Für uns ist das Alltag

In der kieferorthopädischen Praxis von Dr. Silke Dreiner hat Barrierefreiheit einen hohen Stellenwert – und das nicht nur wegen der Patienten.

Dr. Silke Dreier im Gebärdengespräch mit zwei Helferinnen

Text Ute Mansion

Die erste angenehme Überraschung wartet gleich am Eingang: Wer die Praxis von Kieferorthopädin Dr. Silke Dreiner in Siegen im südlichen Nordrhein-Westfalen betritt, bewegt sich auf ebener Erde. Keine Stufe, keine Schwelle, über die man stolpern könnte. „Als wir mit der Praxis 2010 umgezogen sind, habe ich bei der Einrichtung der neuen Räume sehr auf Barrierefreiheit geachtet“, erklärt Dr. Silke Dreiner (37), die sich als Ärztin 2008 selbständig gemacht hat. Nun zählen auch Rollstuhlfahrer zu ihren Patienten, und für besonders breite Rollstühle kann die Eingangstür auch weiter geöffnet werden.

Der Wartebereich ist weit und offen, von dort aus blickt man in einen breiten Flur. Auch die Toiletten bieten viel Platz; die Behandlungsräume haben besonders breite Türen und sind farblich anstatt mit Nummern gekennzeichnet, wodurch sie für Menschen mit kognitiven Einschränkungen leichter unterscheidbar sind. Zwei Waschbecken in einer Nische im Flur sind niedrig angebracht: Dort können Kinder, von denen viele direkt nach der Schule kommen, vor der Behandlung die Zähne putzen.

Immer in Verbindung: Per Chat,
E-Mail und Telefon

Barrierefreiheit gibt es in der Praxis von Dr. Silke Dreiner auch hinter den Kulissen, also dort, wo sie für die meisten Patienten  nicht zu sehen ist. Wenn sie die Nummer der Praxis wählen, hebt Manuela Kramer in Grefrath am Niederrhein ab.  Sie ist blind und arbeitet von zu Hause aus. Die 37-Jährige nimmt die Anrufe für die Praxis entgegen, macht die Buchhaltung, trifft Ratenvereinbarungen und schreibt Mahnungen. Zwei Monitore, ein Bildschirmlesegerät und Sprachsoftware unterstützen sie bei ihrer Arbeit. „In der Regel wissen die Anrufer nicht, dass ich in Grefrath sitze“, erklärt sie. „Das teile  ich nur hin und wieder mit – wenn zum Beispiel eine Mutter fragt, ob ihr Kind noch im Wartezimmer ist.“ Solche Situationen klärt sie, indem sie rasch ihre Kolleginnen fragt – per Chat, E-Mail oder Telefon. Ihre Stelle verdankt sie ihrer Gewissenhaftigkeit, ihrer Sorgfalt und ihrem  Organisationstalent. Das war für ihre ehemalige  Klassenkameradin Silke Dreiner ausschlaggebend, als sie 2008 jemanden für das Back-Office ihrer Praxis suchte.

„Für kleine Hindernisse
gibt es Auswege"

Silke Dreiner hat noch eine weitere Mitarbeiterin mit Behinderung: Dominika Belz, 32 Jahre alt, ist Zahntechnikerin und  gehörlos. „Ich habe sie eingestellt, weil sie von den Bewerberinnen, die ich zum Probearbeiten eingeladen hatte, das beste Werkstück angefertigt hat.“ Da gab es kein langes Überlegen, wer die Stelle bekommen sollte. Von Sprüchen wie „Behinderte wird man nie wieder los, wenn man sie einstellt“ ließ sie sich nicht ins Bockshorn jagen und verweist solche Aussagen ins Reich der Gerüchte. Zwar gibt es einen besonderen Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung, doch wer sich eines Fehlverhaltens schuldig macht, kann entlassen werden – ob er eine Behinderung hat oder nicht. Bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten eines Unternehmens genießen auch andere Personen besonderen Kündigungsschutz, zum Beispiel Mitarbeiter in Elternzeit und Betriebsräte. Kann solchen Mitarbeitern kein anderer Arbeitsplatz im Unternehmen angeboten werden, können auch sie entlassen werden. Vor der Kündigung eines schwerbehinderten Angestellten muss der Arbeitgeber die Zustimmung des Integrationsamtes einholen. „Die Schwierigkeit, jemandem zu kündigen, liegt nicht an einer Behinderung, sondern am Kündigungsrecht allgemein“, sagt Silke Dreiner. „Arbeitgeber sollten Bewerber mit Behinderung nicht pauschal ablehnen. Erst einmal sollte man schauen: Wie sehen die Qualifikation und das Leistungsspektrum aus?“ Wenn beides passen könnte, sollten Arbeitgeber auch Menschen mit Behinderungen zum Vorstellungsgespräch einladen und ihnen eine Chance geben. „Für kleine Hindernisse wie Gehörlosigkeit gibt es Auswege“, weiß sie. „Wenn man sich ein bisschen darauf einlässt.“

Alle Mitarbeiterinnen lernten Gebärdenaprache

In ihrer Praxis löste die Kieferorthopädin anfängliche Kommunikationsschwierigkeiten, indem sie selbst und alle Mitarbeiterinnen – außer Manuela Kramer – Gebärdensprache lernten. Da traf es sich gut, dass Dominika Belz auch Gebärdensprache an der Volkshochschule unterrichtet, ihr Wissen an die Kolleginnen weitergeben konnte und immer wieder auffrischt. Nun kommunizieren auch die Hörenden in der Praxis oft in Gebärdensprache miteinander. Es ist dadurch ruhiger und da die Behandlungsräume gläserne Wände haben, können kurze Mitteilungen auch schon mal rasch hin und her übermittelt werden. Für Teambesprechungen wird eine Gebärdendolmetscherin hinzugezogen.

Für Arbeitgeber gibt es vielerlei Unterstützung

Zu den Besprechungen kommt auch Manuela Kramer zwei-, dreimal im Jahr nach Siegen. „Manchmal vermisse ich die Kolleginnen schon“, sagt sie. Denn trotz der Entfernung von 185 Kilometern fühlt sie sich wohl im Team. Wie Dominika Belz hat auch die gelernte Bibliotheksfachangestellte und Fremdsprachensekretärin schlechte Erfahrungen mit Bewerbungen gemacht. „Wenn man mit Langstock zum Vorstellungsgespräch erscheint, ist man eigentlich gleich draußen“, meint sie.

Dabei gibt es für Arbeitgeber, die für einen Mitarbeiter mit Behinderung einen Arbeitsplatz barrierefrei gestalten wollen, vielerlei Unterstützung. Auch Silke Dreiner erhielt sie von verschiedenen Stellen. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe beriet die Praxis bei der Frage, welche Hilfsmittel sinnvoll sind. Für die Umgestaltung des Arbeitsplatzes der Zahntechnikerin gab es finanzielle Hilfe vom Integrationsamt, und für beide Mitarbeiterinnen mit Behinderung in den ersten Monaten einen Lohnzuschuss von der Arbeitsagentur. Für Manuela Kramer zahlte das Arbeitsamt einen Monitor, die Vergrößerungssoftware und das Lesegerät.

Silke Dreiner empfindet es nicht mehr als besonders, zwei Mitarbeiterinnen mit Behinderung zu haben. Sie sagt: „Für uns ist das Alltag.“


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