"Be my Baby" in einfacher Sprache

Das Buch Be my Baby handelt von Nicole, einer 18-jährigen Frau mit Down-Syndrom. Nicole würde gerne heiraten und eine Familie gründen. Sie verliebt sich in ihren Nachbarn Nick. Nick hat keine Behinderung. Ihm ist es ein bisschen peinlich, dass Nicole in ihn verliebt ist. Und auch seine Eltern wollen keinen Kontakt zwischen den beiden. Als Nicole schwanger wird, muss sie gegen viele gesellschaftliche Widerstände ankämpfen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Buch  von Marita Erfurth nach dem gleichnamigen Film von Christina Schiewe.
 

Ich

Ich heiße Nicole.
Ich habe das Down - Syndrom.
Sagt meine Mama.
Ich finde nicht.

 

Mama

Meine Mama ist schon nett.
Und hübsch.
Sie lacht oft.
Aber sie glaubt immer noch, dass ich ein kleines Kind bin.
Bin ich aber nicht.
Ich bin erwachsen.
Mensch!

 

Jeden Morgen bringt sie mich zum Bus.
Jeden Morgen müssen wir rennen, weil Mama verschläft.
Jeden Morgen fragt sie mich dasselbe:
„Hast du dein Pausenbrot dabei?“
„Ja“.

„Und den Saft?“
„Ja Mama!“

„Dein Handy?“
„Ja -ha!“

„Und quatsch´ im Bus nicht alle Leute an, hast du gehört?“
„Ja, Mama“.

„Und geh nach der Arbeit direkt zum Bus!“
„Ja, ja, ja!“.

 

Ich liebe meine Mama.
Manchmal lass ich sie halt einfach reden.
Mama hat nie Geld.
Weil sie noch studiert.
Deshalb muss sie in einem Laden arbeiten.
Als Verkäuferin.

Oma hilft uns mit ihrem Geld.
Und sie passt auf mich auf, wenn Mama keine Zeit hat.
Und Oma spielt mit mir Memory.
Ich bin gut in Memory.
Eigentlich gewinne ich immer.
Oma schläft aber meistens ein, wenn wir spielen.

Mama hat keinen Mann.
Jedenfalls keinen richtigen.
Ich glaube, sie braucht einen Freund.
Damit sie noch jemanden anderen hat, als Oma und mich.
Zum Reden.
Und so.

Ich habe einen Freund.
Nick.
Wir werden mal heiraten und Kinder kriegen.
Eine Familie sein.
Das ist sicher, aber Mama glaubt das nicht.
Weiß nicht, wieso.

 

Mein Freund Nick

Nick wohnt neben uns.
Schon immer und ewig.
Wir sind fast gleich alt.
Er sieht so toll aus.
Dunkle Haare und so.
Toll.

Manchmal träume ich von Nick.
Schöne Träume sind das.
Wie wir zwischen den Wein-Reben spielen.
Zusammen lachen.
Wenn ich ihn nicht fangen kann.
Weil er so schnell rennt.
Und weil er dann doch auf mich wartet.
Schön ist das.

Jetzt kommt Nick gar nicht mehr so oft zu uns.
Komisch.
„Nick hat seine eigenen Freunde“, sagt Oma.

Nick ist oft mit ein paar Jungs zusammen.
Eine Bande irgendwie.
Nick gehört aber nicht richtig dazu.
Bei manchen Sachen darf er gar nicht mit machen.
Vielleicht mögen die ihn gar nicht.

Mich mögen sie jedenfalls nicht.
Wenn sie mich sehen, lachen sie mich immer aus.
Sie rufen dann:
„Schaut mal, die Behinderte!“, und so.
Oder: „Das wär doch was für dich, Nick!“.
Und Nick schaut dann ganz verlegen.
Wie wenn er sich schämt.

Nicks Eltern sind auch so komisch.
Streng jedenfalls.
Die Mutter eigentlich nicht so,
aber sie hat Angst vor Nicks Vater.
Sie macht alles, damit er nicht schimpft.
Sie putzt den ganzen Tag.

Einmal hat sie dabei ein kleines Reh aus Porzellan kaputt gemacht.
Es ist runter gefallen und ein Ohr ist abgebrochen.
Da hat sie geweint.
Vor Angst.
Weil das Reh dem Vater von Nick gehört.
Er hat sich an den Tisch gesetzt und das Ohr wieder angeklebt.
Und gesagt, sie soll mit dem Weinen aufhören.
Weil sie ja sonst gut putzen kann.
Und nicht dauernd etwas kaputt macht.
Dabei hat er aber ganz komisch geguckt.

 

Das Heft

Ich arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
Die Arbeit macht Spaß.
Hermann sitzt hinter mir und macht viel Blödsinn.
Er gibt mir immer Küsschen und so.

Manchmal muss man sich aber beeilen und darf mit niemand reden.
Weil die Arbeit fertig werden muss.
Dann drehe ich mich nur zu Hermann um, wenn der Leiter es nicht
sieht.

In der Werkstatt ist Hermann mein Freund.
Er hat auch das Down - Syndrom.
Halt richtig.
Nicht so, wie bei mir.

„Spielen wir was?“ fragt Hermann in der Pause.
„Vater - Mutter - Kind“, sage ich.
„Du bist das Kind“.
Will er aber nicht.
Er heult, weil er ein Mann sein will.
Ist er aber nicht.
Finde ich.
Na ja.

Manni schon eher.
Aber mit dem will ich nicht mehr befreundet sein.
Der ist manchmal richtig blöd.

Manni setzt sich neben uns.
Er hat ein Heft in der Hand.
Er liest vor:
„GE-SCHLECHTS-VER-KEHR“

Ich bin neugierig.
Noch nie gehört, das Wort.
„Was ist das?“, frage ich.
„Na, bumsen, du Idiot!“
„Bin kein Idiot!“, brülle ich und will das Heft haben.

Aber Manni ist groß.
Und stark.
Ich krieg es nicht.
Er hält das Heft über seinen Kopf, und ich komme nicht dran.

„Du kriegst es nur, wenn du mir einen Kuss gibst.“
Er grinst böse.
„Vielleicht!“, sagt er dann noch.
Ganz langsam sagt er es.

Ich will ihm keinen Kuss geben.
Aber ich will das Heft.
Weil ich wissen will, wie das geht.
Das mit dem Bumsen.

„Na gut“, sage ich.
Ich gebe ihm einen kleinen Kuss.
Neben seinen Mund.

Das regt Simone auf.
Die Freundin von Manni.
Ich schnappe mir das Heft.

Simone streitet mit Manni und rennt ihm hinterher.
Das macht Lärm und die Betreuer kommen.
Es gibt Ärger.
Und Manni lügt.

Er sagt, dass er nichts mit dem Heft zu tun hat.
Und alle schauen wieder mich an.
Wie wenn immer ich den Ärger mache.

Und dann kommt auch noch der Werkstatt - Leiter.
Er sagt, ich soll ab jetzt im Lager arbeiten.
Damit ich die anderen nicht ablenke.
Klar.
Immer ich.
Und keiner hilft mir.
Auch nicht Hermann.

Ich bin traurig.
Richtige Freunde helfen einander.

Aber immerhin:
Ich hab das Heft.
Bei uns im Garten schaue ich es mir an.
Ich will nicht, dass Mama dazu kommt.
Ich will mir die Bilder in Ruhe anschauen und den Text lesen.

Es ist ein Aufklärungs - Heft.
Ich lese, wie man Mama wird.
Was der Mann macht.
Und die Frau.
Zusammen.
Ich will das auch machen.
Mit Nick.

 

Der Blick

Nick ist im Garten.
Er gießt die Hecke mit dem Wasserschlauch.
An der Grenze zu unserem Garten.

Ich schleiche mich an.
Damit er überrascht ist.
Dann rufe ich ihn.

Jetzt schaut er hoch.
Mürrisch, irgendwie.
Wie, wenn er keine Lust hat, mit mir zu reden.
Nicht so fröhlich wie sonst.

„Was ist?“, fragt er und spritzt mich voll an.
Mein T-Shirt wird ganz nass.
Alles.
Da sieht er mich an.
Lange.

Das ist schön.
Aufregend.
Ich gefalle ihm.
Ich weiß es.
Und ich will ihm gefallen.
Meinem Nick.

Er sieht meinen BH jetzt.
Durch das nasse T-Shirt.
Langsam reibe ich über meine Brüste.

Da ruft Mama.
Sie hat mich gesucht und kommt her.
„Du bist ja ganz nass!“, ruft sie.

Nick sagt:
„Ich kann nichts dafür. Sie ist mir in den Wasser-Strahl gelaufen.“

Das stimmt nicht.
Das muss Nick doch wissen.
Schade, dass er das sagt.
Schade, dass er die Schuld auf mich schiebt.

Mama fragt ihn, ob er mit uns essen will.
Er soll zu uns rüber kommen.
Ich glaube er kommt.

Zuhause will Mama, dass ich die nassen Kleider ausziehe.
Aber ich will noch nicht.
Ich will, dass Nick mich nochmal so ansieht, wie vorhin.
Das ist ein gutes Gefühl.
Es kribbelt.
Überall.

Am Tisch gehe ich ganz nah zu ihm hin.
Mama wundert sich darüber.
Das kann ich sehen.
Aber sie sagt nichts.
Nur, dass ich Nick in Ruhe lassen soll.
Und mich hinsetzen.

Ich glaube, Mama weiß gar nicht, dass wir uns vorhin so angeschaut haben.
Und was für ein Gefühl das war.
Ich will das bald wieder machen.
Ich will das machen, was in dem Aufklärungs-Heft steht.


Weitere Beiträge, die Sie interessieren könnten.

Der Chef und sein Clown

Auf der Bühne zeigt das inklusive Clownduo Lukas und Frieder Besuch, dass Komik oft aus dem Scheitern entsteht. Privat leben die Brüder in Berlin.

Inklusives Clownduo
Im Westen nichts Neues

Das Buch von Erich Maria Remarque ist auch 100 Jahre nach dem 1. Weltkrieg mehr als ein Zeitzeugendokument – es ist ein Anti-Kriegs-Plädoyer.

Plädoyer gegen Krieg
Sherlock Holmes

Auf der Suche nach einem Patienten trifft Dr. Watson in einer Opium-Höhle auf - Sherlock Holmes! Der ist in geheimer Mission unterwegs ...

Der Mann mit der Narbe

Was du tun kannst

Gutes tun und gewinnen

Mit einem Los der Aktion Mensch

Jetzt Los kaufen

So kannst du beitragen

Freiwillig engagieren oder Projekt starten

Über Inklusion informieren

Die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen