Der Chef und sein Clown

Wie zwei Brüder als inklusives Show-Duo den Charme des Scheiterns zeigen.
 

Text  Sarah Schelp
Fotos  Kathrin Harms und Florian von Plötz

Donnerstag, 16 Uhr, Berlin-Kreuzberg. Auf der Bühne ist es wie im Leben: Die Rollenverteilung muss stimmen. „Ich bin der Boss. Er ist der Depp“, sagt Frieder Besuch trocken. Lukas Besuch lacht. Das wäre geklärt.

Immerhin scheint Frieder, 31, ein angenehmer Chef zu sein. Er liegt auf dem Sofa in der Wohnung seines Bruders Lukas, 37, und lächelt entspannt. Regen prasselt gegen die Scheiben. Eine Woche Training für ihre neue Show liegt hinter den „BesuchBrüdern“, dem nach eigener Aussage „einzigen professionellen inklusiven Clown-Duo Deutschlands“, das man für Veranstaltungen buchen kann. Heute ist Generalprobe.

Frieder: Ich bin Profi. Ich kann’s besser als Lukas.

Lukas: Das ist auch im Alltag ein Klassiker zwischen uns –        dass  Frieder immer größer, stärker, besser sein will. Er ist auf der Bühne derjenige, der abräumt. Er gibt den Ton an.

Bei Styling und Maske aber ist Lukas der Boss. Frieder hält still, während der Bruder sein Gesicht mit Schminke weißt, Lidstrich und Lippenrot aufträgt. Lukas’ Schneidezahn verschwindet unter schwarzem Zahnlack, sein Markenzeichen. Er trägt Hemdsärmel und Hosenträger, Frieder Frack und Zylinder.

Bei der Generalprobe zu Hause

Die Tricks laufen gut. Die Brüder lassen einen Tisch durchs Zimmer fliegen, schlagen Hühnereier über dem Zylinder auf, zaubern Tücher aus dem Ohr. Sie harmonieren mit Absprachen und Ansagen: Lukas gibt Stichworte, Frieder setzt sie um und improvisiert, wenn ihm ein Detail entfallen ist. Morgen werden sie auf dem Ball der Lebenshilfe auftreten. Sind sie aufgeregt?

Frieder:  Nee, gar nicht. Ich kenn’ mich gut aus.

Lukas:  Frieder ist cooler als ich. Ich habe das Gefühl, ich muss alles im Kopf behalten, seine Rolle und meine. Er gibt dafür eine Energie in unser Spiel, von der ich sehr profitiere. Weil er anders ist, bringt er eine Qualität rein, die ich gar nicht kreieren könnte. Wir bekommen auf der Bühne beide viel voneinander.

Seit sie mit sechs und zwölf Jahren gemeinsam als Clowns im Kinderzirkus spielten, sind sie zusammen aufgetreten. Trotz ihrer verschiedenen Lebenswege.

Frieder, mit Down-Syndrom auf die Welt gekommen, jobbte schon neben der Schule in Fast-Food-Restaurants an der Fritteuse. „Ich bin der Pommes-Chef“, sagt er, mit Schalk und mit Stolz. Als seine vier Brüder das schwäbische Elternhaus verlassen hatten, sagte er zur Mutter: „Komm’, wir hau’n ab nach Berlin.“ Kurz nach dem Umzug zog Frieder aus, in eine betreute Wohngemeinschaft. Seit elf Jahren arbeitet er Vollzeit in einer Schulkantine, frittiert Pommes und passt auf, dass sich niemand verbrüht am heißen Fett. Mit seiner Freundin führt er eine Fernbeziehung.

Lukas Besuch (links) und sein Bruder Frieder erzählen von früher.

Lukas ließ sich nach seiner Lehre zum Jugend- und Heimerzieher als Clown und Pantomime ausbilden. Er spielte im Theater und auf der Straße, trat auf dem Milano Clown Festival und der Expo auf, unterrichtete in Flüchtlingslagern im Nordirak. Er reiste viel, zog in Berlin mit seiner Freundin zusammen, wurde Vater.
Den Anstoß dafür, ein professionelles Show-Duo zu gründen, gab ein ernster Anlass: Frieders Nierentransplantation.

Lukas: Es lief darauf hinaus, dass ich ihm meine Niere gegeben hätte. Das hat uns noch stärker zusammengeschweißt.

Frieder: Ja.

Lukas: Die Ungewissheit damals hat uns gezeigt: Die Zeit, die wir gemeinsam haben, ist kostbar, wir möchten zusammen arbeiten. Frieder wurde in der Klinik auf den Eingriff vorbereitet. Ich habe vor der OP noch eine Gipfelüberquerung in der Schweiz gemacht. Als ich auf dem Rückweg war, bekam Frieder eine Spender-Niere. Alles ist gut verlaufen. Kurz darauf wurden wir zusammen für eine Veranstaltung gebucht.

Die Generalprobe ist geschafft. Frieder möchte schnell nach Hause, weil er noch einkaufen muss für die Wohngemeinschaft. Er ist keiner, der seine Aufgaben vernachlässigt. Sie verabreden den Treffpunkt für den nächsten Abend, dann ist er aus der Tür.

Lukas: Unser Programm erarbeiten wir zu zweit. Wir haben eine Idee, probieren herum und schauen, was sich umsetzen lässt. Shows mit Frieder sind unvorhersehbar, weil es immer sein kann, dass er etwas vergisst und ich das spontan überbrücken muss. Die Möglichkeit des Scheiterns macht unsere Auftritte aufregend, aber auch charmant.

Frieder wird von Lukas für den Auftritt geschminkt

Freitag Abend, 19 Uhr, Maritim Hotel Berlin. Der Ballsaal füllt sich. Als „Walking Act“, dem ersten Teil ihres neuen Programms, nehmen die „BesuchBrüder“ die Gäste in Empfang. Schelmisch sprechen sie die Leute an, die sich zu Fuß oder im Rollstuhl nähern, breiten einen roten Teppich im Miniaturformat vor ihnen aus, machen Gruppenfotos mit einer Polaroidkamera. Frieder posiert, lüftet den Zylinder, trippelt über den Mini-Teppich und bringt jeden dazu, es ihm nachzumachen. Im Gegensatz zum Bühnenauftritt ist der „Walking Act“ nicht einstudiert. Sie wollen Raum für Improvisation lassen, um unbefangen auf die Menschen zugehen zu können.

Lukas: Wir machen klassische Clownerie, nonverbal und mit wenigen Mitteln. Frieder zaubert viel, was auch mal schiefgehen kann.

Frieder: Ich spiel’ Witze gern. Ich bin auch für alle gerne als Clown tätig. Zaubern kann ich zwölf Jahre schon.

Lukas: Du liebst es, auf der Bühne zu sein, nicht? Du gehst immer nach vorne, bist eine richtige Rampensau. Man muss Dich bremsen, damit Du Dich nicht übernimmst.

Die Tanzfläche ist brechend voll. Eine Showband nimmt den Großteil der Bühne ein, den Brüdern bleibt nur ein Streifen am vorderen Rand. Als sie auftreten, klatschen einige Zuschauer die beiden per Handschlag ab. Es ist ihr zweiter Act auf einem Lebenshilfe-Ball, man erinnert sich an sie und ist begeistert, als sie eine lange Leiter aus ihrem kleinen Koffer zaubern. Mit trotteliger Miene formt Lukas Figuren aus einem Zollstock, darunter ein Schwert, mit dem sie kämpfen. Ei, Milch und Mehl landen im Zylinder, kurz darauf wirft Frieder Bonbons in die Menge.

Es hat (fast) alles geklappt. Frieder und Lukas Besuch sind zufrieden.

Dann ändert sich die Musik. Sie beginnen zu tanzen und, wie sich herausstellt: zu strippen. Das Publikum johlt, die Kleidung fällt. Am Ende stehen die Brüder in hautengen Stretch-Anzügen da, Frieder in Gold, Lukas in Silber. „Das war Frieders Idee. In diesen Anzügen muss man gar nicht mehr spielen“, sagt Lukas später scherzhaft, „die haben selbst genug Präsenz. Weil sie jeden Makel zeigen.“ Mit einem Laubbläser pustet er einen riesigen Luftballon auf und stülpt ihn über seinen Bruder. Es ist unklar, wie er das bewerkstelligt, aber irgendwann ist Frieder tatsächlich drin. Das Publikum tobt. Doch die Bühne ist zu vollgestellt. Notenständer fallen um, im allgemeinen Trubel gerät ein Loch in den Ballon. Gnadenlos entweicht die Luft, bis Frieder nur noch von enger Gummihaut umspannt daliegt.

Dass dies nicht zur Show gehört, bemerkt keiner. Die Zuschauer brüllen vor Lachen, während Lukas scheinbar unbeeindruckt nach Leibeskräften an der Ballonhülle zerrt, um seinen Bruder zu befreien. Der bleibt ganz ruhig und schält sich selbst heraus. Sie bringen die Show wie geplant zu Ende und gehen unter großem Applaus ab.

Als sie wieder in ihrer Garderobe sind, atmen beide tief durch. Frieder sitzt nachdenklich da. Lukas muss über den Fauxpas lachen, trotz allem.

Lukas: Eigentlich sollte ich noch zu Frieder in den Ballon kriechen. Der wäre geplatzt, und wir hätten im Konfetti-Regen gestanden. Das war wohl nichts! Stattdessen lagst Du da wie ein Riesenbaby in der Fruchtblase.

Frieder: Ich fand’s trotzdem gut.

Lukas: Du bekommst nicht so schnell Panik. Aber ich war nervös, weil ich Dich nicht rausbekommen habe.

Frieder: Das waren meine Schuhe. Nächstes Mal müssen wir das ohne machen.

Lukas: Du hast Recht, die haben das Loch in den Ballon gerissen. Die lassen wir ab jetzt weg.

Nun holen sie erstmal das ausgefallene Abendessen nach. Erst dann werden Make-up und Zahnlack entfernt, die Klamotten zusammengepackt. Frieder möchte auf der Tanzfläche noch nach seinen Mitbewohnern suchen, die auch hier sind.

Lukas: Es hat mir ganz doll Spaß gemacht, Frieder. Danke.

Frieder: Ja, Du Sumpfhuhn. Wer uns nicht anschaut, ist selbst schuld.


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