"Ein Sommer in Tanum" in Einfacher Sprache

Anna wird von ihrem Mann Tom verlassen. Für Anna bricht eine Welt zusammen. Bis sie eines Tages zu ihrer Chefin gerufen wird. Anna soll einen Reisebericht über Felsbilder in Schweden schreiben. Dort begegnet sie Sven. Die beiden kommen sich immer näher. Bis Anna bei einem Unfall ein Geheimnis von Sven entdeckt. Ein Geheimnis, das alte Wunden aufreißt ...
Der Spaß am Lesen Verlag hat den Roman „Ein Sommer in Tanum“ von Marion Döbert in Einfache Sprache übersetzt. Hier eine Leseprobe.
 

Tom und ich

Tom hat mir die Wahrheit ins Gesicht gesagt.

Mitten ins Gesicht.

Er hat all seinen Mut zusammengenommen.

„Ich muss mit dir sprechen, Anna.“

Tom reibt sich mit den Händen über seine Beine.

Er steht nervös auf.

Er läuft im Zimmer auf und ab.

Er sucht nach Worten.

Er will mir seine Botschaft vorsichtig servieren.

Wie ein gutes Essen auf einem Tablett.

Aber hier geht es nicht um ein gutes Essen.

Hier geht es um einen sauren Apfel, in den ich beißen soll.

In den sauren Apfel der Wahrheit.

Jetzt, nach 14 Jahren Ehe.

Damals war ich 21 Jahre alt.

Da hat mich Tom gefragt, ob ich seine Frau werden will.

Natürlich habe ich ja gesagt.

Tom ist ein attraktiver Mann.

Bis heute noch.

Tom ist so etwas wie eine gute Partie: eigenes Haus, flottes Auto, guter Job.

Das alles hatte Tom schon, als wir uns kennen lernten.

Das alles hat mich sehr beeindruckt.

Bei Tom hat man ein sorgenfreies Leben.

Das dachte ich damals.

Unsere Hochzeit war ein Traum.

So wie alle Hochzeiten.

Jeder glaubt:

Dieser Tag ist der wichtigste Tag im Leben.

Fast ein Jahr lang haben wir an nichts anderes gedacht: Wo sollen wir heiraten?

Wen laden wir ein?

Was ziehen wir an?

Was soll es zu essen geben?

Was soll auf den Hochzeits-Karten stehen?

Das Leben draußen in der Welt, das lief an uns vorbei wie ein Film.

Und jetzt?

Tom setzt sich neben mich.

„Anna“, fängt er noch einmal an.

Wieder steht er auf.

Wieder geht er durchs Zimmer.

Vielleicht hat er seinen Job verloren?

Oder wir müssen das Haus verkaufen?

Vielleicht hat er Schulden?

Es gibt Männer, die verspielen ihr ganzes Geld.

Und erst ganz zum Schluss bekommt die Frau das mit.

Vielleicht ist Tom krank?

Männer reden über so was nicht gerne.

Vielleicht ist er schwer krank?

Tom ist viel älter als ich.

Vielleicht muss er sterben?

Ich werde immer nervöser.

Tom nimmt allen Mut zusammen.

Ich spüre, wie schwer ihm das Reden fällt.

Plötzlich gibt er sich einen Ruck und sagt:

„Anna, ich liebe eine andere Frau.“

Mit allem hatte ich gerechnet.

Aber nicht damit.

Tom muss was getrunken haben.

Der ist doch nicht ganz klar im Kopf!

Eine andere Frau ...

Woher denn?

Wie denn?

Und wann?

Und wieso?

 

Die Wahrheit

Tom geht jeden Morgen zur Arbeit.

Und ich weiß:

Er liebt seine Arbeit.

Er ist gut angesehen beim Chef und bei den Kollegen.

Abends kommt er nach Hause.

Wir reden und essen zusammen.

Seit 14 Jahren kann ich mich auf Tom verlassen.

Manchmal erzählt er mir von seinen Erfolgen.

Wenn etwas auf der Arbeit besonders gut gelaufen ist.

Ab und zu muss Tom auch für seinen Job reisen.

Das mag er nicht.

Vor allem nicht, wenn er fliegen muss:

nach Thailand, China oder Amerika.

Aber ich, ich wäre gerne mitgeflogen.

Tom sagt immer: „Ich hasse das Fliegen.“

Deshalb sind wir im Urlaub auch immer mit dem Auto gefahren.

In den Schwarzwald, nach Österreich oder nach Bayern.

Wo hat er diese Frau nur kennen gelernt?

„Wer ist sie?“, frage ich Tom.

„Du kennst sie nicht.“

Als ob es für mich beruhigend wäre, diese Frau nicht zu kennen.

Bei dem Gedanken an eine konkrete, an eine echte Frau, wird mir kotz-übel.

Warum redet Tom nicht weiter?

Gleichzeitig würde ich mir am liebsten die Ohren zuhalten.

Aber jetzt muss ich alles wissen.

„Wie heißt sie?“

„Patty.“

„Und weiter?“

„Patty Harrison.“

„Eine Engländerin?“

„Nein. Eine Amerikanerin.“

In Gedanken gehe ich alle amerikanischen Frauen durch.

Alle, die ich aus Filmen oder aus Frauen-Zeitungen kenne.

Vor meinen Augen sehe ich nur blondierte Frauen.

Frauen, die alle gleich aussehen: Lange Haare, Mittel-Scheitel, Kuss-Mund, keine Falten.

Alle wie vom selben Schönheits-Doktor operiert.

Und das soll Tom gefallen?

„Hast du sie auf deiner Reise nach New York kennen gelernt?“

„Nein“, sagt Tom.

Muss ich ihm denn alles wie Würmer aus der Nase ziehen?

Warum redet der Mann nicht?

Vor Aufregung zittern meine Hände.

Am liebsten würde ich ihn schütteln.

„Rede weiter!“, sage ich.

Und sehe dabei auf das Muster von unserem Teppich.

„Sie ist eine Kollegin.“

„Seit wann?“

„Seit zwei Jahren.“

„Ist sie eine Kollegin oder deine Geliebte seit zwei Jahren?“

Fast schreie ich.

„Beides“, sagt er.

Ich sehe Tom entsetzt an.

„Du hast seit zwei Jahren ein Verhältnis mit ihr?“

Jetzt starrt Tom auf das Muster von unserem Teppich.

„Ja.“

„Das ist nicht wahr, Tom.

Tom, sag, dass es nicht wahr ist!“

Tom schweigt.

Ich versinke in unserem Sofa.

So, als würde ich verschluckt.

„Wie sieht sie aus?“, frage ich Tom.

Am liebsten würde ich mir die Zunge abbeißen.

Warum will ich nur wissen, wie sie aussieht?

„Lass sein!“, sagt Tom.

„Das macht es doch nicht leichter.“

„Wie sieht sie aus?“, schreie ich.

Ich reiße an seiner Jacke.

„Wie sieht sie aus?

Wie alt ist sie?“

Fast spucke ich ihn an.

Vor Wut und Verzweiflung.

„Das ist doch egal.“

Tom versucht, mir auszuweichen.

Ich zerre weiter an seiner Jacke.

„Wie alt ist sie?“

Eigentlich will ich schreien:

Was hat sie, was ich nicht habe?

Aber ich weiß nicht mehr, was ich will.

Unser Sofa ist wie ein Floß.

Wie ein Boot aus Brettern.

Ein Boot, das immer tiefer sinkt.

Das Muster auf dem Teppich ist schon unter Wasser.

Alles verschwimmt in meinen Tränen.

„Sie ist Süd-Amerikanerin.“

„Eine Schwarze?“

„Ja“, sagt Tom.

Ich springe auf.

Tom schüttelt mich.

„Das spielt doch keine Rolle.“

„Fass mich nicht an!“, schreie ich.

„Mit mir fährst du in den Schwarzwald.

Und auf der Arbeit spielst du Copacabana.“

Tom schüttelt mich wieder.

„Anna, reiß dich zusammen!

Sie ist eine Kollegin.

Eine kluge, nette, interessante Frau.

Wir sind uns einfach näher gekommen.“

Ich schreie Tom an:

„Ja, immer näher gekommen.

Das kann ich mir gut vorstellen.

Und ich stehe hier blöd in der Küche rum.

Damit du nach deiner harten Arbeit auch noch was zu essen bekommst.

Warum hast du sie nicht gleich mit hierhergebracht?

Ob ich für zwei oder drei koche, ist doch egal.“

Meine ganze Wut schleudere ich Tom entgegen.

Er ist getroffen.

Er ist verletzt.

Jetzt ist er es, der die Geduld verliert.

„Dann musst du für vier kochen“, sagt er.

„Patty und ich, wir bekommen ein Baby.“

 

Carla

Erst versteht Carla überhaupt nicht, was los ist.

Weil sie gar nicht verstehen kann, was ich sage.

Carla ist meine beste Freundin.

Ich heule Rotz und Wasser ins Handy.

Meine Worte überschlagen sich.

„Ruhig, Anna!

Anna, beruhige dich doch.

Ich kann dich sonst nicht verstehen.“

Ich heule weiter.

Ich stottere.

Ich kriege keine Luft.

„Copacabana?“, fragt Carla.

„Wo bist du, Anna?“

Ich kriege kaum einen Ton raus.

„Was ...?

Tom kriegt ein Baby?

Anna, du hast zu viel getrunken!“

Je mehr Carla fragt, desto mehr muss ich heulen.

„Schwarzwald?“, fragt Carla.

„Wieso Schwarzwald?

Ich denke, du bist in Brasilien.

Am Strand von Copacabana.

Brauchst du Hilfe?

Anna, sprich doch mal deutlich!

Was ... du stehst unten vor meiner Haustür?“

Als ich nach oben sehe,

steht Carla am Fenster und winkt.

Ich wollte nicht bei ihr klingeln.

Mitten in der Nacht.

Als ich den Tür-Öffner höre, fühle ich mich ein kleines bisschen besser.

Wenigstens muss ich nicht auf der Straße schlafen.

Bei Tom wäre ich nicht eine einzige Nacht länger geblieben.

Wie oft haben wir auf unserem Teppich getanzt.

In den ersten Jahren von unserer Ehe.

Erst getanzt.

Dann haben wir uns geliebt.

Zu unserer Lieblings-Musik:

Musik aus Süd-Amerika.

 

Freundinnen

„Du bleibst jetzt erst mal bei mir“, sagt Carla.

Nach und nach versteht sie, was vorgefallen ist.

„Morgen machen wir Mutter-Rat“, sagt sie.

„Dann sehen wir weiter.“

Wenn eine von uns Freundinnen Probleme hat, setzen wir uns alle zusammen.

Um aus dem Schlamassel rauszukommen.

Um eine Lösung zu finden.

Das nennen wir dann Mutter-Rat.

Auf der Arbeit heißt das Supervision.

Dann kommt ein Berater.

Der wird teuer bezahlt.

Bei uns geht das einfacher.

Hoffentlich auch bei mir!

Am nächsten Tag kommen wir zusammen.

Meine Freundinnen hören sich alles an.

Dann beschließen wir einen Rettungs-Plan für mich.

Einen Rettungs-Plan mit zehn Regeln:

1. Nicht krankfeiern. Sofort wieder zur Arbeit gehen.

2. Eine schöne, helle Wohnung suchen.

3. Die Scheidung einreichen.

4. Zum Friseur gehen.

5. Auf keinen Fall auf Unterhalt und Rente von Tom verzichten!

6. Die eigenen Sachen aus der Wohnung holen.

(Nur in Begleitung von Carla!)

7. Eine Reise planen.

8. Jeden Tag Nachrichten gucken oder Zeitung lesen. (Was sind echte Probleme?)

9. Shoppen: Nur Sachen kaufen, die mir gefallen und nicht Tom!

10. Mit den Freundinnen regelmäßig in die Sauna gehen.

Regel 1 befolge ich gleich am Montag.

Ich schleppe mich zur Arbeit.

Wie ein Krokodil auf trockenem Sand:

Langsam. Schwer.

Mit riesigen Säcken unter den Augen.

Meine Kolleginnen sagen nicht:

„Na, am Wochen-Ende zu viel gefeiert?“

Sie sehen sofort:

Das sind echte Tränen-Säcke.

Nach vier Jahren Ehe hatte ich angefangen, hier zu arbeiten.

Tom hat mich ja nie mitgenommen.

Wenn er für die Arbeit reisen musste.

Aber ich wollte immer so gerne reisen.

Deshalb arbeite ich seit vielen Jahren hier bei Frei-Weg.

Bei einem Verlag, der Reise-Bücher macht.

Ich reise. Und ich schreibe darüber.

Und dafür bekomme ich auch noch Geld.

Durch die Arbeit konnte ich unsere Ehe besser aushalten.

Tom hatte seine Arbeit.

Ich hatte meine Arbeit.

Beide waren wir auf Reisen.

Jeder für sich.

Immer allein.


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