Was mich wirklich umtreibt

Seit September moderiert Sandra Olbrich die wöchentliche ZDF-Sendung "MENSCHEN - das Magazin". Im Interview spricht die 45-jährige Journalistin und Aktivistin über ihre Ziele und ihre Leidenschaften.

Die Moderatorin bei einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen: dem Besuch in einer Gärtnerei.

Interview Astrid Eichstedt
Fotos Isadora Tast

 

Frau Olbrich, wie haben Sie Ihre ersten Wochen im neuen Job erlebt?

Die waren schön und sehr spannend! Viele neue Eindrücke, vor allem nette Kollegen, die ich mit jedem Redaktionstag und jedem Drehtag besser kennenlerne. Wir hatten sehr gute Arbeitsgespräche und haben gleich gesehen, dass wir an einem Strang ziehen.

 

Die meisten Menschen können sich ja nicht so gut selbst im Fernsehen anschauen. Wie geht es Ihnen dabei?

Also, ein bisschen geht mir das auch so. Ich habe früher hauptsächlich Nachrichten präsentiert, da musste ich mich als Person sehr zurücknehmen. Hier ist das nun anders. Es geht um Menschen und um Emotionen, und da kann ich mich jetzt ganz anders einbringen, mehr von mir zeigen.

Man merkt Sandra Olbrich an, dass es ihr gut geht.

Als man auf Sie zukam und anfragte, ob Sie „MENSCHEN – das
Magazin“ moderieren wollen, was hat Sie da besonders an dieser Aufgabe gereizt?

Für mich kommen hier zwei entscheidende Aspekte zusammen: Zum einen mein Hintergrund als Journalistin. Zum anderen die Themen, mit denen ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe. Durch meine Arbeit mit der Müttergruppe M courage hatte ich ja auf verschiedenen Ebenen mit Behindertenpolitik, Teilhabe und Inklusion, Recht auf Elternschaft oder der UN-Behindertenrechtskonvention zu tun. Darüber nun berichten zu können und wieder vor der Kamera zu arbeiten, das passt für mich sehr schön zusammen.

 

Was, glauben Sie, kann eine Sendung wie „MENSCHEN – das Magazin“ bei den Zuschauern bewirken?

Sie kann sensibilisieren, für Verständnis werben und Einblicke geben in die Lebensrealität von Menschen, die sonst vielleicht nicht so präsent sind in den Medien. Anhand ihrer Geschichten wird deutlich, wo Handlungsbedarf besteht – wo sich etwas ändern muss. Die Sendung kann aber manchmal auch konkrete Hilfestellung und Orientierung für bestimmte Lebenssituationen geben, denn wir zeigen ja auch, wie Menschen ihr Leben anpacken oder neuorganisieren.

 

Wie sehen Sie denn allgemein die Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Medien?

Hier bekommen wir eher die Helden des Alltags präsentiert, oder Menschen, die irgendetwas Außergewöhnliches leisten. Dabei müssen Menschen mit Behinderung das doch gar nicht, um akzeptiert zu werden. Diese Menschen leben ein ganz normales Leben, das bestimmte Bedarfe mit sich bringt. Aber es ist offensichtlich nicht so spannend, diese Normalität abzubilden. Und so sind es dann eher die spektakulären Geschichten – oder sehr dramatische Schicksale – , die sich in den Medien gut verkaufen. Mit dem Alltag von Menschen mit Behinderung, so wie ich ihn kenne, hat das aber eher wenig zu tun. In „Menschen – das Magazin“ versuchen wir daher ja auch, mehr von dieser Normalität zu zeigen und dem Selbstverständnis der Protagonisten gerecht zu werden.

 

Sie selbst haben ja eine Gehbehinderung. Wie war das denn bei Ihnen mit der Akzeptanz als Kind und als Jugendliche?

Natürlich gab es da Vorbehalte, ganz klar. Kinder necken und hänseln sich gegenseitig, das habe ich auch erlebt. Zum Glück hatte ich ein starkes Umfeld – Menschen, die mich aufgebaut haben. Irgendwann hat man dann ein mehr oder weniger dickes Fell und eine große Klappe – aber das täuscht auch ein bisschen. Denn es macht mir schon etwas aus, wenn ich ständig auf meine Behinderung angesprochen werde. Da kommen oft sehr persönliche Fragen, noch bevor mein Gegenüber überhaupt meinen Namen weiß.

 

Was entgegnen Sie denjenigen, die sagen: „Also, das mit der Inklusion, das kann ja überhaupt nicht klappen“.

Dann frage ich zunächst nach: Haben die Personen bestimmte Erfahrungen gemacht oder stecken vielleicht Ängste dahinter? Oft lösen sich Vorbehalte auf, je mehr die Leute über den Hintergrund und über die Fakten zum Thema Inklusion erfahren. Aber das beste Mittel, um Zweifel auszuräumen, ist der direkte Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Leider gibt es nach wie vor zu wenig Möglichkeiten für solche Begegnungen. Mich ärgert es, wenn Leute meinen, Inklusion sei verhandelbar. Dabei wird vergessen, dass sie beschlossenes Recht ist. Chancengleicheit ist ein Menschrecht und kein Zugeständnis. Wir müssen also nach vorne schauen und alle miteinander dafür sorgen, diesen Prozess gut zu gestalten.

Ohne Terminkalender geht es nicht. Die Woche ist durchgetaktet.

Dazu tragen Sie ja auch mit Ihrer Arbeit bei. Sind Sie denn oft in Mainz?

Ich bin natürlich regelmäßig zu den Planungssitzungen dort. Außerdem nehme ich  an den Telefonkonferenzen teil, in denen die Sendungen nachbesprochen werden. Da ich jetzt in den Süden umziehe, kann ich aber auch mal schnell ziwschendurch in den Sender nach Mainz fahren, um wichtige Themen zu besprechen und um mein Büro dort zu nutzen.

 

Nach Süddeutschland zu ziehen, ist für Sie ja ein ziemlicher Sprung nach einer langen Zeit in Hamburg. Hat diese Entscheidung mit Ihrem neuen Job zu tun?

Eigentlich hatte sie urpsrünglich mit dem Job meines Mannes zu tun. Aber weil auch ich jetzt beruflich in der südlichen Mitte verankert bin, passt das gut zusammen und der Umzug lohnt sich doppelt.

 

Sie sind in Minden aufgewachsen, zum Studium nach Hamburg gegangen, waren zwischendurch im Ausland, sind aber immer wieder nach Hamburg zurückgekehrt. Was hat Sie denn so lange hier festgehalten?

Ich wusste schon in meiner Schulzeit, dass ich nach Hamburg will. Diese Stadt hat mich immer schon angezogen. Ich finde, „objektiv“ gesehen ist Hamburg die schönste Stadt Deutschlands. Sie hat eine ganz eigene Kraft durch das Wasser, durch den Hafen – und ich kenne keine andere Großstadt, die so grün, großzügig und vor allem weltoffen ist. Aber ich freue mich – ganz ehrlich – jetzt auch auf das bessere Wetter im Süden, die Weinberge und die feine Küche.

 

Vorhin haben Sie die Selbsthilfegruppe M courage erwähnt, die Sie gegründet haben. Würden Sie kurz erklären, wie es dazu kam und worum es Ihnen dabei ging?

Bei M courage geht darum, dass sich Mütter mit Behinderung in einem geschützten Raum begegnen und austauschen können. Wir haben für die Region Hamburg ein Netz an Mitstreiterinnen aufgebaut und die Möglichkeit geschaffen, einmal im Monat eigene Themen ungeschönt und unzensiert in den Mittelpunkt zu stellen. Ich habe M courage gegründet, nachdem mein zweites Kind zur Welt kam und ich vor der Frage stand: Wie organisiere ich mir Unterstützung? Es gibt zwar Angebote für Mütter mit behinderten Kindern, aber keine für Mütter mit Behinderung. Es musste also ein Forum nur für uns Mütter her. Die Leitung von M courage haben inzwischen zwei engagierte Frauen aus der Gruppe übernommen. Die Gruppe entwickelt sich weiter und ist auf einem guten Weg, das freut mich sehr.

 

Auf welche Weise haben Ihre Kinder denn sonst Ihr Leben und vielleicht auch Sie selbst verändert?

Komplett, und von Grund auf! Das Leben ist sehr viel schöner, intensiver aber auch anstrengender geworden. Ich habe zum Glück viel Unterstützung von meiner gesamten Familie bekommen. Und hatte dadurch immer noch die Kraft, für mein Recht zu kämpfen. Andere Frauen, die viele Monate lang über die Grenze der Belastbarkeit hinausgehen, haben dafür leider oft keine Energie mehr. Wichtige Hilfen, die ihnen zustünden, beantragen sie deshalb unter Umständen gar nicht erst.

Beim Duft einer Rose gerät die Hobby-Gärtnerin ins Schwärmen.

Haben Sie bei all Ihrer Energie und Tatkraft eigentlich auch irgendwelche Schwächen?

Oh ja! Mein Garten ist so eine große Schwäche, oder nennen wir es Leidenschaft. Da versenke ich buchstäblich viel Geld in der Erde. Wenn ich in der Gärtnerei herumschnuppere, dann ist das immer ganz gefährlich. Ohne zwei Rosen oder ein paar neue Stauden komme ich da selten wieder raus ...

 

Wo kommt Ihre Leidenschaft für Blumen und Pflanzen denn her?

Das liegt bei uns in der Familie. Während des Studiums und der Ausbildung war ich viel unterwegs – da war nix mit Wurzeln schlagen. Aber mit dem ersten eigenen kleinen Garten ging es dann los. Nach einem langen Tag mit viel Kopfarbeit wühle ich einfach gerne in der Erde. Die Rosen sind inzwischen ein echter Tick von mir. Wenn ich meine Nase in eine englische Rose stecke und mir alle mögliche Aromen entgegenströmen – Himbeere, Guave, Zitrone oder Myrrhe – da geht die Sonne für mich auf.

 

Abschließend noch eine letzte Frage: Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Gesellschaftlich hoffe ich auf den großen Wurf – und übe mich in Geduld mit den kleinen Schritten. Weiter sind wir erst, wenn Menschen mit Besonderheit nicht mehr auf ihr Anderssein reduziert werden. Wenn Vielfalt willkommen ist und die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen gesetzlich abgesichert ist. Leider warten wir immer noch auf ein Teilhabegesetz. Dabei gibt es bereits vernünftige Vorschläge und Vorlagen von den Behindertenverbänden. Ich sehe hier die Regierung in der Pflicht, die UN-Konvention konsequenter umzusetzen.

 

Und privat?

Für mich geht es eigentlich gar nicht so sehr um die großen Ziele oder Herausforderungen. Viel wichtiger sind mir die kleinen Dinge. Der Alltag, der muss gut laufen. Ein Rhythmus, der einen trägt. Und das ist gar nicht so leicht hinzukriegen. Wie wertvoll sind da kleine Rituale – das gemeinsame Abendessen am Familientisch, das Vorlesen, ein Feuerchen im Ofen – das ist schon sehr viel.


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Autoren MENSCHEN. das magazin im ZDF

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