Pures Glück zum Anziehen

Die Nürnberger Künstlerin Eva Brenner ist der kreative Kopf des Vereins einfachLEBEN, der maßgeschneiderte Mode für Menschen mit und ohne Behinderung anbietet – und auch sonst so Einiges bewegt.

Text Dagmar Puh
Fotos Michael Zirn

Dass ein Tag nur 24 Stunden hat, ist für Eva Brenner ein echtes Problem. Denn um alle Ideen zu verfolgen, die sie so im Kopf hat, bräuchte die Nürnbergerin mindestens das doppelte Zeitbudget. Als freischaffende Künstlerin realisiert sie zahlreiche Projekte, setzt sich in ihrer Region mit viel Engagement für mehr Inklusion ein – und kreiert fast schon nebenbei aufregende und zugleich tragbare Mode, die international preisgekrönt ist. Gleich mit ihrer ersten Kollektion belegte Brenner 2011 den zweiten Platz beim Bezgraniz Couture Award in Moskau, dem weltweit renommiertesten Preis für inklusive Mode. Weitere Auszeichnungen folgten. Inzwischen arbeitet sie schon an der vierten eigenen Modelinie und entwirft außerdem individuelle Maßkleidung für Kunden mit und ohne Behinderung. Ihr kleines Modelabel hat Eva Brenner Pure Suit of Happiness, zu Deutsch: Reiner Anzug des Glücks, getauft. Eine Anspielung auf den Pursuit of Happiness, das Streben nach Glück, das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung garantiert wird. In dem Namen spiegelt sich auch das aktuelle Lebensgefühl der Fränkin: „Ich bin total zufrieden und fühle mich privilegiert, weil ich genau das machen kann, was mir wirklich am Herzen liegt.“

Behinderung als Wegweiser zum Erfolg

Das war nicht immer so. 1983 erkrankte Eva Brenner an Multipler Sklerose. Das Fortschreiten der Krankheit schränkte sie mehr und mehr in ihrer Mobilität ein und zwang sie dazu, sich auch beruflich ständig neu zu orientieren. Erst musste die gelernte Damenschneiderin und Kostümbildnerin ihren Job als Gewandmeisterin am Theater Erlangen aufgeben, dann ihren Lehrauftrag an der Berufsfachschule für Damenschneider beenden, weil das Haus nicht barrierefrei war. Auch die freie Arbeit als Kostümbildnerin wurde bald zu anstrengend. Daraufhin studierte Brenner an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. „Aus heutiger Sicht würde ich sagen, die Behinderung hat mir den Weg gewiesen und mich quasi zu meinem Glück gezwungen“, meint Brenner. „Aber damals war ich irgendwann wirklich verzweifelt. Ich saß allein in meiner kalten Wohnung, hatte keinen Job, kein Geld, und die einzige Perspektive schien der Umzug in ein Pflegeheim zu sein.“

Die Wende brachte ein Aufenthalt in Indien, zu dem eine Freundin Brenner bewegt hatte. Die Auszeit half ihr, wieder ihre Möglichkeiten in den Blick zu nehmen, statt sich auf Probleme zu konzentrieren. Zurück in Deutschland ging sie daran, sich den passenden Rahmen für ein selbstbestimmtes, kreatives Leben zu schaffen. Der wichtigste Baustein dabei: die persönliche Assistenz, die Eva Brenner seit 2007 in Anspruch nimmt. „Es war und ist schon ziemlich aufwendig, das zu organisieren“, sagt sie. „Aber man fuchst sich rein, und ich kann jedem Menschen mit Behinderung, der persönliche Assistenz möchte, nur raten, sich da ranzutrauen.“

Dindl aus Saris

In den letzten Jahren hat die Künstlerin mit einer ganzen Reihe von Ausstellungen und Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Aktuell entsteht eine große Skulpturengruppe auf der Basis von Röntgenbildern. Und natürlich geht es immer wieder um Mode: So entwarf sie eine Dirndlkollektion aus indischen Seidensaris, luftige Sommerkleider aus traditioneller Khadi-Baumwolle, schlicht-raffinierte Umhänge, die sowohl Rollstuhlfahrern als auch Fußgängern stehen. In diesem Jahr experimentiert die Modeschöpferin mit Jeansstoffen und Reflektorbändern. „Ich bin halt ein Materialfreak“, sagt sie lachend.

Eine Einzelkämpferin ist Eva Brenner dagegen nicht. 2010 hat sie mit einem kleinen Kreis von Gleichgesinnten einfachLEBEN e. V. gegründet. Der Verein hat sich die „Förderung des guten und schönen Lebens für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ zum Ziel gesetzt. Dabei spielt, davon ist Eva Brenner überzeugt, individuelle Kleidung, mit der ihre Träger ihr Selbstbild nach außen transportieren können, eine wichtige Rolle.

Was muss man tun, wenn man sich das „pure Glück“ von ihr auf den Leib schneidern lassen will? „Einfach einen Termin vereinbaren. Dann klären wir bei einem ersten Gespräch, welche Vorstellung der Kunde hat, ob und wie sie sich realisieren lässt, welche Materialien dazu passen“, so Brenner. Zwei Anproben später ist das persönliche Traummodell fertig. Meist geht es nicht um Alltagskleidung, sondern um Mode für spezielle Anlässe. Auf Funktionalität achten viele Kunden deshalb zunächst weniger. Diesen Aspekt haben dafür Eva Brenner und ihr Team im Blick – schließlich soll das Hochzeitskleid im Rollstuhl nicht nur super aussehen, sondern auch bequem sowie leicht an- und auszuziehen sein.

Egal, ob Maßanfertigung oder Haute Couture: Alle Modelle werden von einem inklusiven Team geschneidert. Denn einfachLEBEN hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen die Möglichkeit zu geben, gemäß ihren Beruf(ung)en tätig zu sein.


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