Wenn alles zusammenkommt

Sie hat einen Job, einen Freund, einen seltenen Gendefekt und einen „Bambi“ im Regal: Zehn Jahre nach ihrem sensationellen Fernsehdebut steht Denise Marko fest im Leben.
 

Auf ein gepflegtes Äußeres legt Denise Marko viel Wert.

Text und Fotos Andreas Unger

Man könnte das Ungewöhnliche ja erstmal weg lassen und mit dem Alltäglichen beginnen. An einem Samstagmorgen sitzt eine junge Frau von 23 Jahren im Esszimmer ihrer Eltern neben ihrem Freund. Beide berichten vom ganz normalen Wahnsinn in ihrem Alter, wenn alles zusammenkommt: Ausbildung, Vollzeitjob, Weiterbildung, Haus bauen, Zukunft planen. Michael steht samstags um Viertel nach fünf Uhr auf, um zu seiner Weiterbildung zum technischen Fachwirt zu fahren. Tagsüber arbeitet er als Netzwerkadministrator, zum Lernen kommt er spät abends und wochenends. Seit Denise Marko ihre Weiterbildung zur Personalfachwirtin bestanden hat, darf sie am Wochenende ausschlafen. Doch unter der Woche arbeitet auch sie Vollzeit als Personal-Sachbearbeiterin in einem Unternehmen. Und behält zudem beim Hausbau alle Fäden in der Hand: holt verschiedene Angebote ein, vergleicht, verhandelt, telefoniert, verhandelt nach, vereinbart Termine mit den Handwerkern, überweist Honorare. Michael, gelernter Elektriker, kümmert sich derweil ums Praktische. Ein geräumiges, helles, offenes Haus wird es werden, inklusive zweier Kinderzimmer.

Unterwegs zur Arbeit: Denise steuert ihren Wagen selbst.

Alles ganz normal also. Doch es gibt nicht wenige Menschen, die sich sehr für diese Normalität interessieren. Sie folgen Denise auf Facebook, Instagram und Snapchat, wollen wissen, was sie von ihrer Beinprothese hält, wie sie ohne Arme Auto fährt (sie lenkt mit einem Joystick), wie sie im Büro zurechtkommt (voll und ganz – sie benutzt zum Tippen und Schreiben ihren rechten Fuß) oder einfach nur, wie der Kurzurlaub mit Michael in Hamburg war. Darunter sind Menschen, die durch einen schweren Unfall ihre Beine verloren haben oder mit anderen Schicksalsschlägen umgehen müssen. „Du gibst uns Kraft“, „Du hast uns durch eine schwere Zeit geholfen“, so lauten Nachrichten an sie. Das macht Denise Marko froh. 

Sie ist mit einem seltenen Gendefekt auf die Welt gekommen, der bewirkt, dass sie nur einen Fuß und keine Arme hat. Dass dies der Grund dafür ist, dass sie ihren Freund kennen gelernt und als Schauspielerin einen Bambi gewonnen hat, ist dann der etwas weniger alltägliche Teil der Geschichte. Eines Tages in den Sommerferien 2005 klingelte das Telefon, elf Jahre war Denise damals alt. Eine Produktionsfirma suchte eine junge Schauspielerin für den Film „Contergan“. Das gleichnamige Beruhigungsmittel, das werdende Mütter ab Ende der Fünfziger Jahre einnahmen, bewirkte bei manchen von ihnen, dass ihre Kinder mit Fehlbildungen an den Extremitäten zur Welt kamen. Die Produktionsfirma suchte nach einem Kind, das ähnliche Merkmale aufwies, und war durch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderung auf Denise gestoßen.

Denise und ihr Freund Michael. Aus Chatten wurde Liebe.

Er sah Fotos von ihr auf der Bambi-Gala.
 

Ein paar Wochen später kamen der Regisseur Adolf Winkelmann und Denises Filmeltern, die Schauspieler Benjamin Sadler und Katharina Wackernagel, vorbei, um sich vorzustellen. Ein paar Monate danach ging es los. Einfach so? „Einfach so“, sagt Denise Marko. Ihren Text sollte sie vorab nicht kennen. „Sonst hätte ich vor der Kamera womöglich verkrampft gewirkt und hätte gesprochen wie auswendig gelernt.“ Stattdessen setzten sich Schauspieler und Regisseur vor jeder Szene zusammen und besprachen, worum es gleich gehen würde. Anschließend ein Probedurchgang ohne Kamera, dann einer mit.

Für die Leistung der begabten jungen Schauspielerin gab es einen Bambi, der jetzt in Denises Regal steht. Zudem gewann der Film die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis. In Denise wuchs der Wunsch, Schauspielerin zu werden. Doch erstmal wollte sie ihren Realschulabschluss machen. Mit 16 hatte sie ihn in der Tasche, doch die Schauspielschulen akzeptieren nur Bewerber ab 18. Zudem verlangen die meisten hohe Schulgebühren. Selbst ihre erfolgreichen Kollegen warnten: "Die Schauspielerei ist ein hartes Brot". Was für Denise noch dadurch erschwert würde, aufgrund ihrer Behinderung ein sehr schmales Segment zu besetzen. Also entschloss sie sich zu einer Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation. Nachdem sie diese erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde sie von ihrer Firma übernommen.

Sie und Michael haben sich in einem Chat kennengelernt. Er sah Fotos von ihr auf der Bambi-Gala: Denise neben Tom Cruise, Sophia Loren, Heiner Lauterbach. Und schrieb ihr, wie bewundernswert er es fände, wie sie mit ihrer Behinderung umgehe. Ein erster, zaghafter Dialog begann: "Wie geht’s? Was machst du?" Normalerweise reißt der Faden dann ja schnell ab. Einer antwortet nicht, und beide ziehen weiter. "Aber bei uns nicht“, sagt Denise, und Michael fasst zusammen: „Irgendwie hat das gepasst.“ Immer häufiger chatteten sie, mehr als ein Jahr lang, immer besser lernten sie sich kennen.

Das Paar in dem Rohbau seines zukünftigen Hauses.

"Ich mag es nicht, wenn meine Behinderung für andere unangenehm ist."
 

Eines nachmittags setzte er sich ins Auto und fuhr vom anderthalb Stunden entfernten Kempten zu ihr. Eigentlich wollte er nur bis abends bleiben, und blieb bis ein Uhr nachts. Der erste Kussversuch: „Ich war so perplex, dass ich mich weggedreht habe“, erinnert sich Denise. Zweiter Kussversuch eine Woche später: Eine Freundin der Mutter schneit herein. Dritter Versuch beim Film gucken im Wohnzimmer: Seitdem sind die beiden ein Paar.

Beim Umgang mit ihrer Behinderung ist Denise Marko ziemlich robust. Einfache Missverständnisse oder Tollpatschigkeiten fechten sie nicht an. Wie die Bekannte, die fragt, ob sie eine Handcreme habe – kein Problem, und ja, sie hat eine Handcreme, klar, kein Grund zur Panik. Oder Leute, die ihr die Hand geben wollen, dann aber blitzschnell zurück zucken und sich in Grund und Boden schämen. Denen reicht sie einfach ihren Arm. „Ich löse das ganz einfach auf, denn ich mag es nicht, wenn meine Behinderung für andere unangenehm ist. Passt scho.“ Selbst auf einen Satz, wie: „Ist das behindert“ reagiert sie gelassen, versteht aber, dass es anderen Menschen mit Behinderung anders geht. Sie wünscht sich, dass die Menschen so ungezwungen auf sie zugehen, wie sie selbst auf andere zugeht. Und wenn mal etwas Unpassendes raus rutscht – Schwamm drüber.

So soll es sein: Michael trägt Denise auf Händen.

Über dumme Aussprüche („Ärmchen“) und Fragen wie „Kaufst du nur einen Schuh und zahlst du nur die Hälfte?“ wundert sie sich, aber sie verletzen sie nicht. Nur eines versteht sie nicht: Warum manche Erwachsene sie anstarren. Lieber wäre ihr, wenn sie es machen würden wie manche Kinder. Die gehen zu ihr hin und fragen, was mit ihren Armen sei. „Ich bin so auf die Welt gekommen“, sagt sie dann, und damit sind sie zufrieden.

Denise Marko hat sich von ihrem Traum, Schauspielerin zu werden, nicht verabschiedet. Sie hat aktuelle professionelle Fotos für Facebook, Instagram und Snapchat von sich machen lassen, ist bei einer Künstleragentur unter Vertrag. Zuletzt stand sie für eine Video-Reihe der Aktion Mensch mit dem Titel "Wir machens einfach"  vor der Kamera; derzeit arbeitet sie an einem neuen YouTube-Projekt mit der „Aktion Mensch“, das am 5. Mai online geht. Denise Marko hofft, dass die Zeit für ihre Schauspielerei kommen wird. Bis dahin geht es darum, am Ball zu bleiben.


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