Die Gebärdenlehrerin

Emily ist 13 – und in ihrer niederländischen Heimat bereits eine bekannte Medienpersönlichkeit. Jeden Tag stellt sie im Internet eine Gebärde vor und bringt Tausende von Menschen dazu, Gebärdensprache zu lernen. Wie macht sie das? Und weshalb?
 

Zwei, die sich gut verstehen: Emily und ihre neunjährige Schwester Annika verständigen sich mit Gebärden.

Text: Dagmar Puh 
Fotos: Malou van Breevoort
 

Von Emilys Follower-Zahlen auf Facebook können manche Promis nur träumen: Über 35.000 Menschen folgen der Seite, auf der die 13-jährige Niederländerin jeden Tag in einem Video „Het gebaar van de dag“ – die „Gebärde des Tages“ – vorstellt. Ihre Fans nutzen die Filme, um Grundbegriffe der niederländischen Gebärdensprache zu lernen. „Wir gebärden in der Familie, weil meine kleine Schwester Annika, die das Downsyndrom hat, nicht sprechen kann“, erzählt Emily. „Sie versteht zwar, was wir sagen, kann aber nicht in Lautsprache antworten. Deshalb war es früher manchmal schwierig, sich zu verständigen, und Annika war oft frustriert."

Emily zeigt in ihren Videos klar und deutlich die wichtigsten Gebärden, hier das Wort „schön“.

Jeden Tag ein neues Wort

Auf Anregung ihrer Logopädin begann die Familie deshalb zu gebärden und lernte jeden Tag ein neues Wort. Damit Annika sich auch mit Menschen außerhalb des engsten Familienkreises austauschen kann, beschlossen Emily und ihre Mutter, von jeder Gebärde kleine Videos aufzunehmen und via Facebook mit Freunden und Verwandten zu teilen. Die Empfänger waren begeistert, teilten ihrerseits die Seite – und schon war aus dem Familienprojekt ein Medienphänomen geworden.

Seit im Dezember 2013 das erste Video online ging, hat Emily mehrere Hundert Gebärden vorgestellt. Diese Routine sieht man ihr an. Ruhig und konzentriert steht das Mädchen vor der Kamera. Sie sagt, um welchen Begriff es heute geht, und zeigt klar und deutlich die entsprechende Gebärde. Als zusätzliche Unterstützung für die Zuschauer hält sie anschließend noch eine Karte ins Bild, auf der der Begriff als Wort und als Zeichnung zu sehen ist.

Jeder Spot dauert etwa eine Minute – und es steckt eine Menge Arbeit darin. „Zuerst denkt sich meine Mutter einen Begriff aus und kopiert aus einem Gebärdenbuch für Kinder die passenden Seiten“, schildert Emily. „Die schicken wir dann an eine Logopädin, die die Bild- und Wortkarten für die Videos macht. Ich schaue mir in der Zwischenzeit in der Datenbank des niederländischen Gebärdenzentrums an, wie die Gebärde ausgeführt wird. Dann machen wir den Film und zeigen ihn einer Gebärdensprachdozentin. Sie sagt mir, ob alles richtig ist oder ob ich noch etwas ändern muss. Wenn alles okay ist, lädt meine Mutter das Video hoch.“

Viel Arbeit, viel Anerkennung

Zwei bis drei Stunden pro Woche investieren Emily und ihre Mutter in die Filme. Mühe, die sich lohnt, denn „Het gebaar van de dag“ bringt ganz handfest die Inklusion voran. „Wir bekommen viel Lob, und die Leute erzählen uns, warum sie mitmachen“, sagt Emily. „Manche finden es einfach toll, jeden Tag eine neue Gebärde zu lernen. Andere haben Kinder oder Freunde mit einer Behinderung oder sind selbst gehörlos. Es gibt sogar Lehrer, die die Filme in ihrem Unterricht einsetzen. Und ein gehörloser Mann hat uns geschrieben, dass er sich mit Hörenden unterhalten hat, die durch unsere Filme gebärden gelernt haben. Das ist doch super!“

Dieser Meinung ist auch der niederländische Gehörlosenbund – und zeichnete Emily mit seinem Jahrespreis 2015 aus. Eine Riesenüberraschung und ein weiterer Ansporn für sie. „Ich möchte, dass so viele Leute wie möglich gebärden lernen“, sagt Emily. „Dann können Menschen mit Behinderung viel besser überall mitmachen. Außerdem macht gebärden Spaß und ist gut für die Entwicklung. Eigentlich sollte jeder es schon in der Schule lernen.“ Ein Wunsch, aus dem Wirklichkeit werden könnte: Emily möchte später Lehrerin werden.


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