Ich bin zwar nicht der klassische Mann und Macho. Aber ich mag den Wortwitz, mich als Rapper darzustellen, um dann mit den Klischees zu brechen. Und ja, auch ein Behinderter legt gerne Frauen flach.” Privat hat er eine Freundin, sie träumen von einer gemeinsamen Japan-Reise.

Es gibt auch andere Musiker, die über Themen wie Behinderung rappen und meist selbst eine haben, wie Sittin’ Bull, Bedi, OKMA, Blind Fury, Signmark, Sean Forbes, Bushwik Bill, Lal Daggy und 50 Tyson. Graf Fidi sieht sich aber nicht als “Rollstuhl-Rapper”, legt ein Stück weit einen selbstbewussten und coolen Auftritt hin. Dann ist er wieder albern, aber immer mit Beats, die mitreißen. Zur Musik kommt Fidi Baum durch den Schulchor und Gesangsunterricht, doch mehr fasziniert ihn “netter Pop-Rap” der Fantastischen Vier. Ein Konzert der Absoluten Beginner bringt ihn 1999 zum Rappen, er schreibt die Texte, Freunde legen Beats drunter. Heute vergleichen ihn Medien mit Dendemann oder Holundermann von Blumentopf.

Vom Mobbing aufs Dreirad

Sein Song “Sowas von Berlin”, der beschreibt wie er mit Freunden bis in die Morgenstunden zügellose Partys feiert, schafft es auf Szeneportale wie “HipHop.de”. Auf deren YouTube-Kanal stellt er sich auch kritischen Kommentaren, einige beschimpfen ihn, andere sind konstruktiver, finden es sei “zu poppig”, “entfernt von hip hop” und “so nicht Berlin”.

Graf Fidi macht weiter und denkt auch an diejenigen mit Behinderung, die nicht feiern gehen können, weil z.B. persönliche Assistenz oder Ermutigung aus dem familiären Umfeld fehlen. Daher produziert er Auftragssongs über Partys speziell für Leute mit Behinderung, etwa “Rock am Berg” für ein Musikfestival der Lebenshilfe oder “Rock’n’Rolli” zur Partyreihe von Unternehmerin Annina Zamani. Und zunehmend Songs, die über das Leben mit Behinderung aufklären, über Sex und Behinderung (“Verschieden”), diskriminierende Sprache (“Klartext”), Mobbing (“Mitten im Leben leben - Rappen gegen Ausgrenzung”) und inklusive Bildung (“Globale Bildungskampagne”).

Er weiß, wovon er spricht, in der Grundschule ist er das einzige behinderte Kind und wurde gemobbt. Die ganze Grundschulzeit über schiebt ihn seine Mutter im Kinderwagen. Er vermutet, dass sie ihn nicht als behindert ansah. Vielleicht fragt sie deshalb nicht nach Hilfsmitteln im Sanitätshaus. Endlich bekommt er mit 11 Jahren ein Dreirad, ähnlich einem schwarzen Citybike, mit dem Symbol für Rollstuhlfahrer am Fahrradkorb. Damit fährt er heute noch durch seinen Kiez. Im Gymnasium fühlt er sich plötzlich verstanden. Da gibt es noch andere Kinder mit Behinderungen. Heute rappt er mit Kindern seiner alten Schule als Graf Fidi für die Globale Bildungskampagne, einer Bewegung von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften für inklusive Bildung.

Vorbild sein, aber Kante zeigen

In einer Zeit, in der Rapper Kanye West auf seinem Konzert einen Rollstuhlfahrer beschimpft und sein Kollege 50 Cent sich über einen autistischen Jungen lustig macht, will Graf Fidi zu einem anderen Vorbild für die jüngere Generation werden. Gute Momente mit nicht behinderten Jugendlichen schaffen und behinderte Jugendliche stärken. Gleichzeitig will er es als Rapper nicht immer nur allen recht machen, sich von seiner Rolle als Sozialarbeiter und Inklusionsbotschafter auch mal lösen, wieder anecken, wieder Quatsch-Rap mit Augenzwinkern machen. Allerdings mit Bedacht. Denn er weiß: “Was immer ich da auf YouTube mache, Kinder werden das sehen”. Auch über die Grenzen des beschaulichen Wilmersdorf hinaus.


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