Eine Frage der Programmierung

Stephan Heinke ist Programmierer. Dass nach wie vor viele Internetseiten für Blinde und Sehbehinderte nicht zugänglich sind, ärgert ihn. Er will das ändern.

Der blinde Programmiere Stephan Heinke (Mitte) referiert bei einem Workshop über Zweck und Inhalt von digitaler Barrierefreiheit.

Text  Katja Gartz
Fotos  Bernd Lammel

Stepan Heinkes Finger huschen über die Tastatur seines Laptops. Das Smartphone liegt griffbereit daneben. In wenigen Minuten wird der Programmierer die Teilnehmer eines Workshops über barrierefreie Kommunikation im Internet informieren. Die Zuhörer sind Mitarbeiter aus Bezirksämtern und Senatsabteilungen der Hauptstadt. Veranstaltet wird der Workshop vom Blinden- und Sehbehindertenverband Berlin in Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur A Vitamin. Sven Hänszke, Geschäftsführer von A Vitamin, beendet seine Einführung und übergibt an seinen Kollegen Heinkes. „Auch Blinde und Sehbehinderte nutzen das Internet, um sich zu informieren, für soziale Netzwerke, Hörbücher, Bankgeschäfte und um Freizeitaktivitäten zu organisieren“, sagt Heinke und spricht dabei aus eigener Erfahrung. Das Problem sei, dass bisher zu wenige Webseiten für blinde und sehbehinderte Nutzer zugänglich sind. Zu wenige Betreiber achteten auf Barrierefreiheit. Hilfsmittel dagegen existieren schon länger. Dazu zählt etwa der Screenreader, der geschriebene in gesprochene Sprache umsetzt. Um das zu veranschaulichen ruft Heinke eine Webseite auf, aktiviert die Software und macht die Inhalte der Seite so hörbar. Seine Ohren sind geübt, seine Zuhörer dagegen können der hohen Geschwindigkeit der Sprachwiedergabe kaum folgen. Doch auch der Screenreader stößt oft an seine Grenzen. Anhand weiterer Webseiten erklärt der 37-Jährige den Teilnehmern, was eine barrierefreie Webseite ausmacht.

Webseiten müssen per Tastatur, also nicht nur über einen Mouse-Klick, zugänglich und so gestaltet sein, dass es auch für Bilder und Grafiken hinterlegte Beschreibungen gibt. Sie müssen klar strukturiert sein, damit sich die Nutzer leicht auf der Internetseite zurechtfinden. „Wenn die Webauftritte übersichtlich sind, haben alle etwas davon“, erklärt der Programmierer. Schließlich werden diese Internetseiten auch von Suchmaschinen leichter gefunden. Über den Vorlese-Button auf einigen Webseiten ärgert er sich jedes Mal: „Den können wir nicht sehen, für Blinde ist die Funktion völlig überflüssig, weil sie den Screenreader nutzen“. Auch auf einigen Portalen, zum Bespiel für Reisen, kommt er oft nicht weiter. Das Ziel könne er meist noch eingeben, wenn er einen Flug buchen möchte. Ist der Flughafen aber nur per Ausklappliste wählbar, muss er abbrechen. Denn die ist für ihn nicht zugänglich. „Das ist alles eine Frage der Programmierung“, sagt Heinke. Die Braillezeile zum Lesen, die computergesteuert Zeichen in Brailleschrift umwandelt, nutzt er kaum noch. Mit der Umwandlung in gesprochene Sprache mit Hilfe des Screenreaders kann er schneller arbeiten.

Stephan Heinke hat sich das Programmieren selbst beigebracht und ist seit drei Jahren selbstständig tätig. Während eines Praktikums beim Berliner Blinden- und Sehbehindertenverein war er 2013 beim Relaunch der Webseite in den kompletten Prozess eingebunden. Seitdem betreut er die Webseite. Der Leiter des Vereins empfahl ihn weiter. So kam der Kontakt mit der Kommunikationsagentur A Vitamin zustande. Die Agentur hat sich vor rund zehn Jahren auf barrierefreie Kommunikation spezialisiert und veranstaltet dazu Workshops. Stephan Heinke ist immer dabei. „Schwächen finden, prüfen, bewerten und sich in Details hineinknien, das sind seine Stärken“, sagt A-Vitamin-Geschäftsführer Sven Hänszke. Seit einem Jahr begleitet Heinke als freier Mitarbeiter die Programmierungsaufträge der Agentur und ist auch bei Kundenbesuchen dabei. „Er ist eine große Bereicherung für uns, und wir sind als Agentur mit einem blinden Experten überzeugender“, sagt Hänszke.

Stephan Heinke in seinem Büro in Berlin-Neukölln

Eine Odyssee von einem Augenspezialisten zum nächsten

Für Computer hat sich Stephan Heinke schon als Teenager interessiert. Aufgewachsen ist er in der Oberlausitz, in der Nähe von Dresden, wo er begann, Informatik zu studieren. Das erwies sich jedoch als falsche Entscheidung. „Immer 1000 Leute im Hörsaal. Da zu folgen war schwierig“, sagt der 37-Jährige. Er wechselte das Fach und studierte Kommunikationswissenschaften. Doch nach einem erfolgreichen Start, warf ihn seine stärker werdende Augenkrankheit zurück.
Bereits im Alter von knapp zwölf Jahren begann sich seine Sehkraft schleichend zu verschlechtern. Als Schüler setzte er sich in der Klasse immer weiter nach vorne, um die Schrift auf der Tafel sehen zu können. Bewusst wahrgenommen habe er die Entwicklung seiner Augen lange Zeit jedoch nicht. Zwölf Jahre später lag seine Sehkraft nur noch bei knapp zwei Prozent bis er schließlich völlig erblindete. Grund dafür war die seltene angeborene Augenkrankheit Morbus Coats, bei der sich Flüssigkeiten unter der Netzhaut ablagern. Er ließ eine Odyssee von einem Augenspezialisten zum nächsten über sich ergehen und wurde in rund drei Jahren 25 Mal operiert. Doch der Erfolg blieb aus. „Es war nicht einfach, sich daran zu gewöhnen“, erinnert er sich.

Ein Jahr lang blieb er zuhause, machte Mobilitäts- und Orientierungstrainings. Er fand seine Lebensfreude, seine Energie und seinen Ehrgeiz wieder, kämpfte sich durchs Studium und machte 2012 seinen Abschluss. „Damals gab es in Dresden nur etwa 15 blinde Studierende an der Uni, es wurde viel mit Kopien und wenig mit elektronischen Daten gearbeitet“, berichtet er. Nach dem Studium zog es ihn nach Berlin.
Wissen zu vermitteln und Schulungen für Sehbehinderte durchzuführen macht ihm Spaß. Wichtig ist ihm auch, mit seiner Arbeit die Mitarbeiter in Kommunikationsabteilungen zu überzeugen, weil Barrierefreiheit allen hilft. Doch manchmal sei es frustrierend. „Viele denken, barrierefreie Kommunikation ist unnötig, und wollen kein Geld dafür ausgeben“, sagt Heinke. Dabei ist die barrierefreie Gestaltung von Internetseiten zumindest für öffentliche Einrichtung nach dem Bundesgleichstellungsgesetz Pflicht.

Zur Zielgruppe barrierefreier Kommunikation zählen nicht nur etwa 700.000 Sehbehinderte und Blinde, sondern auch die rund vier Millionen Analphabeten in Deutschland, die rund 15 Millionen Senioren und über sieben Millionen Nichtmuttersprachler. Insgesamt sind rund 45 Millionen Menschen in Deutschland und damit mehr als die Hälfte der gesamten Bevölkerung auf barrierefreie Kommunikation angewiesen. Analphabeten und Nichtmuttersprachler brauchen beispielsweise eine einfache Sprache, Gehörlose nutzen Videos mit Gebärdensprache oder Untertitel und körperlich eingeschränkte Personen entsprechende Tastaturen oder Geräte.
Heinkes Computer läuft über zwölf Stunden pro Tag. Nicht nur wegen der Arbeit. Das Internet hilft ihm, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.  Als Programmierer ist Stephan Heinke auch für Radio Ohrfunk aktiv, ein Programm der Medieninitiative blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland, sowie für das Tierstimmenarchiv des Berliner Naturkundemuseums und die Blindenhörbücherei. Jeden Morgen fährt er mit der U-Bahn von Spandau, wo er mit seiner Freundin zusammenlebt, nach Neukölln in seine alte Wohnung, die er jetzt als Büro nutzt.

Stephan Heinke bewegt sich gerne, spielt Blindentennis und -tischtennis. Er geht oft ins Kino, interessiert sich für Politik, liebt es zu Techno und Trance in einem Club abzuhotten oder einfach mal faul zu sein. Sein Traum ist, einmal komplett durch die USA und nach Japan zu reisen. Auch eine Familie zu gründen, ist für ihn und seine Freundin in letzter Zeit immer häufiger ein Thema. Die Hoffnung, eines Tages wieder sehen zu können, gibt Stephan Heinke nicht auf. In der Forschung tue sich viel, sagt er. Vielleicht sei die Medizin in zwanzig Jahren soweit, um seinen Augen wieder zum Sehen zu verhelfen.
Stephan Heinke macht seinen Computer aus, packt seine Sachen zusammen, schließt sein Büro ab. Am nächsten Tag findet ein neuer Workshop über barrierefreie Kommunikation statt. Er ist wieder dabei.


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