„Seid ihr sicher, dass Europa bereit für uns ist?“

Punkrock gab es beim Eurovision Song Contest noch nie zu hören. Die finnische Band Pertti Kurikan Nimipäivät schließt diese Lücke – mit dem kürzesten Titel der ESC-Geschichte. Nicole Wehr hat den Bassisten Sami Helle wenige Tage vor dem Abflug nach Wien zu Hause in Helsinki besucht.

Sami Helle von der Finnischen Punkband PKN

Text und Foto: Nicole Wehr

Sami, in eurem Lied "Aina mun pitää”(“Ich muss immer”), mit dem ihr beim Eurovision Song Contest antretet, geht es um die Pflichten und Verbote, die euren Alltag bestimmen. Was musstest du zuletzt Lästiges tun?

Ich musste mein Zimmer sauber machen – das hasse ich!

Du wohnst nur mit Kari im selben Haus. Wo hast du die anderen Bandmitglieder kennengelernt?

Wir haben uns bei Lyhty getroffen, einer Nichtregierungsorganisation, die Menschen mit geistiger Behinderung im Alltag unterstützt und durch Projekte fördert. Ich moderiere dort zum Beispiel meine eigene Radiosendung. Bis 2009 habe ich Jazz gespielt, doch dann kam Pertti auf die Idee, eine Punkrockband zu gründen. Wir anderen hatten vorher nichts mit Punkrock zu tun, Pertti schwärmt dafür schon seit mehr als 30 Jahren. Ich war zuerst skeptisch und fragte ihn: “Ein Jazzmusiker, der Punkrock spielt – bist du dir sicher?” Doch jetzt liebe ich diese Musik genauso.

Wer macht was beim Songschreiben?

Pertti arrangiert die Songs, Kari schreibt die Texte, Toni und ich haben nichts zu sagen (lacht).

Worum geht es in euren Texten?

Meist drehen sie sich um Alltägliches, genauer gesagt um alles, was Kari wütend macht – und da gibt es eine Menge: Die Polizei und Politiker, um mal zwei beliebte Beispiele zu nennen. Er und ich haben zu so ziemlich allen Themen gegensätzliche Meinungen. Deswegen streiten wir uns auch etwa 90 Prozent der Zeit. Manchmal gleicht der Bandraum einer Kriegszone. Aber irgendwann raufen wir uns dann doch immer wieder zusammen.

Ihr habt euch im nationalen Vorentscheid gegen 17 andere finnische Bands durchgesetzt – Glückwunsch! Wie lautet eure Erfolgsformel?

Beim Eurovision Song Contest gibt es aufwändige Shows, viele Tänzer und noch mehr Glitzer zu sehen. Wir haben nichts davon. Wir sind einfach vier Typen, die auf die Bühne gehen, einen Song spielen und – boom! – wieder verschwinden. Das unterscheidet uns von den all den anderen Wettbewerbern. Die meisten von ihnen machen Popmusik. Vor uns gab es noch nie eine Punkband beim ESC. Deswegen konnten wir es auch nicht fassen, als beim Vorentscheid die Ergebnisse angezeigt wurden und 37 Prozent der Stimmen uns galten. Ich dachte: „Was zum Teufel?! Finnland, bist du dir sicher, dass Europa bereit für uns ist?“ Na ja, jetzt fahren wir eben hin.

Wer hat euch dazu gebracht, sich für den ESC zu bewerben?

Pertti ist ein riesiger ESC-Fan – er liebt dieses Spektakel. Unser Manager fragte uns eines Tages, ob wir bei der finnischen Vorauswahl mitmachen wollen. Die anderen waren sofort Feuer und Flamme, ich habe gezögert. Wie passen Punkrock und der ESC zusammen? Aber dann habe ich gesagt: „Lasst es uns versuchen und schauen, was passiert.“

Die Tage bis zur Show sind gezählt. Mit welchen Gefühlen steigst du in den Flieger nach Wien?

Ich fühle mich, als sei ich das Eigentum Finnlands, oder sogar ganz Europas. Ich habe jetzt so viel Verantwortung: für die Band, das Plattenlabel, unsere Heimat. Wir stehen extrem unter Druck. Jeder hat riesige Erwartungen an uns. Das ist beängstigend, denn ich möchte niemanden enttäuschen – weder die Finnen noch meine Bandkollegen. Ich will, dass der ESC für alle eine gute Erfahrung wird. Ganz Europa hat seine Augen auf uns gerichtet. 200 Millionen Menschen schauen zu! So etwas bin ich nicht gewöhnt.

Hast du dir die Songs der anderen ESC-Teilnehmer schon angehört?

Dazu hatte ich noch keine Zeit, die vergangenen Wochen waren wirklich stressig. Wir konzentrieren uns auf unsere eigene Musik. Wir sind keine Band, die nur mit dem Vorsatz gegründet wurde, zum ESC zu fahren und ihn zu gewinnen. Wir spielen nun schon seit sechs Jahren zusammen und machen das hauptsächlich für uns selbst. Die anderen Teilnehmer lernen wir dann bei den Proben kennen. Ich möchte mich mit allen gut verstehen, damit wir vielleicht auch irgendwann einmal in ihrem Land Konzerte geben können.

Kennt ihr eigentlich euren Landsmann und ESC-Gewinner Lordi persönlich?

Wir haben uns bei einem Konzert in Rovaniemi, einer Stadt im Norden Finnlands, getroffen. Er kam zu uns auf die Bühne und spielte einen unserer Songs mit uns. Ich habe ihn hinterher gefragt, wie lange er für seine Verkleidung braucht – fast vier Stunden! So viel Aufwand für einen Song, der 40 Sekunden dauert …

Hast du ihn um Tipps für den ESC gebeten?

Nein. Komischerweise fragen uns ständig Leute, ob wir „den Lordi“ machen werden. Hallo? Wir sind PKN! Wir werden uns keine in Kostüme anziehen. Nein, danke.

Viele Medien betonen, dass ihr geistig behindert seid. Nervt dich das?

Ich hasse es. Wir sind einfach vier Musiker, die Rock’n’Roll lieben: Ich bin Sami, Kari ist Kari, Pertti ist Pertti, Toni ist Toni. Okay, wir alle haben eine geistige Behinderung – aber das müsst ihr mir doch nicht immer wieder unter die Nase reiben! Warum kann unsere Musik nicht für sich stehen? Die Leute mögen uns für unsere Lieder, nicht unserer Behinderung wegen. Wichtig ist doch allein, dass es eine Punkrockband geschafft hat, sich für den ESC zu qualifizieren. Und überhaupt: Welcher der Teilnehmer ist schon „normal“?

Einige Leute wählen euch vielleicht trotzdem, um ein politisches Zeichen zu setzen.

Sie können denken und machen, was sie wollen. Ich bin einfach ich – und verfolge keine Mission.

In Deutschland wird viel über das Für und Wider von Inklusion in Schulen diskutiert. Wie stehst du dazu?

In Finnland bin ich auf eine Förderschule gegangen. Aber in den acht Jahren, die ich mit meiner Familie im Ausland gelebt habe – vier in Frankreich und vier in den USA –, wurde ich mit allen anderen Kindern zusammen unterrichtet. Meine Klassenkameraden haben meine Behinderung nie zum Thema gemacht. Wenn du Gleichheit willst, musst du alle Kinder gemeinsam unterrichten. Denn wenn du sie trennst, lernen sie sich nicht kennen und lernen nicht, miteinander umzugehen. Dafür engagiere ich mich auch politisch. Ich möchte nicht, dass irgendjemand gemobbt wird – aus welchen Gründen auch immer.

Zurück zur Musik: Was glaubst du, wie stehen eure Chancen beim ESC?

Puh … keine Ahnung. Auch wenn die Leute sagen, dass sie uns mögen, können sie ihre Meinung immer noch ändern. Warten wir’s ab. Wir versuchen, das Ganze nicht so ernst zu nehmen. Unser Ziel ist es, unter die ersten zehn Plätze zu kommen. Mehr nicht.  


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