Allah kennt alle Sprachen

Mit seinem Verein Deaf Islam engagiert sich der Gebärdendolmetscher Ege Karar für die Teilhabe gehörloser Muslime am reliösen Leben ihrer Gemeinde.

Ege Karar (rechts) im Gebärdengespräch mit einem Muslim in einer Moschee

Ege Karar

Text Claudia Mende
Fotos Gudrun Petersen

 

Ege Karar hebt die Arme und führt die Hände über dem Kopf zusammen. Seine Fingerspitzen berühren sich beinahe. Es ist eine einfache Geste, aber sie wirkt. Ege Karar ist gehörlos, ein lässiger Typ mit Bart in Jeans und Pullover. Schlagartig verstummen Gelächter und Pausengespräche. Karar hält eine Fortbildung für  Gebärdensprachdolmetscher. "Deaf Train" nennt sich dieses Programm. Unter seiner Anleitung sollen sich die Übersetzer aus der Welt der Hörenden in die Lage gehörloser Migranten einfühlen.

Ege Karar hat türkische Wurzeln, seine Eltern kamen 1972, im Jahr der Olympischen Spiele, nach Deutschland. Beide sind gehörlos. In Ankara geboren und in Stuttgart aufgewachsen, erhielt er seine schulische Ausbildung in einem katholischen Internat für Gehörlose in Schwäbisch-Gmünd. Nach dem Berufskolleg in Essen wollte Karar an einer Universität weiter lernen. Für Gehörlose ist das bis heute alles andere als selbstverständlich. Oft rät man ihnen zu Berufen, wie Zahn- oder Vermessungstechniker, auch wenn sie das gar nicht interessiert. Karar aber ließ sich nicht beirren. Er ging an die Fachhochschule Potsdam und studierte dort Sozialpädagogik. Ohne seine Energie und seine ausgeprägte Hartnäckigkeit hätte er es nicht geschafft. „Vorher war ich nur mit Gehörlosen zusammen. An der Fachhochschule unter Hörenden zu sein, das war vollkommen neu für mich.“ Er musste ein Jahr lang um Gebärdendolmetscher kämpfen, immer wieder wurden seine Anträge abgelehnt. Niemand außer ihm hatte einen Migrationshintergrund. „Das war wirklich hart“, sagt er rückblickend.

Gebärdensprache ist keine Pantomime, kein Notbehelf, um sich in der Welt der Hörenden zu verständigen. Für viele Gehörlosen ist es ihre Muttersprache. Sie verstehen sich nicht als Behinderte sondern als eine Minderheit mit eigener Sprache und Kultur. In ihrer Sprache duzt man sich und berührt sich mehr als unter Hörenden. Das gilt für alle Gehörlosen, egal aus welchem Teil der Welt sie stammen.

Doch auch unter den Gehörlosen in Deutschland gibt es eine Minderheit, die um Akzeptanz kämpft: In der „Welt der Stille“  bestehen  Vorbehalte gegenüber jenen Gehörlosen, die als Muslime einer anderen Religion angehören. „Warum isst du denn kein Schweinefleisch, das schmeckt doch so gut?“, fragten die Mitschüler den kleinen Ege im Internat für Gehörlose. „Du bist so kompliziert“.  Er habe dann oft ahnungslos die Wurst gegessen. „Mir wurde einfach Schweinefleisch untergejubelt, ohne dass ich es bemerkt habe.“

Die Gebärdensprache verlangt Körpereinsatz

Am Ende hat es aber geschafft. Heute besitzt der 39-jährige verheiratete Vater von zwei Kindern einen Abschluss als Diplom-Sozialpädagoge einer deutschen Universität. Für die schätzungsweise zwischen 2000 und 3000 gehörlosen Muslime in Deutschland gibt es bisher noch zu wenig Unterstützung. Sie sind eine Minderheit innerhalb der Minderheit der Migranten und mit ihren Anliegen noch kaum in der Öffentlichkeit präsent. Um die gesellschaftliche Teilhabe von gehörlosen Muslimen vorantreiben hat Karar 2010 den Verein Deaf Islam gegründet: „Wir kämpfen mit genau den gleichen Problemen wie die anderen Gehörlosen – und haben noch ein paar mehr dazu." Als Muslime werden sie auch in den islamischen Gemeinden nicht immer für voll genommen. Es sind weniger die Imame, als die Familien, die meinen, Gehörlose hätten nicht die religiöse Pflicht, im Monat Ramadan zu fasten. Das gehört aber zu den Kernpflichten eines gläubigen Muslims. „Moment mal, wer sagt das denn eigentlich?“, fragte sich Karar schon als Heranwachsender. Von klein auf ist er mit seinem gehörlosen Vater in die Moschee gegangen und hat versucht, so viel wie möglich von den Lippen des Imams abzulesen. Als er mitbekam, dass  Gehörlose nicht die gleichen Pflichten haben sollten wie die Hörenden war das „für mich ein kleiner Schock, das ist ein Stück Diskriminierung.“  Dieses Vorurteil halte sich hartnäckig „dabei steht davon im Koran nichts“, sagt Karar. „Allah weiß doch, dass wir alle gleich sind."

Die Gehörlosen wollen am Freitagsgebet in der Moschee und am sozialen Leben in den Gemeinden teilhaben. Bis jetzt gibt es noch keine Übersetzungen der Predigt für sie.  Karar will das ändern, trotz der enormen Hindernisse. Die Imame sprechen in der Regel türkisch oder arabisch. Gebärdensprachdolmetscher sollten diese Sprachen beherrschen, denn die Sprachen der Gehörlosen haben genauso ihre nationalen Ausprägungen wie die Lautsprachen, es gibt sogar Dialekte.  Abgesehen vom fehlenden Budget sind Gebärdensprachdolmetscher für Türkisch und Arabisch ausgesprochen selten, weil ein eigener Ausbildungsgang in Deutschland fehlt. Die meisten von ihnen – fast 90 Prozent – sind weiblich. Eine Frau, die in der Moschee die Predigt des Imam übersetzt? Das ist zurzeit kaum vorstellbar. Überhaupt werden gehörlose junge Frauen und Mädchen besonders benachteiligt. Viele Eltern, ob konservativ oder liberal, arrangieren für ihre gehörlosen Töchter Ehen mit hörenden Partnern. Sie tun dies oft gegen den Willen ihrer Töchter in dem Glauben, auf diese Weise deren Zukunft zu sichern.

Es gibt jedoch auch Erfolge:  Eine Koranausgabe in Gebärdensprache soll in Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland entstehen. Und zum ersten Mal gab es in 2013 beim Tag der offenen Moschee am 3. Oktober in einigen Gemeinden eine Übersetzung für gehörlose Besucher.

Auch im Alltag fehlen geeignete Dolmetscher für Migranten mit türkischen oder arabischen Wurzeln. Wie alle Gehörlosen in Deutschland, deren Aufenthaltsstatus gesichert ist,  haben sie nach § 9 des Sozialgesetzbuchs ein Anrecht auf die Begleitung durch einen Gebärdensprachdolmetscher bei Behördengängen und Arztbesuchen.

 Teamsitzung mit den Kollegen

Welche interkulturellen Hürden es bei solchen alltäglichen Situationen zum Beispiel in einer Behörde geben kann, lernen die Dolmetscher bei Angeboten des „Deaf Train“ –Programms. Zum Beispiel in einem Rollenspiel. Eine Teilnehmerin sitzt an einem Tisch. Sie stellt eine Sachbearbeiterin in einer Behörde dar, neben ihr sitzt „der Dolmetscher" und ihr gegenüber spielt ein weiterer Teilnehmer den gehörlosen Migranten, der Probleme mit seinem Antrag auf Wohngeld hat. Der Dolmetscher bemüht sich, die Sachbearbeiterin zu übersetzen, scheitert aber an kulturellen Grenzen. Der Dolmetscher übersetzt die deutsche Redewendung ‚oh mein Gott‘ mit nach oben geöffneten Handflächen. Der Migrant versteht zwar das Wort „Gott“, weiß aber nicht, was der Allerhöchste mit einem Formular für eine Behörde zu tun haben soll. Er ist irritiert. Außerdem schaut er der Sachbearbeiterin nicht in die Augen, weil das nicht seiner Kultur entspricht, was diese wiederum für unhöflich hält. Interkulturelle Kompetenz für Gebärdensprachdolmetscher ist ein bislang noch kaum bearbeitetes Feld. 

Mit seinem Engagement hat Karar einen Nerv getroffen. 2013 hat der Verein Deaf Islam mit seinen inzwischen rund 50 Mitgliedern bundesweit den ersten Preis des Netzwerks junger Muslime „Zahnräder“  erhalten. „Danach haben wir  viele Anfragen aus den Moscheevereinen erhalten", sagt Karar. „Wir werden deutlich besser in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Viele junge Muslime wollen jetzt die Gebärdensprache lernen.“

Karar hat auch persönlich noch viel vor. Er arbeitet an seiner Promotion am Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Gestik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Universität in Aachen. Im 2. Stock eines älteren Gebäudes gegenüber dem Theater wird bereits vorgelebt, wie sich Gehörlose ihre Zukunft in der Gesellschaft vorstellen. Ein gleichberechtigtes Team aus Gehörlosen und Hörenden, die die Gebärdensprache beherrschen, arbeitet daran, Barrierefreiheit an der Universität und in der Gesellschaft voranzubringen. Im Flur hängen die Bilder von gehörlosen Gelehrten, wie der Mathematikerin Charlotte Angas Scott (1858-1931), dem englischen Astronomen John Goodricke (1764 – 1786) oder und dem Linguisten Christian Rathman aus Hamburg, dem derzeit einzigen Gehörlosen mit einer Professur an einer deutschen Universität. Hier entstehen auch Videos für barrierefreie Internetseiten von Behörden und öffentlichen Einrichtungen. Vor der Kamera baut Ege Karar mit seinen klaren Gesten Brücken in die Welt der Hörenden. „Vor Allah sind alle Menschen gleich“, glaubt Karar und hofft: „Eines Tages werden auch gehörlose Muslime selbstverständlich alle Möglichkeiten dieser Welt leben.“  


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