Vor dem Regen kommt der Tod

Eine junge Frau wird vor ihrer Haustür überfallen und brutal niedergestochen. Die Polizistin Renate überlebt nur mit knapper Not. Wenige Tage später ereignet sich ein zweites Verbrechen... Hier eine  Leseprobe in Einfacher Sprache.

1.

Nirgendwo brennt mehr Licht.

Alle Wohnungen sind dunkel.

Und die Lampe im Treppenhaus ist wieder einmal kaputt.

Morgen wird sie eine neue Glühbirne besorgen.

Denn auf den Hausmeister kann man immer tagelang warten.

Aber jetzt muss sie im Dunkeln zu ihrer Wohnung finden.

Da ist die Tür.

Sie streckt die Hand aus.

Tastend sucht sie das Schlüssel-Loch.

Sie muss sich bücken.

 

Der Abend war blöd verlaufen.

Anders, als sie sich das vorgestellt hatte.

Schade.

Sie dreht den Schlüssel im Schloss um.

Die Tür geht auf.

Plötzlich steht er hinter ihr.

Leise wie eine Katze, die einen Vogel fängt.

Sie hat ihn zu spät bemerkt.

An Flucht ist nicht mehr zu denken.

Ein Arm schließt sich um ihren Hals.

Schreien ist unmöglich.

Auf einmal wird ihr klar:

Die kaputte Glühbirne war kein Zufall.

 

Sie ist jung und groß.

Und sie ist stark und sportlich.

Mit den Füßen tritt sie nach hinten.

Aber ihre dünnen Sommerschuhe tun ihm nichts.

Dann wirft sie die Schultern nach vorn.

Und stößt im selben Moment mit der Hüfte nach hinten.

Sie hofft, ihn zu Boden zu werfen.

Es gelingt nicht.

Stattdessen stürzt sie selbst zu Boden.

Er zieht sie sofort wieder hoch.

Und zerrt sie in die dunkle Wohnung.

 

Im Gang steht ein kleiner Tisch.

Aus afrikanischem Holz.

Sie weiß genau, wo er steht.

Hoffentlich schafft sie es bis dahin.

Sie entspannt die Muskeln.

Wie eine Puppe lässt sie sich auf den Boden fallen.

Halb nach vorne, halb auf die Seite.

Sodass sie neben dem Tischchen aufkommt.

Durch den Fall zieht sie den Mann mit zu Boden.

Er fällt über sie.

Sie spürt, dass er schlank ist.

 

Mit aller Kraft dreht sie sich auf den Rücken.

Dann drückt sie ihr Knie gegen seinen Unterleib.

Sie umklammert ein Tischbein.

Nun holt sie aus.

Sie will ihn mit dem Tischchen treffen.

Aber sie trifft ihn nicht.

Der Tisch fliegt gegen die Wohnungstür.

Im Glas der Tür bilden sich Risse.

Unsanft zieht der Mann sie hoch.

Doch sie lässt sich sofort wieder nach vorne fallen.

 

2.

Auf einmal brennt Licht.

Ist das ein Traum?

Sie kneift die Augen zusammen.

Es kommt ihr unwirklich vor.

Diese rohe Gewalt in ihrem Wohnzimmer.

Auch der Mann wird vom Licht überrascht.

Er war gegen den Licht-Schalter gestoßen.

Für einen Moment herrscht Stille.

Keiner bewegt sich.

Er nicht, und sie auch nicht.

Diesen Augenblick muss sie nutzen.

Es ist ihre eigene Wohnung.

Sie weiß, wie viele Schritte es vom Esstisch zum Fernseher sind.

Und vom Sofa zum Bücherschrank.

Dann erblickt sie das Messer in seiner Hand.

Ein großes Messer.

Es ist bestimmt 20 Zentimeter lang.

Sie versucht, ruhig zu bleiben.

Und sie prägt sich ein, wie der Mann aussieht.

Schwarze Turnschuhe, Jeans, schwarzes T-Shirt mit langen Ärmeln.

Und Handschuhe.

Über den Kopf hat er eine Biwak-Mütze gezogen.

Er ist nicht größer als sie.

Für einen Mann ist das eine normale Größe.

Seine breiten Schultern sind sehr muskulös.

Außerdem wirkt er jung.

 

Plötzlich spürt sie das Messer am Hals.

Blut tropft heraus.

Sie zieht das Knie hoch.

Direkt zwischen seine Beine.

Er stöhnt.

Zum ersten Mal hört sie einen Laut aus seinem Mund.

Mit einem Karate-Schlag zielt sie auf seine Hand.

Doch er ist schneller.

Geschickt springt er zur Seite.

 

3.

Sie braucht eine Waffe.

Etwas, womit sie sich verteidigen kann.

Unweit von ihr steht eine Glasvase.

Aus dem Urlaub in Italien.

Die Vase ist wunderschön.

Und sie hat viel Geld gekostet.

Doch sie hat den Kauf nie bereut.

Jeden Tag bewundert sie die Vase aufs Neue.

 

Jetzt hält sie die Vase mit beiden Händen über den Kopf.

Sie wirft.

Die Vase fliegt durch die Luft.

Sie trifft nicht ihn, sondern die Wand hinter ihm.

Silbergraue Glas-Splitter fliegen herum.

Einige bleiben in seiner Wollmütze hängen.

Eigentlich schreit sie nie aus Angst.

Aber jetzt tut sie es.

Laut und schrill.

Schnell hebt sie eine große Scherbe vom Boden auf.

Der scharfe Rand schneidet ihr tief in die Hand.

Sie spürt es nicht und will ausholen.

Doch wieder ist sie nicht schnell genug.

Mit der linken Hand packt er sie an den langen Haaren.

Und zieht ihren Kopf nach hinten.

Sie holt mit der Scherbe aus und trifft ihn auf der

Brust.

 

Dann sticht er zu.

Quer durch ihre dunkelblaue Bluse.

Durch die Haut, in die Muskeln.

Den linken Arm kann sie nicht mehr bewegen.

Die Glas-Scherbe fällt ihr aus der Hand.

Sie schreit noch einmal laut auf.

Doch dann spürt sie seine Faust.

Und wieder das scharfe Messer.

„Nein“, flüstert sie. „Nein.“

 

4.

Ist es vorbei? Ist sie tot? Gestorben?

Sie liegt am Boden.

Der Teppich kratzt an ihrer Wange.

Warum ich? Es muss einen Grund geben.

 

Sie spürt das Messer in ihrer rechten Brust.

Es ist ein stechender Schmerz.

So eine Art von Schmerz hat sie noch nie gehabt.

Sie bekommt keine Luft mehr.

Wie jemand, der ertrinkt.

 

Sie ist bewusstlos, als der Mann ihre Haare abschneidet.

Auch ein Stück Kopfhaut schneidet er ab.

Von all dem kriegt sie nichts mit. Sie hört nicht, dass an der Wohnungstür geklingelt wird.

Sie merkt nicht, dass der Mann ihre Leinenhose zerreißt. Und dass er ihr in den Bauch sticht.

 

Wieder klingelt es an der Tür.

Der Mann schaut auf.

Noch immer hält er das Messer in der Hand.

Er zweifelt eine Sekunde.

Dann steht er auf und läuft ins Schlafzimmer.

Hastig öffnet er die Tür zum Balkon.

Er klettert über das Geländer und springt.

 

5.

Nie zuvor gab es ein solches Erwachen.

Wie das Ende einer langen Reise.

Es ist ein unwirkliches Gefühl.

Ihr ist heiß. Feuchtheiß.

Vom Bauch bis zum Hals.

Als ob sie in der Badewanne liegt.

 

Doch das ist keine Badewanne.

Sie hat die Kleider noch an.

Ihren linken Arm spürt sie nicht mehr.

Sie liegt in ihrem eigenen Blut.

Langsam kommt die Erinnerung zurück.

Wieder spürt sie die schrecklichen Schmerzen.

Atmen.

Sie muss atmen. Ein, aus.

Ein, aus.

Ihre Kehle brennt.

Das Schlucken tut höllisch weh.

Sie braucht unbedingt Hilfe.

Sofort.

 

Das Handy ist in ihrer Handtasche.

Vorsichtig dreht sie den Kopf zur Seite.

Von links nach rechts.

Ihre Tasche liegt bei der Zimmertür.

Sie kann nicht aufstehen.

 

Und gehen schon gar nicht.

Angestrengt zieht sie ihre Knie hoch und stemmt

die Füße schräg auf den Teppich.

So rutscht sie auf der Seite liegend langsam zur Tür.

 

 

Sie holt das Handy heraus.

Die Finger der rechten Hand helfen der linken Hand.

Nur so kann sie das Gerät festhalten.

Die Tasten sind klein.

Und sie sind schon ganz rot vom vielen Blut.

Endlich findet sie den Namen, den sie sucht.

Alles wird gut.

Hoffentlich geht er schnell ans Telefon.

 

„Fechter.“

„Hier ist Renate“, bringt sie kraftlos heraus.

„Komm her … bitte.“

 

6.

Kommissar Paul Fechter hat schlecht geschlafen.

In seiner Wohnung ist es sehr heiß.

Das Klingeln hat ihn aus einem Traum geholt.

Die Bettdecke fühlt sich warm an.

Er schlägt sie zurück und greift zum Telefon.

„Fechter.“

„Hier ist Renate. Komm her … bitte.“

Er hört sie fast nicht.

„Wo bist du?

Was ist los?“

Er bekommt keine Antwort.

Fechter schaut auf die Uhr: fast halb zwei.

Renate ist wahrscheinlich zu Hause.

Sie hat morgen Dienst.

„Ich komme sofort.“

 

Zunächst will er auf der Polizei-Wache anrufen.

Und Talheimer bitten, mit ihm zu kommen.

Doch dann tut er es nicht.

Rasch zieht er die Wohnungstür hinter sich zu.

Er nimmt die Treppe.

Das Warten auf den Lift dauert viel zu lange.

Unten steigt er ins Auto.

Dabei schaut er noch einmal auf seine Armband-Uhr.

Eine Angewohnheit, die viele Polizisten haben.

 

Er achtet nicht auf die Ampeln.

Schnell fährt er zu Renates Wohnung.

Mit quietschenden Reifen bringt er den Wagen zum  Stehen.

Die Fahrt hat nur zwölf Minuten gedauert.

Ein Rekord.

Tagsüber braucht man für diese Strecke eine halbe  Stunde.

Renates kleiner Opel steht auf dem Parkplatz.

 

Fechter rennt hinauf in den ersten Stock.

Durch das Glas in der Wohnungstür dringt Licht.

Das Glas hat Risse.

Er drückt auf die Klingel, aber es rührt sich nichts.

Hätte er doch Talheimer anrufen sollen?

Der bekommt alle Schlösser auf.

Talheimer hat sogar einen kleinen Koffer.

Mit selbst gemachten Werkzeugen.

Aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr.

Er tritt ein paar Schritte zurück.

Dann wirft er sich mit dem ganzen Gewicht gegen die Tür.

Glück gehabt.

Seine Knochen sind stärker als das Holz.

Die Tür gibt nach.

 

7.

Im Gang stolpert Fechter fast über das Tischchen.

Er schaut sich um.

Die Tür zum Wohnzimmer ist halb geöffnet.

 

Obwohl er gut schießen kann, mag er keine Waffen.

Seine Dienst-Pistole benutzt er fast nie.

Doch jetzt zieht er sie.

Mit dem Fuß stößt er die Tür zum Wohnzimmer  weit auf.

Überall Blut.

Es schaudert ihn.

 

Renate liegt in der Nähe der Tür.

Ihr rotes Haar ist jetzt schwarzbraun.

Auf dem Bauch rote Streifen.

Und die weiße Leinenhose ist zerrissen.

Sie hat ihre Unterhose noch an.

Zum Glück, denkt Fechter.

Er bückt sich.

Nichts darf er berühren. Nichts.

Weder das Handy noch ihre Handtasche.

Und die kaputten Sachen in der Wohnung auch nicht.

 

„Renate.“ Sie reagiert nicht.

„Renate!“

 

Er bekommt keine Antwort.

Ihr Brustkasten hebt und senkt sich leicht.

Fechter steckt die Pistole weg.

Er greift zu seinem Handy und wählt den Notruf.

Danach ruft er Talheimer an.

 

Dann schaut er sich in der Wohnung um.

Die Küche sieht aufgeräumt aus. Das Badezimmer auch.

Nur die Balkontür im Schlafzimmer ist offen.

Er lehnt sich über das Geländer und schaut nach unten.

Der Wind streicht durchs Gebüsch.


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