Blinder Klavierspieler: Kein Tag ohne Tasten

Martin Engel studiert Musik an der Hochschule in Karlsruhe. Klavier spielen ist sein Leben. Sein großes Ziel ist die Bühne. Nichts kann ihn aufhalten – schon gar nicht seine Blindheit.
 

Sein Lehrer Kristian Nyquist führt Martin Engels (rechts) Hand, wenn er eine Stelle genauer erklären will.

Text: Marie-Charlotte Maas
Fotos: Juliane Herrmann

Sanft gleiten Martin Engels Finger über die Tasten des Cembalos, sein Kopf bewegt sich im Takt der Musik. Ein heller Ton erklingt, kurz darauf ein schnelles Trillern. Dann: Stille. Martin Engel legt die Hände in den Schoß, dreht sich erwartungsvoll zu seinem Lehrer Kristian Nyquist herum, der neben ihm auf einem Stuhl Platz genommen hat. Nyquist, der das Spiel auf dem Notenblatt verfolgt hat, schaut hoch und lächelt. „Da war viel Schönes dabei, an manchem sollten wir noch arbeiten, du könntest die Kontraste stärker betonen.“ Dann legt er die Hand seines Schülers auf seine und führt sie. „An dieser Stelle zum Beispiel, was sticht uns hier ins Auge? Ich meine, ins Gehör?“ Beide lachen, dann holt Martin Engel seine Noten hervor. Sie sind in Brailleschrift geschrieben und wurden eigens für ihn angefertigt.

Nach dem Ende seines Klavierstudiums im Februar hat Martin Engel nahtlos mit dem Studium historischer Tasteninstrumente wie dem Cembalo begonnen.

Seine Welt ist die der Töne

Martin Engel ist blind. Das Cembalo, die Tasten, die Noten, seinen Lehrer Kristian Nyquist – all das hat der 30-Jährige nie gesehen. Martin Engel wurde ohne Sehvermögen geboren, seine Welt ist die der Töne. Schon als Kind entwickelte er eine Begeisterung für die klassische Musik, als Grundschüler begann er mit dem Klavierspiel, nahm erst Privatunterricht und wechselte dann an eine Musikschule. „Ein Klavierstudium war seitdem mein Ziel.“

Systematisch bereitete er sich auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Karlsruhe vor, übte jeden Tag mehrere Stunden. „Ich wusste schon früh, dass Talent alleine nicht ausreicht. Der Wille es zu schaffen und die nötige Disziplin müssen da sein.“ Wenn er nicht spielt, liest er Bücher über große Pianisten oder lauscht Radiosendungen, in denen über Musik gesprochen wird. Einen Plan B hat er nicht. „Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es klappt – dass es klappen muss.“

Rund 200 Bewerber aus aller Welt kämpfen bei der Aufnahmeprüfung der Hochschule jedes Jahr um eine Handvoll Plätze. Als Martin Engel die Zusage für den Bachelorstudiengang Klavier bekommt, geht für ihn ein großer Traum in Erfüllung. Eines der anwesenden Jurymitglieder bezeichnet seine Leistung als besonders hervorragend.

Gefühl und ein gutes Gehör

„Ich wollte nie eine Sonderbehandlung, nur weil ich blind bin“, sagt Martin Engel. Dass er nicht sehen kann, empfand der gebürtige Heidelberger nie als Nachteil. „Das Spiel hat ja vor allem mit Gefühl zu tun. Hinzu kommt, dass mein Gehör besonders gut ausgeprägt ist.“

Neue Stücke lernt Martin Engel mithilfe von Noten in Brailleschrift.

Da er die Noten nicht vom Blatt spielen kann, lernt er die Stücke so rasch es geht auswendig. „Das fällt mir leicht, nur mit der neuen Musik von Bartók oder Stockhausen habe ich Schwierigkeiten, dafür fehlen mir irgendwie die Antennen“, lacht er.

Neben der Ausbildung gibt Martin Engel regelmäßig Konzerte, zuletzt hatte er einen Soloauftritt in Landau vor 200 Zuhörern. Und immer wieder steht er gemeinsam mit seinem Vater auf der Bühne. Die beiden arrangieren literarische Klavierabende – Engel junior spielt Stücke von Chopin, Liszt und Debussy, Engel senior liest dazu Texte von Heinrich Heine. Diese Zusammenarbeit will Martin Engel auch nach dem Abschluss beibehalten.

Großes Berufsziel bleibt aber die Solokarriere als Pianist. Und noch etwas könnte sich der 30-Jährige vorstellen: „Junge Pianisten auf ihre Aufnahmeprüfung an Musikhochschulen vorzubereiten, ihnen bei der Bewerbung und der Auswahl der Stücke zu helfen.“ Das Klavierspielen aber wird immer das Wichtigste bleiben. „Es wird kein Tag vergehen, an dem ich keine Tasten unter den Fingern habe.“


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