Der Held der Matte

Judoka Victor Gdowczok hat ein klares Ziel: Er will als erster Deutscher mit geistiger Behinderung den schwarzen Gürtel erringen. Dafür trainiert er jeden Tag und einmal pro Woche sogar am Olympiastützpunkt in Köln.
 

Victor Gdowczok (oben) trainiert fast täglich für sein großes Ziel.

Text Marie-Charlotte Maas
Foto Evi Blink

Olympiastützpunkt in Köln: Mit einer gekonnten Drehung wirft Victor Gdowczok seinen Trainingspartner über die Schulter auf den Boden. Ein dumpfer Schlag ertönt, als der Körper auf der Matte aufprallt. Frank Schuhknecht lacht, steht auf und nickt dem Jüngeren anerkennend zu. „Na, kannst du noch?“, neckt er sein Gegenüber. Victor ist barfuß, er trägt einen weißen Anzug, die blonden Haare fallen ihm ins Gesicht. Der 25-Jährige grinst, er weiß, dass „Frankie“, wie er ihn nennt, ihn nur ärgern will. Erschöpft ist er noch lange nicht. Im Gegenteil, heute will er es wissen. Er stellt sich in Position: Das Training kann weitergehen.

Victor Gdowczok konnte schon viele Erfolge in seiner Sportart erringen. Am Olympiastützpunkt trainiert er gemeinsam mit Topjudokas ohne Behinderung.

Judo bestimmt seinen Alltag

Victor Gdowczok ist in seinem Element. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass er sich von seinen Trainingskameraden unterscheidet. Victor Gdowczok wurde mit dem Downsyndrom geboren. Am Rande der Halle, auf einer Bank sitzt Rupert Maria Fehler und beobachtet wie so häufig das Training. Er kennt Victor Gdowczok schon seit 18 Jahren. Damals kam Victor im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal in die Judoschule Bushido in der Kölner Südstadt, in der Fehler als Trainer arbeitete. „Er landete auf meiner Matte, und es war Sympathie auf den ersten Blick. Victor war wie alle anderen Kinder, denn beim Judo ist es egal, ob jemand ein Handicap hat oder nicht.“

Anfangs, erinnert sich Rupert Maria Fehler, sei Victor nicht besonders ehrgeizig gewesen, doch irgendwann, nach dem ersten Wettkampf, habe ihn die Begeisterung gepackt – und der Wille zu siegen. „Ab diesem Moment begann Victor intensiv zu trainieren, und ich habe schnell erkannt, dass er Talent hat. Er setzt die Würfe optimal an und führt die Technik sehr gut aus.“

Heute ist Judo für Victor Gdowczok der wichtigste Teil seines Lebens. Das Training und die Wettkämpfe, an denen er teilnimmt, bestimmen seinen Alltag. „Er arbeitet dafür an fünf bis sechs Tagen die Woche – nur am Sonntag gönnt er sich Ruhe, schläft aus und macht einfach mal nichts“, erzählt Victors Vater Klaus Gdowczok, der seinen Sohn als Trainer unterstützt und motiviert.

Zwei- bis dreimal die Woche geht der junge Judoka zum Training in die Judoschule Bushido. Dienstags joggt er mit einer Personal Trainerin am Rhein, mittwochs trifft man ihn im Fitnessstudio. „Krafttraining in der Muckibude“, nennt er das. Seit 2010 trainiert Gdowczok zudem als bundesweit erster Judoka mit geistiger Behinderung mindestens einmal die Woche am Kölner Olympiastützpunkt zusammen mit anderen Judoathleten des Deutschen Leistungskaders, viele von ihnen Mitglieder der Nationalmannschaft. „Als Victor für seine erste Teilnahme an den Special Olympics [der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, Anm. d. Red.] nominiert wurde, habe ich den Kontakt zum Bundestrainer gesucht, damit mein Sohn die bestmögliche Vorbereitung bekommt“, erzählt Klaus Gdowczok. „Er und die anderen Athleten waren sofort aufgeschlossen gegenüber der Idee und haben Victor herzlich aufgenommen.“

Anfangs war Victor gar nicht besonders Ehrgeizig, erinnert sich sein Trainer. Aber nach dem ersten Wettkampf packte ihn der Wille zu siegen.

Das intensive Training zahlt sich aus: Im G-Judo, dem Judo für körperlich und geistig behinderte Menschen, konnte Victor Gdowczok bereits zahlreiche Titel gewinnen. Die Glasvitrinen im Haus seines Vaters, wo er lebt, schmücken mittlerweile 60 Medaillen und zwölf Pokale: „Eine Silbermedaille bei den Special Olympics National Games 2010 in Bremen, den vierten Platz bei den Special Olympics in Athen 2011, Doppelgold bei den Special Olympics National Games in München 2012, Europameister 2013, dreimal deutscher Meister und sechsfacher NRW-Landesmeister im G-Judo“, zählt Victor seine größten Erfolge auf.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Halle füllt sich mit Männern und Frauen in weißen Anzügen, die im Kreis ihre ersten Aufwärmrunden laufen – die Profis sind zum Training angerückt. Victor Gdowczok und seine Sportkameraden begrüßen sich mit Handschlag. Frank Schuhknecht wirft einen Blick auf seinen Trainingspartner: „Na, reicht es für heute?“ Schließlich hat Victor Gdowczok schon eine anstrengende Trainingseinheit hinter sich. Trotzdem überlegt er nur kurz und schüttelt dann den Kopf. „Ich bleibe“, sagt er. Dieses Jahr wartet nämlich noch eine besonders große Herausforderung auf den Kölner: Die Prüfung zur Erlangung des schwarzen Gürtels. Ein absolutes Novum, denn bisher war Judokas mit Behinderung in Deutschland die Teilnahme daran verwehrt. Sollte Gdowczok mit seinen Fähigkeiten überzeugen, wäre das eine kleine Sensation. Er wäre hierzulande dann der erste geistig behinderte Judoka mit diesem Meistergrad.


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