Die Wegbereiter

Drei Brüder mit Glasknochen sorgen für Bewegung. Dank ihrer Initiative findet im  August die E-Hockey-Weltmeisterschaft in München statt. Damit nicht genug: Jetzt macht  der Älteste auch noch Politik – Oswald Utz ist der erste Münchner Stadtrat im Rollstuhl.

Eine Starke Familie: Roland, Stefan und Oswald Utz (von links) bringen Dinge ins Rollen.

Text Susanne Böllert 
Foto Fritz Beck

Pionier zu sein, ist für Oswald Utz nichts Neues. Vor einer gefühlten Ewigkeit verließ er als Erster das fränkische Forchheim, um in Münchens großem Rehabilitationszentrum „Stiftung Pfennigparade“ zur Schule zu gehen. Seine jüngeren Brüder Roland und Stefan ließen nicht lange auf sich warten. Bald war das Trio wieder vereint und bolzte auf dem Pausenhof die ersten Tennisbälle in improvisierte Tore. Niemand konnte ahnen, dass hier der Grundstein für einen Behindertensport gelegt wurde, der heute mit knapp 20 Vereinen in Deutschland, mit einem strengen Regelwerk, Bundesliga, Deutschen sowie Europa- und Weltmeisterschaften kurz davorsteht, paralympisch zu werden: das Elektrorollstuhl-Hockey.

„Zu dritt zu sein, war für uns immer ein großer Vorteil“, sagt Stefan, der mit Roland und Oswald nicht nur die Erbkrankheit Osteogenesis imperfecta teilt, sondern auch einen recht schonungslosen Humor. Der wird nötig gewesen sein, um eine von Hunderten von Knochenbrüchen, unzähligen Krankenhausaufenthalten und wochenlangem Stillhalten im Gips geprägte Kindheit und Jugend gut zu überstehen. Im Dorf wurde über die Familie mit den drei behinderten Söhnen getuschelt. „Unsere ältere Schwester ist gesund, niemand in unserer Familie hatte Glasknochen“, erklärt Oswald Utz die Ahnungslosigkeit der Eltern. Erst vor wenigen Jahren stellte sich heraus, dass bei beiden derselbe Gendefekt bestand – ein Zufall von unter einem Prozent Wahrscheinlichkeit, der das Leben der Brüder geprägt hat. Jedoch ganz anders, als man es ihnen vor über 40 Jahren prophezeit hat: Lebenslange Abhängigkeit, Unterbringung in einer Behinderteneinrichtung – das schien der vorgezeichnete Weg für die kleinwüchsigen Rollstuhlfahrer mit den brüchigen Knochen.

Nicht einer der Utz-Brüder hat sich an die düstere Prophezeiung gehalten. Oswald ist seit zehn Jahren Münchens Behindertenbeauftragter. Er hat, nach reiflicher Überlegung, eine Familie gegründet. Die kleine Magdalena ist gesund und hält ihre Eltern auf Trab. Roland hat studiert, lebt mit seiner Freundin seit vielen Jahren zusammen und arbeitet als Sozialarbeiter in einer Beratung für Menschen mit erworbenen Hirnschäden. Und Stefan ist als aktiver Nationalspieler, Vorsitzender des Fachbereichs E-Rollstuhl-Sport im Deutschen Rollstuhl-Sportverband und Chef des WM- Organisationskomitees mehr als ausgelastet. 

Der Sport hat ihnen ein großes Maß an Freiheit und Selbstbewusstsein beschert. Wer mit Glasknochen geboren wurde, muss sich fortan in Watte packen? Ganz sicher nicht, wenn ihm neben der Osteogenesis imperfecta auch noch ein so starker Wettkampfwille in die Wiege gelegt wurde wie den Utz-Männern. Dann ist ein Sport, bei dem die zehn Stundenkilometer schnellen Rollstühle schon einmal ordentlich aneinanderrumpeln, genau das Richtige. „Einmal bin ich beim Training aus dem Rollstuhl gefallen, da ist nichts passiert“, berichtet Oswald, „ein anderes Mal hau’ ich beim Kartenspielen auf den Tisch und breche mir die Hand.“ Also, wieso sollten sie nicht E-Hockey spielen?

Dass die E-Rollstuhlhockey-WM nach München kommt, ist ihr Werk. (Foto: S. Böllert)

Die Brüder erreichen große Ziele

Dass sie bereits vor langer Zeit dem betreuten Wohnen in der „Pfennigparade“ den Rücken gekehrt haben, verwundert kaum. Auch ihre Pflege organisieren die Utz-Brüder selbst, verzichten auf ambulante Dienste. „Es ist sehr wichtig, dass man sich aussuchen kann, wer da zu einem nach Hause kommt“, unterstreicht Stefan. „Immerhin geht es um so etwas Intimes wie Körperpflege.“

Gerade stehen die Brüder in den Startlöchern: Am 6. August beginnt die E-Hockey-WM, bei dem das deutsche Nationalteam gegen sieben internationale Gegner ins Feld zieht. „Wir haben vier Jahre dafür gekämpft, dass die WM nach München kommt“, berichtet Roland, der nicht mehr zum WM-Kader gehört, aber 2010 zusammen mit Stefan und acht weiteren Nationalspielern den Titel holen konnte. „Dass die Stadt München uns einen Zuschuss von 230.000 Euro gewährt hat, war ein Riesending. Ohne den hätten wir uns gar nicht erst um die WM bewerben können.“


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