"Die fetten Jahre sind vorbei" in Einfacher Sprache

Jan, Peter und Jule sind Anfang zwanzig und leben in Berlin. Sie haben es satt: Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Deshalb brechen sie in die Villen der Reichen ein und hinterlassen Botschaften wie „Die fetten
Jahre sind vorbei“. Als sie eines Tages erwischt werden, nehmen sie den Hausbesitzer als Geisel und flüchten mit ihm in eine einsame Berghütte. Dort werden die Ideale aller Beteiligten auf eine harte Probe gestellt...
Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch in Einfacher Sprache.
 

Die Villa

Peter und ich starren auf die Bild-Schirme.

Auf den Bild-Schirmen sehen wir die Villa.

Eine Luxus-Villa.

Mit einem riesigen Garten.

Ein Garten, so groß wie ein ganzer Park.

Im Haus ist ein Pool.

Besser gesagt: ein Schwimmbad aus Marmor.

Eine Sauna gibt es natürlich auch.

Die Reichen haben immer Häuser mit Pool und mit Sauna.

Die Reichen müssen sich erholen.

Von dem vielen Geld, das sie haben.

In dem Garten stehen Figuren aus Marmor:

Götter und nackte Weiber.

Die Gartenmöbel sind abgedeckt.

Mit weißer Plane.

Damit bloß kein Kratzer an die teuren

Sachen kommt.

Das alles sehen wir auf den Bild-Schirmen.

Denn wir haben Kameras versteckt.

Vor der Villa.

In der Villa.

Im Garten.

Die Villa ist leer.

Die Leute sind in Urlaub.

Das erkennt man sofort:

Keine Autos, die wegfahren oder ankommen.

Keine Menschen, die rein- oder rausgehen.

Niemand im Garten.

Und die Gartenmöbel abgedeckt.

Da weiß doch jeder:

Die sind in Urlaub.

Peter und ich haben das sofort gesehen.

Und dann haben wir zugeschlagen.

Die werden sich wundern, wenn sie zurückkommen.

 

 

Die Rückkehr

„Hey, Jan!“

Peter stößt mich an.

„Da sind sie.“

Auf dem Bild-Schirm sehen wir einen

Wagen vorfahren.

Ein teurer Schlitten natürlich.

Die Familie ist aus dem Urlaub zurück.

Ein Mann steigt aus.

Seine Frau nennt ihn Jürgen.

„Endlich wieder zuhause“, sagt die Frau.

Sie streckt sich.

Genauso wie die Tochter und der Sohn.

Es muss eine lange Fahrt gewesen sein.

Und ein langer Urlaub.

Jan und ich hatten genug Zeit.

Wir mussten uns nicht beeilen.

Wir hatten genug Zeit, um diesen Reichen einen ordentlichen Schrecken einzujagen.

Alle zusammen gehen sie ins Haus.

 „Machst du mal die Sauna an, Jürgen?

Nach der Fahrt kann ich das gut gebrauchen.“

Die Frau streckt sich noch einmal.

Jeder schleppt Koffer und Taschen in den Flur.

Plötzlich bleibt der Sohn wie angewurzelt stehen.

Er starrt in das Wohnzimmer.

Er stammelt: „Was ... was ist ... hier ...?“

Die anderen laufen zu ihm hin.

„Was ist denn hier passiert?“

Entsetzt sehen alle in dem Zimmer umher.

Keiner findet Worte.

Die Möbel stehen nicht mehr an ihrem Platz.

Wie zu einem Turm sind sie hoch aufgestapelt.

Mitten im Zimmer.

Sessel, Stühle, Regale und Bücher.

Alles liegt auf einem Haufen.

Andere Möbel sind zur Seite gekippt.

Die Bilder sind von den Wänden genommen.

Sie stehen auf dem Fußboden.

Oder hängen auf dem Kopf an der Wand.

Nichts in diesem Zimmer ist mehr an seinem Platz.

Nichts in dem ganzen Haus.

Sie sehen sich an.

Voller Angst und Sorge.

Vorsichtig gehen sie weiter durch das Haus.

Nur ein paar Straßen weiter sitzen wir in unserem VW-Bus.

In unserem Bulli.

Die Scheiben haben wir abgedunkelt.

So werden die Bild-Schirme nicht geblendet.

Und von außen kann uns niemand sehen.

„Wenn die wüssten ...“, flüstert Peter und grinst.

Die Frau schreit auf:

„Meine Porzellan-Figuren!

Wo sind meine teuren Figuren?“

Blass wie eine Leiche steht die Frau

vor dem Schrank.

Er ist leer.

Plötzlich zuckt sie zusammen.

An der Decke hängt etwas.

Eine lebens-große Frauen-Figur.

Eine Skulptur aus Holz.

Aufgehängt am Hals.

Wie eine Tote hängt sie an der Decke.

„Meine Stereo-Anlage!“, ruft der Sohn.

„Wo ist meine Anlage?“

Fassungslos blickt er in das leere Regal.

„Mama“, schreit die Tochter.

„Hier im Klo ... hier sind deine Porzellan-Figuren.“

Die Mutter ist den Tränen nahe.

Ihre teure Sammlung liegt in der Klo-Schüssel.

Die Porzellan-Soldaten sehen sie an.

Fast vorwurfsvoll.

In der Küche sieht es nicht besser aus:

Töpfe, Konserven-Dosen, Tassen, Gewürze, alles ist auf einen Haufen gestapelt.

Der Kühlschrank ist offen.

Im Kühlschrank, da steht sie: die Stereo-Anlage.

„Nichts anfassen!“, befiehlt der Vater.

„Bloß keine Spuren verwischen!“

„Hier! Kommt mal her!“, ruft die Tochter.

 „Hier ist ein Brief!“

Auf dem Umschlag steht: LESEN!

Vorsichtig öffnet der Vater den Umschlag.

Auf einem Blatt sind Buchstaben aufgeklebt.

Buchstaben, aus Zeitungen ausgeschnitten.

Damit man keine Hand-Schrift erkennt.

Ein einziger Satz steht auf dem Papier:

DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI!

Alle sind sprachlos.

Niemand versteht, was hier passiert.

„Wir müssen die Polizei rufen“, sagt der Vater.

Seine Stimme ist kraftlos.

Peter schaltet die Bild-Schirme aus.

„Los, Jan, wir hauen ab!“

Er startet den Bulli.

Wir fahren durch die Siedlung.

Da hören wir schon die Polizei-Sirenen.

Mit Blaulicht fahren sie in Richtung Villa.

Wir grinsen uns an.

 

Turn-Schuhe

In der Stadt ist heute eine Demonstration.

Junge Leute protestieren in der Fußgänger-Zone.

Gegen Kinder-Arbeit.

Gegen Armut und Ausbeutung.

Einer von ihnen geht in den Sport-Laden gegenüber.

Er hat Flug-Blätter in der Hand.

Er geht zu einer Kundin und fragt sie:

„Weißt du eigentlich, wie die hier die Turn-Schuhe machen lassen?

Das machen die mit Kinder-Arbeit.

In Indonesien.

Auf den Philippinen.

In Asien.

Und du kaufst diesen Scheiß?“

Sofort kommt ein Verkäufer.

„Verlassen Sie sofort unser Geschäft!“

Aber der junge Mann bleibt und ruft weiter:

„Kinder müssen diese Schuhe machen.

12-Jährige.

Für einen Hunger-Lohn.

Die Kinder werden ausgebeutet.

Damit andere ihren Reibach machen.

Damit andere reich werden.

Ein paar wenige.

Super-reich.

Auf Kosten von Kindern.“

Zwei Verkäufer bedrängen jetzt den jungen Mann.

Sie schieben ihn immer weiter zum Ausgang hin.

Er wehrt sich.

Mit Händen und Füßen.

„Ausbeutung nennt man das.

Damit die Reichen immer reicher werden.

Kapiert das doch endlich!

Und wer diese Schuhe kauft, der macht sich mitschuldig.“

Schon stehen zwei Polizisten vor der Tür.

Mit Sturm-Helmen.

Und Schlag-Stöcken.

Sie packen den jungen Mann.

Sie prügeln ihn fast in den Wagen hinein.

In einen Wagen für Gefangene.

„Lasst ihn los!“, schreit Jule.

„Das ist eine angemeldete Demo.

Wir dürfen hier sein.

Lasst ihn los! Verdammt noch mal!“

Sie zerrt und reißt an den Polizisten.

Aber Jule wird einfach weggeschoben.

Die Türen schlagen zu.

Der Wagen fährt ab.

Wir wollen doch nur Gerechtigkeit, denkt Jule.

Jule könnte heulen vor Wut.

Zum Glück hat sie Peter.

Peter versteht sie.

Mit Peter kann sie über alles reden.

Aber Jule ahnt nicht,

dass Peter ein Geheimnis vor ihr hat.

Ein Geheimnis mit Jan.


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