Das Labyrinth der Wörter

Der 45-jährige Germain lebt in den Tag hinein, verbringt seine Zeit in der Kneipe und zählt Tauben im Park. An seine Kindheit und vor allem an die Schulzeit denkt er mit Grauen zurück. Nicht einmal das Lesen hat ihm sein Lehrer beigebracht. Deshalb sind Wörter für Germain wie ein Irrgarten, in dem er sich immer wieder verläuft. Eines Tages begegnet ihm eine alte Dame im Park. Germains Leben bekommt plötzlich eine neue Richtung...

Eine Leseprobe in Einfacher Sprache

Die Entscheidung

Ich habe eine Entscheidung getroffen.

Ich werde Margueritte adoptieren.

Ich muss mich beeilen.

Denn Margueritte wird bald 86.

Ich kann also nicht mehr lange warten. Alte Leute sterben ja so schnell.

Wenn ich Margueritte adoptiert habe, dann kann ich mich richtig um sie kümmern.

Wenn sie hinfällt auf der Straße. Oder wenn man ihr die Handtasche klaut. Dann bin ich sofort da. Diese Typen, die Taschen klauen, die kenne ich nur zu gut.

„Haut ab!“, sage ich dann. „Verzieht euch! Das hier ist meine Großmutter.“

Die Typen können ja nicht sehen, dass Margueritte nur meine adoptierte Großmutter ist.

Wenn ich Margueritte adoptiert habe, dann kann ich für sie die Zeitung kaufen. Und ihre geliebten Pfefferminz-Bonbons. Ich kann mit ihr gemeinsam zu den Tauben in den Park gehen. Und sonntags kann ich sie im Altersheim besuchen. Ich kann mit ihr zusammen Mittag essen, wenn ich will.

 

Klar, das kann ich natürlich jetzt auch schon alles machen. Auch ohne Adoption.

Aber ohne Adoption ist das was anderes. Ich komme dann zu ihr wie ein Bekannter, der nur zu Besuch kommt.

Ich will aber mehr sein für Margueritte. Ich will für Margueritte Familie sein. Ich will mich um sie kümmern, weil ich Lust dazu habe. Aber auch, weil ich mich verpflichtet fühlen will. Wie in einer echten Familie. So was würde mir gut gefallen. Das spüre ich.

Margueritte hat mein ganzes Leben verändert. Seitdem wir uns im Park getroffen haben, hat sich auch in mir so viel verändert.

Bevor ich Margueritte begegnet bin, hatte ich keine Familie. Vorher habe ich nie gerne an andere Menschen gedacht. Außer an mich selbst. Aber an Margueritte denke ich gerne.

Na ja. Ich habe natürlich eine Mutter. Geht ja nicht ohne. Neun Monate war ich in ihr drin. Danach kamen nur schlechte Zeiten. An was Schönes mit meiner Mutter kann ich mich nicht erinnern. Ich habe natürlich auch einen Vater. Aber der hat meine Mutter nur gevögelt. Dann war er weg.

 

Trotzdem ist aus mir ein ganzer Kerl geworden. Mein Name: Germain Chazes. Größe: 1 Meter 89. Gewicht: 110 Kilo. Alles Muskeln, kein Gramm Fett. Eigentlich können meine Eltern stolz auf mich sein. Aber sie haben mich einfach nicht gewollt.

Bevor ich Margueritte kannte, habe ich überhaupt niemanden geliebt. Ich meine natürlich nicht Sex. Von wegen, ich stehe auf Omas oder so! Wenn das jemand sagt, haue ich ihm sofort eins in die Fresse.

Nein, ich spreche von anständigen Gefühlen: von Zuneigung, Zärtlichkeit, Vertrauen. So was habe ich erst durch Margueritte kennen gelernt. Vorher habe ich solche Worte nie in den Mund genommen. Vorher kannte ich so was überhaupt nicht.

Schade, dass ich Margueritte noch nicht hatte, als ich klein war. Als ich immer nur Blödsinn im Kopf hatte. Da hätte ich sie dringend gebraucht.

Aber so ist das Leben: Vorbei ist vorbei. Da gibt es nichts zu bedauern. Ist eben so gewesen.

Ich habe mich also alleine versorgt. Was dabei herausgekommen ist, entspricht nicht ganz den allgemeinen Vorstellungen. Aber es kann sich sehen lassen.

 

Ich bin groß und stark. Margueritte dagegen wird immer kleiner. Sie ist so zerbrechlich. Ganz nach vorne gebeugt ist sie. Sie hat Knochen wie ein Vögelchen. Ich könnte sie ohne Mühe zwischen zwei Fingern zerdrücken. Das würde ich natürlich nie tun.

Marguerittes Knochen sind so zart wie die kleinen Glas-Figuren im Schaufenster vom Schreibwaren-Laden. So zart wie das Reh aus Glas, das dort steht. Das Reh hat Beine, die sind so fein wie Wimpern.

Am liebsten würde ich mir das Reh kaufen. Drei Euro? Was ist das schon?! Aber ich weiß genau: In meiner Tasche würde das Reh zerbrechen. Und wohin soll ich es überhaupt stellen? In meinem Wohnwagen gibt es keine Regale für solches Zeug.

Am Anfang gab es auch für Margueritte keinen Platz. In mir drin, meine ich. Ich musste erst Platz schaffen für sie. Und ich musste Platz schaffen für meine Gefühle. Deshalb habe ich in mir selber erst einmal aufgeräumt. Ich habe mich entrümpelt.

Ich habe mich frei gemacht von dem ganzen Quatsch, der mich bisher ausgefüllt hat: von den Spiel-Shows im Fernsehen, von den Witzen im Radio, von dem Gequatsche mit Jojo in unserer Stamm-Kneipe Chez Francine.

 

Ich habe mich auch frei gemacht vom  Karten-Spielen mit Marco, Julien und Landremont. Ich habe mich von all dem entrümpelt. Um besser denken zu können.

Auch von den Abenden mit Annette habe ich mich befreit. Ich bin ja immer nur hingegangen, weil ich mit ihr vögeln wollte. Vögeln ist natürlich gar nicht so schlecht. Denn mit Druck auf den Eiern kann man nicht gut denken.

Aber von Annette erzähle ich später. Zwischen uns ist es auch nicht mehr so, wie es früher mal war. Die Begegnung mit Margueritte hat eben alles verändert.

 

Das erste Mal

Es ist ein warmer Sonnentag, als ich Margueritte zum ersten Mal sehe.

Es ist gegen drei Uhr nachmittags, an einem Montag. Da weiß ich natürlich noch nicht, dass die alte Dame da auf der Bank Margueritte heißt.

Und ich weiß in dem Moment auch noch nicht, dass wir Freunde werden. Das kann man ja beim ersten Mal auch gar nicht wissen. Vielleicht passiert es, vielleicht auch nicht.

Die alte Dame sitzt also in dem Park auf der Bank und guckt Löcher in die Luft.

Sie trägt ein Kleid, das mit lila und grauen Blumen bedruckt ist. In denselben Farben wie ihr Haar. Ihre graue Strickjacke hat sie bis oben zugeknöpft. Sie trägt dunkle Strümpfe und schwarze Schuhe. Ihre schwarze Handtasche hat sie neben sich gestellt.

Wie unvorsichtig! Die könnte ich total leicht klauen. Ich würde so was natürlich nicht tun, aber es gibt so Typen.

Du kannst so eine alte Dame ganz leicht mit der flachen Hand wegstoßen. Dann fällt sie mit einem kleinen Schrei hin. Und bricht sich den Oberschenkel.

 

Du rennst dann einfach weg. Also, nicht du oder ich, sondern diese Typen. Die rennen dann einfach weg. Und lassen die Alte halb tot liegen. Fragen Sie mich nicht, woher ich das alles weiß. Egal! Die Alte ist jedenfalls unvorsichtig.

Eigentlich ist es Zufall, dass ich ausgerechnet heute hier im Park bin. Ich habe ja auch noch andere Sachen zu tun.

Zum Beispiel messe ich mit meinen Händen den Umfang von Bäumen. Von den Bäumen, die sie bei unserer Umgehungs-Straße gepflanzt haben. Ich messe, ob die Bäume wachsen oder eingehen. Ich kontrolliere das Baum-Sterben. Wegen der Abgase. Ich wette, die Hälfte von den Bäumen wird eingehen.

Ich habe immer was zu tun. Wenn ich nicht die Bäume abmesse, trainiere ich.

Ich trainiere, so lange wie möglich zu laufen. Und außerdem übe ich, mit der Schrot-Flinte auf leere Dosen zu schießen. Das mache ich vor meinem Wohnwagen. Ich trainiere durch das Laufen meine Ausdauer. Und durch das Schießen trainiere ich meine Reflexe. Beides ist wichtig, wenn ich mal einem Attentat entkommen muss.

 

Oder wenn ich mal Leute retten muss. Besser ist es dann, dass man darauf vorbereitet ist.

Ich mache aber auch noch andere Sachen. Ich schnitze mit meinem Taschenmesser Tiere. Kleine Figuren, aus Holz. Ich schnitze alles, was ich so sehe: Katzen, Hunde, Leute von der Straße.

Oder ich gehe in den Park und zähle die Tauben. Dabei komme ich immer an dem Denkmal für gefallene Soldaten vorbei. Jedes Mal schreibe ich meinen Namen dazu. Und zwar in Groß-Buchstaben auf die Marmor-Platte.

Natürlich wischt jedes Mal ein Kerl von der Verwaltung meinen Namen wieder weg. Dabei scheißt er mich auch noch zusammen:

Germain, hör endlich mal auf mit dem Blödsinn! Ich habe die Schnauze voll. Nächstes Mal machst du das selber sauber.“

Der Kerl wischt einfach immer wieder meinen Namen weg. Dabei steht auf meinen

Filz-Stiften: wisch- und wasserfest! Ich werde denen im Schreibwaren-Laden sagen, dass sie einen verarschen. Außerdem sind die Stifte auch noch sauteuer.

 

Jedenfalls werde ich meinen Namen so lange da hinschreiben, bis er irgendwann da stehen bleibt. Wen soll das denn auch stören? Ich schreibe meinen Namen doch nur ganz unten hin, unter alle anderen Namen.

Das habe ich auch zu Jacques Devallée gesagt. Der ist ein hohes Tier im Rathaus. Ich habe mich bei ihm beschwert, weil mein Name immer wieder weggewischt wird. Es ist doch eine Namens-Liste. Da kann ich doch auch meinen Namen draufsetzen.

Devallée nickt und sagt:

„Ja, Germain, es ist eine Namens-Liste. Aber es gibt da etwas zu berücksichtigen.“

„Was?“, frage ich ihn.

„Nun“, versucht er mir zu erklären, „alle Leute, die mit ihrem Namen auf dem Denkmal stehen, haben eins gemeinsam: Sie sind tot.“

„Aha“, sage ich. „Ich habe kapiert: Um draufstehen zu dürfen, muss man erst ins Gras gebissen haben? Dann müsst ihr also meinen Namen draufsetzen, wenn ich tot bin.“

„Warum?“, fragt Devallée erstaunt.

„Weil ich das in mein Testament aufnehmen werde. Den letzten Willen von einem Verstorbenen muss man beachten.“

 

„Nicht unbedingt“, sagt Devallée, „nicht unbedingt.“

Trotzdem. Ich weiß, was ich sage. Nach meinem Tod will ich, dass sie meinen Namen draufschreiben. Und zwar nicht ans Ende, sondern an die fünfte Stelle. Da gehört mein Name nämlich eigentlich hin. Wenn man nach dem Alphabet geht.

Ich lass mich doch nicht übers Ohr hauen. Der Lack-Affe Devallée muss meinen Namen persönlich eingravieren. Das werde ich so festlegen. In meinem Testament. Nur um ihn zu ärgern!

An diesem Montag aber ist mir das Denkmal egal. An diesem Montag habe ich Blumen-Samen gekauft. Und auf dem Rückweg gehe ich durch den Park. Um mal wieder die Tauben zu zählen. Ich zähle nämlich jeden Tag die Tauben im Park.

Dazu muss ich mich den Tauben ganz langsam nähern. Sonst flattern sie auf.

Und dann kann man nicht mehr richtig zählen. Vielleicht sollte ich sowieso lieber die Schwäne zählen. Die sind ruhiger als die Tauben. Und es sind nicht so viele. Es sind nur drei.

Als ich zu der Bank komme, wo ich sonst zähle, sitzt da diese alte Dame.


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