Buchtipp: "Tschick" in Einfacher Sprache

Cover des Romans "Tschick" in der
Übersetzung in Einfache Sprache

Im Buch "Tschick" geht es um die Jungen Maik und Tschick. Sie sind 14 Jahre alt. Sie gehen in Berlin zur Schule und sind in einer Klasse. Maiks Eltern haben viel Geld. Er wohnt in einem großen Haus in einer schönen Gegend. Glücklich macht ihn das alles aber nicht. Tschick kommt aus Russland und lebt erst seit ein paar Jahren in Deutschland. Er wohnt in einem Hochhaus und ist arm. In den Sommerferien klaut Tschick ein Auto. Damit machen sich die beiden Jungs auf eine abenteuerliche Reise. Ihr Ziel: die Walachei. Es wird eine Irrfahrt quer durch Ostdeutschland. Maik lernt dabei eine Menge über sich und das Leben.

 

Hier ein Auszug aus dem Buch als Leseprobe:

 

Tschick

Hi! Ich bin Maik. Maik Klingenberg. Ich bin 14 und wohne in Berlin. Da geh ich auf ein Gymnasium, in die achte Klasse. Ich bin ganz gut in der Schule.´Besonders in Deutsch, Sport und Kunst. In Mathe nicht so.

Nach den Osterferien brachte unser Geschichtslehrer einen neuen Schüler in die Klasse. Unser Geschichtslehrer hieß Wagenbach. Wagenbach war ein guter Lehrer. Nicht so dumm wie die meisten anderen. Aber Wagenbach war auch ein echt strenges Arschloch. Da redete man lieber nicht, da machte man besser keinen Scheiß.

Der neue Schüler hieß Tschick. Tschick kam aus Russland und lebte seit vier Jahren in Deutschland. Er wohnte in einem dieser hässlichen Hochhäuser. Weil er arm war. Das sah man auch. Tschicks Klamotten waren alt, dreckig und zerrissen. Und sie waren billig gewesen.

Tschick sprach langsam und hatte eine komische Aussprache. Eigentlich sprach er ja russisch. Er wirkte immer müde und abwesend. Man hatte den Eindruck, er bekommt nicht viel mit. Aber Tschick war nicht doof.

Er war zuerst auf die Förderschule gegangen. Und jetzt war er auf dem Gymnasium. Er hatte sehr schnell Deutsch gelernt. Das schaffte man nur, wenn man schlau war. Und fleißig. Wagenbach sagte: „Ich finde das sehr ungewöhnlich. Und bewundernswert!“ Tschick fand das nicht.

Tschick saß ganz hinten in der Klasse. Und obwohl ich weiter vorn saß, konnte ich es riechen. Tschick stank nach Alkohol. Nicht jeden Tag. Aber oft. Ich wusste, wie das roch. Wie es stank. Weil meine Mutter auch Alkohol trank. Viel Alkohol. Sie war Alkoholikerin.

Tschick machte im Unterricht nicht mit. Wenn ein Lehrer ihn was fragte, sagte er: „Ja“ oder „Nein“ oder „Weiß nicht“. Er störte aber auch nicht. Tschick hatte keine Freunde und er suchte auch keine.

Nach ein paar Wochen gab es die erste Mathearbeit zurück. Ich schaffte eine Zwei minus, Tschick hatte eine Sechs. Herr Strahl, der Mathelehrer, stand vor Tschick und sprach mit ihm darüber. Tschick guckte ihn nicht an. Er nickte nur und kaute sein Kaugummi. Das tat er immer, wenn er gesoffen hatte. Damit er nicht so stank. Und dann passierte es: Tschick war so besoffen, dass er vom Stuhl kippte – genau vor Strahls Füße!

Das war auch der Grund für die Sechs. Tschick hatte die Mathearbeit besoffen geschrieben. Bei der nächsten Arbeit war er nüchtern. Und er schrieb eine Zwei. Dann war er wieder besoffen und bekam eine Fünf.

Die Lehrer konnten es kaum glauben. Sie sprachen ein paarmal mit Tschick. Sie sagten, er sei doch klug. Er könne doch gute Noten haben. Aber er dürfe nicht mehr betrunken zur Schule kommen. Die Gespräche halfen. Tschick war immer seltener besoffen, und seine Noten wurden auch besser.

Tatjana

In meiner Klasse war ein Mädchen, das hieß Tatjana. Tatjana war das schönste Mädchen auf der Welt. Alles an ihr war super. Ihr Aussehen. Ihre Stimme. Ihr Lachen. Ihre Haare. Einfach alles. Ihr könnt euch denken: Ich war wahnsinnig verknallt in sie. Sie aber nicht in mich. Auch klar. Weil ich ein totaler Langweiler bin. Eine richtige Schlaftablette. Und ein Feigling bin ich auch.

Tatjana hatte bald Geburtstag. In den Sommerferien. Sie wurde 14 und wollte groß feiern, mit Übernachtung und allem. Und alle sollten eingeladen werden.

Die ganze Klasse sprach davon, schon Wochen vorher. Ist ja klar, dass ich wahnsinnig aufgeregt war. Ich dachte nur noch über ein Geschenk für Tatjana nach. Sie fand Beyoncé toll, und da kam mir die Idee: Ich wollte ein Bild von Beyoncé für sie zeichnen!

Ich konnte ja nicht viel, aber zeichnen konnte ich. Ich zeichnete mein Bild nach einem Foto von Beyoncé. Ich zeichnete wochenlang und gab mir wirklich Mühe. Und das sollte man auch sehen. Tatjana sollte sehen, wie verknallt ich in sie war.

Nach vier Wochen war ich fertig. Meine Beyoncé sah super aus, fast wie auf dem Foto. Und ich hatte ihr Tatjanas Augen verpasst.

Jetzt fehlte mir nur noch eine Einladung. Hoffentlich bekam ich eine! Tatjana verteilte sie am letzten Schultag. Ich wartete bis zur letzten Stunde, bis nach den Zeugnissen. Aber ich bekam keine. Tschick auch nicht. Und der Nazi aus unserer Klasse auch nicht. Klar: Langweiler und Asis waren nicht eingeladen.

 

Maik und Tschick

Nach der Schule sprach mich Tschick an. Wir hatten noch nie miteinander geredet. Und ich glaube, er hatte auch noch nie jemanden vor mir angesprochen. Tschick hatte keine Freunde in der Klasse, und er hatte auch keine gesucht. Bislang jedenfalls.

„Geile Jacke“, sagte er. „Ich kauf sie dir ab.“ „Das ist meine Lieblingsjacke“, antwortete ich. „Die verkauf ich nicht.“

Es war wirklich meine Lieblingsjacke. Sie war schwarz und hatte auf der Brust einen weißen Drachen. Das sah total billig aus, und die Jacke war auch tatsächlich billig gewesen. Aber es sah auch toll aus. Und gefährlich.

Ich dachte: Mit der Jacke sieht man nicht gleich, wo ich herkomme. Ich meine, aus einer reichen Gegend. Und ich dachte: Mit der Jacke sieht man nicht gleich, dass ich feige bin. Und wehrlos. Sie war ein Schutz für mich. Eine Verkleidung, in der ich mich sicherer fühlte.

„Nerv ich dich?“, fragte Tschick. „Dann sag Bescheid!“

Ja klar, dachte ich. Und dann krieg ich eine in die Fresse, oder was?

„Bist du sitzen geblieben?“, fragte Tschick weiter.

„Nein“, antwortete ich.

„Ich frag nur, weil du so mies aussiehst.“

Na klar, ich sah traurig aus. Ich war sogar richtig unglücklich. Ich hatte schließlich keine Einladung bekommen.

„Und was machst du jetzt?“, fragte Tschick.

„Ich geh nach Hause.“

„Und dann?“

„Weiß nicht.“

Tschick ging weiter neben mir her, sagte aber nichts. Ich auch nicht. Dann kamen wir zu den Hochhäusern, wo Tschick wohnte. Wir verabschiedeten uns und Tschick ging nach Hause. Ich fand ihn ganz nett.

 

Allein zu Hause

Ich war wieder zu Hause. Wir hatten jetzt Sommerferien, und ich sah Tatjana sechs Wochen nicht. Wie sollte ich das bloß aushalten?

Ich nahm meine Beyoncé-Zeichnung und schaute sie lange an. Dann zerriss ich sie langsam. Als der Riss an Beyoncés Stirn war, fing ich an zu heulen.

Es klingelte an der Tür. Es war das Taxi für meine Mutter. Sie musste wieder in die Entzugsklinik. Diesmal für vier Wochen. Um vom Suff wegzukommen.

„Los, geh rauf und sag deiner Mutter Bescheid!“, schnauzte mich mein Vater an. Meine Mutter war im Schlafzimmer. Sie saß im Pelzmantel da und war betrunken. Ich half ihr auf und trug den Koffer runter. Mein Vater brachte sie zum Taxi.

Als sie weg war, kam er zu mir. Er hatte diesen Gesichtsausdruck, der so viel bedeutete wie: Ich bin dein Vater und ich muss mit dir sprechen. Über was Wichtiges.

Er war schon einmal mit diesem Gesichtsausdruck zu mir gekommen. Als unsere Haustiere und meine Schildkröte verschwunden waren.

Er hatte sie verschwinden lassen. Angeblich wegen einer Allergie. Ich glaube, er hat sie umgebracht.

Er kam also zu mir und sagte: „Ich muss dich zwei Wochen allein lassen, ist was Geschäftliches. Ich geb dir 200 Euro, und mach keinen Scheiß! Hörst du? Wenn du Scheiß machst, gibt es richtig Ärger!“

Es klingelte. Diesmal war es Mona. Sie war eine Mitarbeiterin meines Vaters. Und seine Freundin. Mein Vater ging fremd mit Mona. Meine Mutter wusste das. Und ich glaube, sie ging auch fremd.

Mona sah super aus und lachte die ganze Zeit. Und sie war nur ein paar Jahre älter als ich. 19 oder so. Jedenfalls holte Mona meinen Vater ab.

Sie hatte ganz kurze und enge Sachen an. So, dass man alles sehen konnte. Das wurde sicher keine Geschäftsreise. Die beiden fuhren zusammen in Urlaub.

Zum Abschied ermahnte mich mein Vater noch mal, dass ich bloß keinen Scheiß machen soll. Dann nahm er seinen Koffer, legte den Arm um Mona, und weg waren sie.

Ich knallte die Tür hinter ihnen zu und fing wieder an zu heulen.


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