Das perfekte Duo

Kika und Lucy Wilke sind Mutter und Tochter und außerdem erfolgreiche Bandkolleginnen. „blind & lame“ nennen sie sich in ironischer Anspielung auf ihre jeweilige Behinderung. Die ist für sie jedoch eher Nebensache. Im Mittelpunkt steht etwas anderes: ihre Musik.

Zirkusprinzessinnen: Gut gelaunt präsentieren Lucy (links) und Kika Wilke beim Videodreh ihren Song „Come a little closer“ im Zirkus Roncalli in Berlin. Die Botschaft des Liedes: keine Angst vorm Anders-Sein!

Action in der Manege

Text Marie-Charlotte Maas
Fotos Anna Thut

Lucy Wilke ist geduldig. Seit einer halben Stunde harrt sie nun schon unter den fachmännischen Fingern von Gianluca aus, der ihrem Make-up den letzten Schliff verpasst. Als er ihr den Spiegel hinhält, nickt sie zufrieden. Der Visagist hat ganze Arbeit geleistet: knallroter Lippenstift, Smoky Eyes, die blonden, langen Haare in Wellen gelegt – in ihrem silbernen Glitzerkleid sieht Lucy aus wie ein echter Star. „Privat laufe ich so natürlich nicht herum, da bin ich keine Fashion Queen“, sagt sie und lacht. Doch heute steht ein besonderer Termin für die Musikerin an: der Dreh für das Video zum neuen Song „Come a little closer“ ihrer Band. Sängerin Lucy Wilke ist die eine Hälfte der Gruppe, die andere ist ihre Mutter Kika an der Akustikgitarre.

Beim Visagisten

Auf der Überholspur

Der Bandname „blind & lame“ wurde aus einem Scherz heraus geboren, erzählt Lucy, während der Visagist ihr eine glitzernde Tiara aufs Haar setzt. Lucy wurde mit einer Muskelerkrankung, einer sogenannten Spinalen Muskelatrophie, geboren, Kika erblindete vor zehn Jahren infolge einer Netzhautdegeneration. Bei einem gemeinsamen Spaziergang dachte das Duo über einen möglichen Namen nach, Lucy alberte herum und plötzlich sagten sich Mutter und Tochter: Warum eigentlich nicht? Eine Art Flucht nach vorn: „So thematisieren wir sofort das Offensichtliche und können uns dann anschließend auf das konzentrieren, was uns das Wichtigste ist, nämlich die Musik.“ Mit der ist Lucy Wilke aufgewachsen. Auf einem Wagenplatz, einer Wohnsiedlung aus Bau- und Campingwagen, in der Nähe von München verlebte die heute 29-Jährige eine eher ungewöhnliche Kindheit. Mama Kika wollte an einem Ort wohnen, an dem man zu jeder Zeit Musik machen kann, ohne andere zu stören. Dort lebt sie auch heute noch, Lucy dagegen ist vor einigen Jahren in eine eigene Wohnung gezogen. „Ich wollte selbstständig leben“, sagt sie offen. Dennoch treffen sich Mutter und Tochter häufig, um neue Lieder zu schreiben. Momentan kommen sie allerdings eher selten dazu, denn „blind & lame“ sind auf der Überholspur: Konzerte, Fernsehauftritte, Homestorys, Interviews. Gerade waren sie im Studio, um ihr erstes Album „come closer“ aufzunehmen – eine Mischung aus Pop, Swing und lateinamerikanischen Klängen. „Tanzbare Singer-Songwriter-Musik“ nennen die beiden es. Und jetzt das dritte Musikvideo, das in einem Berliner Zirkus entsteht. Kein Zufall: Schließlich ist der Zirkus schon von jeher ein inklusiver Ort, an dem unterschiedlichste Menschen ihren Platz finden. Eine Welt, in der alles möglich scheint.

Das Gut gelaunte Mutter-Tochter-Duo beim Video-Dreh

Zwei, die bestens harmonieren

Es ist ein warmer Tag, Anfang Oktober, auf dem Vorplatz geht es trubelig zu, Maskenbildner, Statisten und Kameraleute huschen umher. Lucy und Kika wirken professionell entspannt. „Ich bin auch bei Konzerten selten aufgeregt“, sagt Kika lächelnd. „Ich sehe ja nicht, wie viele Leute vor uns im Publikum stehen.“ Dass Mutter und Tochter gut harmonieren, merkt man nicht nur, wenn sie zweistimmig singen. Als Lucy zu den ersten Aufnahmen in die Manege muss, ist es Kika, die den Rollstuhl ihrer Tochter schiebt. Dass sie sich aufeinander verlassen können, ist wichtig – im Privatleben ebenso wie im Job.

Über ihre Behinderungen sprechen die beiden offen und greifen das Thema auch in ihren Songs auf. Im aktuellen Lied „Come a little closer“ geht es um Berührungsängste zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Und darum, dass es sich lohnt, diese Ängste zu überwinden. Bei ihrer Arbeit spielen ihre Handicaps für die beiden aber keine Rolle. „Ja, wir sind in mancher Hinsicht eingeschränkt“, sagt Kika, „aber es ist jetzt nicht so, dass wir uns ständig den Kopf darüber zerbrechen. Wir sind nicht Behinderte, die Musik machen, sondern Musikerinnen, die eine Behinderung haben.“ Lucy nickt. „Wir wollen ja auch nicht mit unserer Behinderung Erfolg haben, sondern mit unserer Musik.“ Und den haben sie. Sobald das Album erschienen ist, stehen nicht nur Konzerte in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und in Österreich an. Seit der Gründung ihrer Band vor einem Jahr haben sich die beiden schon eine richtige Fangemeinde erspielt. Ihr großes Ziel ist es, im englischsprachigen Ausland aufzutreten.

Am Ende des langen Drehtages ist auch das Power-Duo allmählich müde geworden. „Wie sieht es aus, schafft ihr noch eine Runde?“, ruft Regisseur Boris Saposchnikow, und dann geht die Musik an, die Statisten bringen sich in Position, beginnen zu tanzen, und auch Kika und Lucy legen wieder los. Zeit zum Ausruhen ist später. Viel später. Jetzt wird erst mal Musik gemacht.


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