Das Punksyndrom

Vier Punkmusiker mit geistiger Behinderung vertreten Finnland beim Eurovision Song Contest 2015 Ende Mai in Wien. Wer sind die vier? Und was bedeutet der unaussprechliche Name ihrer Band Perrti Kurikan Nimipäivät (PKN)? MENSCHEN hat die Musiker vor drei Jahren, als sie außerhalb Finnlands noch kaum jemand kannte, bei einem Filmfestival in Genf getroffen, in dessen Programm ein Dokumentarfilm über sie lief.
 

Anton Sucksdorff

Diese vier sind Pertti Kurikan Nimipäivät (von links): Gitarrist Perrti Kurikka, Bassisit Sami Helle, Frontman Kari Aalto und Schlagzeuger Toni Välitalo

Text Tobias Müller

Als die Sonne am Genfer See untergeht, kann Kari Aalto schon wieder lachen. Lässig steht er im Festivalzelt, der Mund wirkt fast so breit wie der Schirm seiner Mütze. In der Hand schwenkt er Rum, Cola und Minze. "Mojito", ist die knappe Antwort auf die Frage, was er trinkt. Nervös ist der Frontmann nicht. Als das Flugzeug am Morgen in Helsinki abhob, da hatte er Angst. Aber jetzt vor dem Auftritt nicht. Drummer Toni Välitalo dagegen schon. Der Jüngste in der Band, hat Lampenfieber. Er starrt wortlos vor sich hin, nimmt kaum das Premierenpublikum wahr, das langsam eintrudelt. Behutsam legt Kari den Arm um Toni und streichelt über sein Haar.

Dieser Frühlingsabend im April 2012 verspricht einer der bisher größten Auftritte zu werden in der bis dahin dreijährigen Geschichte von Pertti Kurikan Nimipäivät, kurz PKN. In Finnland ist PKN zu diesem Zeitpunkt schon vielen bekannt. Im ganzen Land sind Bassist Sami Helle, Gitarrist Pertti Kurikka, Toni der Schlagzeuger und Sänger Kari, alle zwischen Ende 20 und Mitte 50, bereits in fast allen Städten aufgetreten – meist in kleinen Clubs. Alle vier Punkmusiker haben eine geistige Behinderung: Down Syndrom, Williams- Syndrom, MBD und Intelligenzschwäche, so die Palette der Diagnosen. „Punk Syndrome“ heißt darum der Film, der an diesem Abend auf dem Dokumentarfilmestival im schweizerischen Städtchen Nyon seine internationale Premiere erleben wird. Im Anschluss an die Vorführung ist ein Mitternachtsgig der Helden des Films geplant, in einem alten Gaswerk unten am See.

Pekka Elomaa

Der Weg, der PKN hierher brachte, war lang. Er begann 2004 mit einem Musikworkshop den der Behindertenhilfsverein Lyhty in Helsinki anbot. 2009 entstand daraus die Band. Dass sie ausgerechnet Punk spielen, liegt an Pertti Kurikka. Der Bandsenior, stilecht in Lederkutte gewandet, war in den späten 1970ern einer der Punkrocker der ersten Stunde in Finnland. Seine enthusiastische Art über seinen eigenen Namenstag (finnisch: Nimipäivät) zu erzählen, gab der Band ihren Namen: Pertti Kurikkas Namenstag.

Beim Kennenlernen zelebriert Pertti Kurikka eine Handlung, die er sich irgendwann während seiner Kindheit im Waisenhaus angewöhnte und die er inzwischen bei jedem Auftritt der Band vornimmt: Er untersucht die Schulternähte an Textilien von Menschen, deren Bekanntschaft er macht. Ganz dicht kommen seine dicken Brillengläser, der Zeigefinger fährt konzentriert die Naht entlang, dazu summt er abwechselnd in hoher und tiefer Tonlage. Schließlich der Befund: "Very poisonous", übersetzt Sami Helle, der stoische, freundliche Riese am Bass, der zum Teil in den USA aufwuchs und fließend Englisch spricht. Die anderen lachen. Perttis Eröffnungsritual ist zu einem Markenzeichen der Band geworden.

Nach bislang rund 100 Gigs hat sich die Band inzwischen eine Art Routine erspielt. Neben den Auftritten in Finnland, absolvierte PKN außerdem ein paar Shows in Norwegen und eine kleine Tour in Norddeutschland. Und natürlich die Gigs bei den Filmfestivals, an denen „Punk Syndrome“ gezeigt wird. Immer dabei ist Kalle Pajamaa, selbst ein passionierter Punkmusiker, der einst bei Lyhty als Zivi begann und noch immer dort arbeitete. Seit dem besagten Workshop begleitet er die Band. Heute ist er Manager, Freund und Kassenwart: „Weil die Jungs die gesamte Gage sonst in fünf Minuten verbraten würden."

Handicap und Punkrock: natürlich ist es diese Kombination, die PKN interesssant machen. Doch die vermeintliche Exotik löst sich beim genaueren Hingucken schnell auf. Die Besetzung hat hohen Wiedererkennungswert: Man glaubt sie zu kennen, den charismatischen Frontmann, rauchend, trinkend und die Aufnäher von Motorradclubs auf der Weste spazieren tragend. Den Gitarristen und Kopf der Band, einen hochemotionalen Zweifler, der auf der Bühne mit um so saftigeren Flüchen um sich schmeißt. Den jugendlichen Drummer, Anarcho-A´s und Killernieten auf der Jacke, die den Begriff "martialisch" neu definieren, und gleichzeitig die Freundlichkeit in Person. Und dann dieser gewaltige Bassist mit seinem notorischen Basecap, der kein Stück nach Punk aussieht und in der Band spielt, weil er ein guter Kumpel ist.

Kalle Pajamaa

Der 85 minütige Dokumentarfilm über die PKN folgt den Vieren in den Proberaum und auf Tour, zeigt sie auf Geburtstagsfeiern und im Supermarkt. Die Musiker verlieben sich, sie lachen und streiten, und letzteres gar nicht wenig. Vor allem Bassist Sami und Sänger Kari kultivieren ihre Hassliebe. Genau hier liegt ein Schlüsselmoment, denn die Leitung des Wohnheims, in dem sie leben, schickt sie immer zusammen zu Aktivitäten. Es ist der dramatische Höhepunkt des Films, als der impulsive Kari ausrastet: „Sie zwingen mich, überall mit Dir hin zu gehen. Eines Tages jage ich das Wohnheim in die Luft!"

Als Pertti Kurikan Nimipäivät nach dem Film vor das Publikum treten, schlägt ihnen Jubel entgegen. Drummer Toni hat seine Nerven bezwungen und ist sichtlich entspannt. Samis Englisch ist gefordert, all die Fragen zu beantworten. Irgendwann aber ist klar, dass sie jetzt lieber spielen würden als weiter zu reden. Und so kommt es. Auftritte um ein oder zwei Uhr nachts, sagt Kalle der Manager, sind in Finnland keine Seltenheit. Viel früher wird es auch in Nyon nicht. Die Lieder sind klassische Zweiminüter im Stil der frühen Ramones. Sie handeln von „Sechs Tassen Kaffee", Helsinkis Kultquartier Kallio und Politikern, die sich nicht um die Probleme Behinderter kümmern. Eine Melange aus Wut, Spaß und so viel Schweiß, dass Kari nach der letzten Zugabe mit nacktem Oberkörper abtritt. 

Im Backstageraum ist die Erschöpfung greifbar. „Manchmal ist es schon anstrengend auf Tour", sagt Bassist Sami Helle, der sich, wie die anderen auf einem weichen Sofas lümmelt. „Aber mit unseren Fans zusammen zu sein, ist phantastisch. Ich bin glücklich mit dem Leben, das ich habe." Womit er nicht allein die Auftritte meint. Wenn sie nicht auf der Bühne stehen, arbeiten die Mitglieder von PKN bei Kulturworkshops von Lyhty mit. Das sichert den Musikern ein Einkommen und macht ihnen Spaß. Von Theater bis Internetradio reicht das Workshop-Angebot von Lyhty. Mit Ausnahme von Toni, der noch bei seinen Eltern wohnt, haben alle ihre Erfahrungen mit Jobs, bei denen man „drei Euro am Tag" verdient. Kari putzte einen Kindergarten, Pertti sortierte Schrauben, und Sami verdingte sich in einer Fabrik. „Dahin will ich nie wieder zurück", sagt er.

Am nächsten Morgen dauert es, bis die Band in die Gänge kommt. Kari und Pertti zollen in ihren Hotelbetten noch dem Rock´n´Roll- Leben Tribut. Unten im Frühstücksraum des Hotels sitzen Bassist Sami und Schlagzeuger Toni, der zur Feier des Tages sein T- Shirt mit dem Logo des New Yorker Punk- Clubs CBGB trägt. Neben ihm sitzt sein Vater, stolz auf seinen Sohn, den er auf fast jedes Konzert begleitet. Ein Ruhetag liegt vor ihnen. Morgen geht es zurück nach Hause, wo schon der nächste Termin wartet: Der jährliche Auftritt am Namenstag Pertti Kurikkas. Und wie sollte die Band, die nach ihm benannt ist, ihn anders begehen, als ein paar befreundete Punkcombos einzuladen und eine krachende Party zu schmeißen?


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