Der App-Versteher

Der Informatiker Dr. Jan Blüher programmiert Apps für blinde und sehbehinderte Menschen und ist ein gefragter Experte für barrierefreie Anwendungen. Dass er selbst seit seinem 20. Lebensjahr blind ist, ist dabei nicht etwa hinderlich, sondern hilfreich.

Text Denis Pfabe
Foto Eran Wolff
 

Als Jan Blüher 2011 zum ersten Mal ein iPad in die Hände bekam, war für den blinden Informatiker schnell klar: „Damit muss ich etwas machen!“. Heute gilt der 38-jährige Dresdner als Experte für barrierefreie Apps für blinde oder sehbehinderte Menschen. Als Geschäftsführer seiner Firma visor-Apps berät er große Unternehmen zum Thema barrierefreie Applikationen und programmiert selbst Apps. Zu seinen erfolgreichsten Apps zählt die Anwendung ColorVisor, eine Farberkennungssoftware, die 500 verschiedene Farbtöne identifizieren kann. Für blinde oder farbenblinde Menschen ist der Scanner eine große Erleichterung im Alltag – und wurde bereits tausendfach heruntergeladen.

Der Wunsch nach Selbstständigkeit

Gegründet hat Jan Blüher sein Unternehmen vor vier Jahren. Der Vertrag mit der Technischen Universität Dresden, bei der er nach seiner Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete, lief zu dieser Zeit gerade aus. „Es war ein günstiger Moment für den Absprung“, fasst er heute zusammen. „Mein Wunsch, für Tablets und Smartphones zu programmieren, war einfach zu groß.“ Also fasste er Mut und machte sich selbstständig. Bis heute bereut er seinen Entschluss nicht und blickt zufrieden zurück. Die Einarbeitung in die Programmierung für mobile Endgeräte fiel ihm nicht schwer, sodass Lern- und Testphasen relativ kurz blieben.

Bereits ein Jahr später konnte die App ColorVisor an den Start gehen. Darauf folgte MouseKick, ein Reaktionsspiel, das gleichermaßen von sehenden und blinden Usern gespielt werden kann. Dieser doppelte Nutzen ist typisch für Blühers Apps. „Der integrative Ansatz bei meinen Anwendungen ist mir besonders wichtig, die Apps sollen auch immer für sehende Nutzer interessant sein.“

So überrascht es nicht, dass die ColorVisor-App grafisch sehr ansprechend gestaltet ist – obwohl sie für Blinde gedacht ist. Blüher programmiert auch Auftrags-Apps, beispielsweise für die Norddeutsche Blindenhörbücherei und Stiftung Centralbibliothek für Blinde. Dort hat er die Anwendung BliBu realisiert, die das schnelle und bequeme Ausleihen von Hörbüchern und Zeitschriften ermöglicht.

Bei seinen beratenden Tätigkeiten liegen Blühers Vorteile klar auf der Hand: Aufgrund seiner eigenen Sehbehinderung weiß er genau, was bei der Bedienung und Systemführung zu beachten ist. Hinzu kommt, dass er die jeweiligen Programme bis in die Codes hinein kennt. So kann er Anwendungen umfassend prüfen und optimieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob eine bereits bestehende App barrierefrei zugänglich gemacht oder eine neue App konzipiert werden soll.

Der Zukunft für barrierefreie Apps sieht er durchweg positiv entgegen. „Heute sind Dinge für Blinde möglich, die vor zehn oder sogar fünf Jahren noch völlig undenkbar waren und jetzt fest zum Alltag gehören.“ Vor allem das Smartphone wird seiner Prognose nach noch stärker zum Schlüsselmedium werden. „Die Plattformen für die meisten Geräte sind bereits geschaffen und etabliert. In Zukunft liegt es nur noch an den Programmierern, die Systeme so auszulegen, dass die wichtigen Informationen auch für Blinde noch besser zugänglich gemacht werden.“ So kann sich Blüher sehr gut vorstellen, dass sein Smartphone bald mit seiner kompletten Wohnung vernetzt ist und er seine Waschmaschine und Heizung über das Display ansteuert – per Voice-over. Die passende App dafür gibt es noch nicht. Das wäre dann wohl eine nächste Aufgabe für ihn.


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