Stimmen im Kopf

Rolf Fahrenkrog-Petersen hört Stimmen und lebt seinen Alltag ohne Medikamente. Geholfen hat ihm ein Film, den er über seine Stimmenwelt gedreht hat. Er will andere motivieren, einen kreativen Umgang mit ihren Wahrnehmungen zu finden.
 

Rolf Fahrenkrog-Petersen (rechts)  bespricht mit den Schauspielern ihre Rollen. Der Stuhlkreis stellt die Konferenz der Stimmen dar, die Bühne im Hintergrund verbildlicht sein Wohnzimmer.

Rolf Fahrenkrog-Petersen liegt auf seinem Bett. Dort hört er meistens die Konferenz der Stimmen in seinem Kopf.

Text: Jenny Becker

Alles läuft nach Plan.

Der ist hilflos, der kann nichts tun.

Am Montag beginnen wir mit der Großoffensive.

Das wird den verrückt machen!

Sie lachen. Sieben Leute sitzen im Stuhlkreis und halten ihre Konferenz ab, wie jeden Samstagvormittag. Eine bissige Frau mit rotem Lippenstift, neben ihr ein breitbeiniger Macho. Sie dominieren das Gespräch und diskutieren lautstark über die Pläne, die sie mit Rolf haben. Der sitzt derweil im Abseits und hört zu. Sie sprechen nie mit ihm, nur über ihn. Rolf hockt nachdenklich in seinem Sessel aus senfgelbem Samt, das Gesicht ist ernst, er schaut auf den Wohnzimmertisch, ohne ihn zu sehen. Der Blick schweift dorthin, wo die sieben Stimmen miteinander streiten.

Rolf Fahrenkrog-Petersen, 58, drückt die Stopptaste. Er lässt die Fernbedienung sinken und die Konferenz verschwindet vom Bildschirm. Es war eine Szene aus dem Film, den er über das gedreht hat, was sich seit zehn Jahren in seinem Kopf abspielt. Rolf hört Stimmen. Jeden Tag. Früher nannte er sie „die Verbrecherbande in meinem Kopf“. Jetzt sitzt er in seinem Wohnzimmer in Berlin, in dem senfgelben Sessel, der als Requisit im Film zu sehen ist und sagt: „Mittlerweile kann ich mit ihnen umgehen.“ Um seine Augen sammeln sich kleine Lachfalten, er lehnt sich zufrieden zurück und zieht an einer Zigarette. Der Rauch schwebt die Wände entlang, die mit selbst gemalten Bildern behängt sind. Grelle Farben, verbogene Formen, auf den meisten prangen Augen. Sie starren von allen Seiten ins Zimmer und verbreiten ein Gefühl permanenter Beobachtung.

Für Rolf Fahrenkrog-Petersen ist es, als wären seine Wände aus Glas, die Stimmen beobachten alles, was er tut. Sie kommen aus der Wohnung über ihm oder von der Straße unter dem Fenster.

Der spielt schon wieder Flipper am Computer!

Der Typ ist lächerlich.

Schämt der sich nicht vor den Nachbarn?

Tut er nicht. Er lädt die Nachbarn regelmäßig zum Kaffeetrinken ein, sie wissen von seinen Wahrnehmungen. „Ich habe aufgehört, mich zu verstecken“, sagt er. „Solange man sich verkriecht, stigmatisiert man sich selbst.“

Rolf Fahrenkrog-Petersen, kantiges Kinn und Schmunzeln im Gesicht, ist oft unterwegs. Er hält Vorträge an Kliniken und in Vereinen, um aufzuklären über den Umgang mit Menschen, die Stimmen hören. Das Phänomen ist weit verbreitet. Bis zu 15 Prozent aller Menschen sollen mindestens einmal im Leben solche Wahrnehmungen haben, so der Betroffenenverein „Netzwerk Stimmenhören“, dessen Vorstandsmitglied Fahrenkrog-Petersen ist. Das Wichtigste sei es, die Menschen ernst zu nehmen – und ebenso ihre Stimmen.

Rolf Fahrenkrog-Petersen sitzt auf der Bühne und beobachtet die Konferenz der Stimmen.

Medizinisch wird das Stimmenhören als akustische Halluzination betrachtet und gilt oft als Symptom einer Schizophrenie oder anderweitigen Psychose. Doch auch durch Überlastungen wie Schlafentzug und Stress kann es kurzzeitig zum Stimmenhören kommen. Manche Ärzte halten biochemische Prozesse im Gehirn für den Auslöser. Man weiß jedoch, dass psychosoziale Faktoren eine große Rolle spielen. Es gibt viele Sichtweisen auf das Phänomen, die genauen Ursachen sind ungeklärt.

„Man muss experimentell arbeiten und neue Wege gehen“, meint Fahrenkrog-Petersen. Es gehe nicht darum, die Wahrnehmungen mit Medikamenten wegzudrücken – bei vielen blieben die Neuroleptika erfolglos. Man müsse einen individuellen, kreativen Umgang finden. Manche verabreden sich zu bestimmten Zeiten mit ihren Stimmen, um den Rest des Tages ungestört zu sein. Fahrenkrog-Petersen drehte einen Film. Es passt zu ihm. Früher war er Schauspieler, stand auf Theaterbühnen und sogar in Hollywood auf dem roten Teppich. Der Kurzfilm „Kleingeld“, bei dem er eine Hauptrolle spielte, war für den Oscar nominiert. Blitzlichtgewitter, Talkshowbesuche. Später das Burnout, die Stimmen und Psychiatrieaufenthalte.

In seinem senfgelben Sessel, umgeben von den bunten Augen an den Wänden, sagt Fahrenkrog-Petersen: „Seit ich meine Quälgeister sichtbar gemacht habe und sie ansehen konnte, finde ich sie eher lächerlich.“ Der Kurzfilm entstand zusammen mit zwei Dokumentarfilmregisseuren der Berliner „Filmarche“, der Dreh wurde von der „Aktion Mensch“ gefördert. Vor dem Casting der Schauspieler saßen die Regisseure Stefan Auch und Bettina Hohorst Stunden lang mit Fahrenkrog-Petersen zusammen und brüteten über den Fragebögen für die Figurenentwicklung. „Dadurch habe ich mich endlich intensiv mit den einzelnen Stimmen beschäftigt und viel über sie gelernt. Sie sind menschlicher geworden und weniger machtvoll.“

Dieser Drecksack dreht jetzt sogar einen Film.

Was?! Dann müssen wir abwarten und weiter beobachten.

Es ist der falsche Zeitpunkt für die Großoffensive. Aber wir kriegen ihn.

Rolf Fahrenkrog-Petersen zeigt Fotos, die für das Filmprojekt entstanden sind.  Mit verschiedenen Ausdrücken hat er die Charaktere der einzelnen Stimmen dargestellt.

Der Film spielt in einem Theater. Roter Samtvorhang, Stühle und Sofas für die Konferenz, leere Zuschauerreihen. Fahrenkrog-Petersen sitzt manchmal in seinem Sessel, doch er tritt zunehmend als Regisseur auf. Mit seinem Tagebuch in der Hand, in dem er seit Jahren aufschreibt, was die Stimmen ihm unterstellen, steht er im Raum und gibt den Darstellern Anweisungen, wie sie auftreten sollen oder wo eine Beschimpfung stärker sein muss. Er hat die Situation in der Hand, im Film und dadurch auch im Alltag. Er schaut jetzt anders auf seine Stimmenwelt. Sie ist zwar noch da, aber sie steht nicht im Vordergrund.

Der kann uns hören!

Wieso kann der uns hören?

Das darf nicht sein.

Es klappt nicht mehr, ihn zusammen brechen zu lassen!

Verdammt, was ist da los?

Wenn Fahrenkrog-Petersen bei seinen Vorträgen von dem Filmprojekt erzählt, wirkt er befreit und gut gelaunt. Der Film soll auf Festivals gezeigt werden, um Menschen zu erreichen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Danach wird er dem „Netzwerk Stimmenhören“ und anderen Vereinen zur Verfügung gestellt. Das Team hat einen Spendenaufruf gestartet, um die Postproduktion zu finanzieren, damit der Film bis zum Herbst technisch nachbereitet und fertig gestellt werden kann. Rolf Fahrenkrog-Petersen kann sich jetzt auch vorstellen, irgendwann wieder als Schauspieler zu arbeiten. Oder Seminare zu geben, in denen Menschen ihre Stimmen auf der Bühne inszenieren.

 

Wer die Fertigstellung des Films unterstützen möchte, kann hier spenden:

Netzwerk Stimmen hören e.V.
Bank für Sozialwirtschaft
Kontonummer: 3310501
IBAN: DE 04100205000003310501
BIC: BFSWDE33BER
Stichwort: Filmprojekt Stimmenhören


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